Wiederentdeckung Im Farbenrausch ferner Länder

Der irisch-griechische Schriftsteller Lafcadio Hearn schwelgte in Exotismus, begeisterte sich für kreolische Kultur, für die Karibik und Japan - die Geschichte einer irrenden Liebe.

Von Jutta Person

Diesen Duft einzufangen, diesen Schmelz von der schon welkenden Blume abzustreifen, dazu hatte ihn das Schicksal bestimmt", schrieb der Nostalgiker Stefan Zweig über den Nostalgiker Lafcadio Hearn. Der irisch-griechische Schriftsteller, Journalist und Globetrotter war immer dort, wo die Welt von gestern unterzugehen begann und wo das Neue nicht unbedingt Besseres zu verheißen schien, sondern wahlweise: Verrohung, Verlust des Volksgeistes (im Sinne des 19. Jahrhunderts), Machtübernahme durch die Moderne. Vor dem endgültigen Siegeszug der westlichen Zivilisation aber feierte Hearn, der Märchen- und Mythenfreund, noch einmal die intensiven Farbspiele, Düfte und Stimmungen einer Zeit, in der das sogenannte Eigene dem Fremden bald den Garaus machte. Hearn selbst war einer der faszinierendsten Kosmopoliten dieser Ära, auch wenn er sich während der letzten vierzehn Jahre seines Lebens in einen Nationalisten verwandelte. Einen japanischen, wohlgemerkt, denn Hearn lebte seit 1890 in Japan. Anzunehmen, dass aus einfühlsamen Kosmopoliten keine kriegsbegeisterten Nationalisten werden könnten, wäre ein Denkfehler.

Geboren 1850 als Sohn einer griechischen Mutter und eines irischen Militärarztes, der mit seinem britischen Regiment auf der Insel Lefkada stationiert war, wuchs Lafcadio Hearn in Dublin bei einer Großtante auf. Die Eltern, die er nicht wiedersah, hatten sich getrennt; die Tante schickte ihn auf ein französisches, später auf ein englisches Internat, wo er bei einem Schulhofunfall sein linkes Auge verlor: eine wohl eher trübselige Kindheit und Jugend. Mit 19 Jahren wanderte der belesene Sonderling nach Amerika aus und begann, nach der Lehrzeit in einer Druckerei in Cincinnati, als Zeitungsreporter zu arbeiten und aus dem Französischen zu übersetzen; im New Orleans der 1870er- und 1880er-Jahre schrieb er voller Enthusiasmus über die kreolischen Einwohner Louisianas. Er gab ein Kochbuch der kreolischen Küche heraus und verfasste eine literarische Huldigung der Kreolgesellschaft, die im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschien: "Chita" ist die rührende Geschichte eines kreolischen Mädchens, das einen Hurrikan überlebt und von Fischern aufgezogen wird.

Für die Neuausgabe von "Japans Geister" schuf Franziska Neubert 17 Holzschnitte. Abbildung aus dem besprochenen Band

Nach New Orleans finden sich Hearns Spuren auf der karibischen Insel Martinique: Zwei Jahre verbrachte er in der französischen Kolonie, sammelte Sagen und Geistergeschichten und genoss das als malerisch empfundene Tropenleben. 1890 veröffentlichte er den schmalen Roman "Youma", dessen jetzt erschienene deutsche Übersetzung Hearns Karibikfaszination in neuer Pracht erstrahlen lässt. Die Geschichte der schönen Sklavin Youma, die ihren Geliebten nicht heiraten darf und den Wirren des Sklavenaufstandes von 1848 zum Opfer fällt, ist gleichzeitig auch die Geschichte der untergehenden Sklavenhaltergesellschaft.

Vor allem aber feiert "Youma" die Insel und ihre Bewohner in einem zeittypisch ornamentalen, adjektivgesättigten Stil, der an den Schwärmerton des Erfolgsschriftstellers Pierre Loti erinnert. Vom "reinen dunklen Rot" bis zu "bronzefarben" und "golden" leuchten die Hautfarben, allesamt Beispiele "für die Schönheit der vermischten Rassen". Die vom Erzähler so bewunderten Naturwesen sind genauso liebreizend wie die Insel selbst mit ihren grünen Hügeln, violetten Berggipfeln, tiefschwarzen Stränden, goldgelben Zuckerrohrfeldern - Traumfarben, die an die Bilder Gauguins erinnern. Der im Übrigen zur selben Zeit auf der Insel arbeitete, woran das aufschlussreiche Nachwort des Übersetzers Alexander Pechmann erinnert.

Der irisch-griechische Schriftsteller Lafcadio Hearn (1850 - 1904) mit seiner japanischen Frau.

(Foto: imago)

Wenn die karibische Idylle kaum noch zu ertragen ist, wendet sich alles ins Tragische

Gerade dann, wenn die Idylle vor lauter Liebreiz und Blumigkeit kaum mehr erträglich ist, wendet sich alles ins Tragische: Weil Youma sich ihren weißen Herren verpflichtet fühlt, deren Kind sie als Amme betreut, verbrennt sie zusammen mit den im Haus verbarrikadierten "békés", den Plantagenbesitzern der Insel. Der Roman, zwar emphatisch in der Verurteilung der Sklaverei ("Einen guten master gibt es nicht!", erklärt der Geliebte), sieht die rohe Gewalt am Ende dann doch auf der Seite der losgelassenen schwarzen Underdogs. Der völkerpsychologisch informierte Erzähler kennt "die dunkleren Potenziale dieses halbwilden Temperaments: seine plötzliche Fähigkeit zur Grausamkeit"; hier liegt der Roman ganz auf der Linie des Exotismus seiner Zeit.

Aus heutiger Sicht würde man die Verherrlichung des Naturwesens, das seine animalische dunkle Seite nicht verleugnen kann, wohl positiven Rassismus nennen. "Youma" ist aber vor allem wegen der eingestreuten kreolischen Märchen und Mythen bemerkenswert; fantastisch sind zum Beispiel die "Geschichten von nächtlichen "Zombi"-Spukwesen, die die Amme ihrem Kind erzählt. Hearn, der sich für die Struktur von Sagen aus aller Welt interessierte, lässt eine fremde Erzähltradition lebendig werden.

Leseprobe

Einen Auszug aus "Youma" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ähnliches gilt für Hearns japanische Jahre: Seine Neugier auf alles Spukhafte und Gespenstische, auf Märchenwesen, Kobolde, Wiedergänger, Schneefrauen, Teufelsaustreiber, war grenzenlos - im gerade erschienenen, fantastisch gestalteten Band "Japans Geister" haben sie ihre Auftritte. Dazu kommen Essays über den japanischen Alltag, über Buddhismus und Shintoismus, Haustierhaltung, Städtebeschreibungen, Gartenmeditationen, Gespräche mit Priestern, jungen Soldaten, Straßenverkäufern - so unterhaltsame wie originelle Reportagen, die den geschulten Stilisten und den teilnehmenden Beobachter erkennen lassen. Den Journalistenberuf hatte Hearn zwar schon bald an den Nagel gehängt. Kurz nach seiner Ankunft in Japan - das Harper's Magazine hatte ihn als Korrespondenten nach Yokohama geschickt - zerstritt er sich mit seinem Auftraggeber, ergatterte eine Lehrerstelle und heiratete die Tochter eines Samurais. Das Leben im gelobten Land war gesichert. 1904 starb Hearn, der die japanische Staatsbürgerschaft und einen japanischen Namen angenommen hatte, als Koizumi Yakumo; zuletzt hatte er als Professor für Englische Literatur in Tokio gelehrt.

Die siebzehn Essays, die in den historischen Übersetzungen von Berta Franzos erscheinen, hatte der Verlag Rütten & Loening von 1905 an in verschiedenen Bänden veröffentlicht; sie machen die allgemeine Japanbegeisterung kenntlich, die auch Stefan Zweig und Hugo von Hofmannsthal erfasst hatte.

Das elfenhafte, zierliche, sanfte, exquisite, kuriose, groteske, mysteriöse, drollige, seltsame Japan: Hearns Adjektiv-Arsenal ist Bestandteil einer romantischen Verklärung. Und es lässt die Vermutung aufkommen, dass bei solch einer überbordenden Zuneigung zu einem ganzen Volk ein Reinheitsfetisch heranwächst, der mit dem Ideal des Gemischten, beim Kreolen noch so geschätzt, nicht mehr zu vereinbaren ist. Tatsächlich habe Hearn, so berichtet der Japanexperte Christoph Neidhart in seinem sehr lesenswerten Nachwort, die Japaner dazu aufgerufen, "sich gegen den Westen abzuschirmen und beispielsweise keine westlichen Kleider zu tragen"; noch dazu "verurteilte er gemischte Ehen (wie seine eigene) und beschwor die 'japanische Seele'". Einer der schönsten Texte dieses Bandes handelt von einem winzigen Heimchen, das in seinem liliputanischen Insektenkäfig leise vor sich hin zirpt, bis es stirbt. So viel Zärtlichkeit und Empathie steckt in den Sätzen, und doch auch ein vages Bewusstsein dafür, dass irgendetwas schiefgelaufen sein muss mit dieser Liebe.

Lafcadio Hearn: Youma. Roman. Aus dem Englischen von Alexander Pechmann. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016. 140 Seiten, 17,90 Euro.

Lafcadio Hearn: Japans Geister. Aus dem Englischen von Berta Franzos, mit Holzschnitten von Franziska Neubert und einem Nachwort von Christoph Neidhart. Die Andere Bibliothek, Berlin 2015. 415 Seiten, 42 Euro.