Hat Tom Cruise der Sektenbeauftragten der CDU eigentlich schon Blumen geschickt? Nie funktionierte das Scientology-"Project Celebrity" besser als jetzt.
Hat Tom Cruise der Sektenbeauftragten der CDU, Antje Blumenthal, eigentlich schon Blumen geschickt? Immerhin hat keine Einzelperson je so viel für die Rehabilitierung der in Deutschland so verhassten Scientologen getan wie Frau Blumenthal. Ein furioses Eigentor für die Demokratie war ihr kühner Vorstoß, Verteidigungsminister Franz Josef Jung das Versprechen abzuringen, dass Regisseur Bryan Singer für seinen Film über Stauffenberg nicht in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock drehen darf, weil Cruise Sprecher der Scientologen ist.
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Nun gibt es für Journalisten keine größere Schadenfreude, als Politiker dabei zu betrachten, wenn sie sich in eine richtig ausweglose Pattsituation manövriert haben und sich dann um Leben und Karriere reden. Wäre man als Journalist in diesem Falle nicht mit in diese Pattsituation hineingezwungen worden. Über zwei Wochen dauert die Debatte nun schon an, ob Tom Cruise als Scientologe im Bendlerblock drehen darf oder nicht. Und es blieb einem als Demokrat und Vertreter der demokratischen Medien gar nichts anderes übrig, als sich angesichts der undemokratischen Übergriffe der CDU schützend vor die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat zu stellen.
Hysterische Verteufelung?
Kein Leitmedium konnte sich darum drücken, das Grundrecht zu verteidigen. Prominente Namen schlugen sich für die Religionsfreiheit in die Bresche. Die ehemaligen Berliner Bürgermeister Schütz und Diepgen, Oscarpreisträger von Donnersmarck, der Schauspieler Sky Dumont. Bald schon verschob sich die Debatte von der Frage nach dem Verfassungsartikel 4 in kultur- und glaubensgeschichtliche Erörterungen darüber, ob Tom Cruise ein guter Stauffenbergdarsteller sei oder nicht und wo die Wurzeln für die hysterische Verteufelung der Scientology in Deutschland liegen. Da aber kommt den Demokraten das Prinzip Glamour in die Quere. Denn der Ruhm eines Weltstars wie Tom Cruise ist so viel öffentlichkeitswirksamer als eine verfassungsrechtliche Betrachtung. Und hier kommt das Patt.
Nein, die Church of Scientology bringt weder die Demokratie noch unsere Söhne und Töchter in Gefahr. Laut Verfassungsschutz gehören der Gruppe in Deutschland nicht mehr als 6000 Mitglieder an. Die Gruppe ist zwar dafür bekannt, auf Kritiker und Aussteiger Druck auszuüben, der hart an der Grenze zur Legalität und weit über der Grenze des Erträglichen liegt. Aber die Straftaten, derer man Anhänger der Kirche bisher in den USA überführte, sind relative Lappalien: Verschwörung, Rufmord, Unterwanderung.
Und doch hat die Debatte um Tom Cruise die Hüter der Demokratie nun gezwungen, sich schützend vor eine zutiefst undemokratische Organisation zu stellen. Wie undemokratisch die Church of Scientology ist, erklärt der New Yorker Sektenexperte Rick Ross mit einem einfachen Schema. 1961 veröffentlichte der Harvard-Psychologe Robert J. Lifton nach Studien von Umerziehungslagern in China und Nordkorea die acht Kriterien der Gehirnwäsche.
Dazu gehört die Isolation des Subjekts von seinem Umfeld, die Mystifizierung der Gruppenziele, das Ritual der Beichte, das Streben nach Reinheit, die Aura der heiligen Wissenschaft, die Neubesetzung von Begriffen, der Gruppengeist und das Erlösungsversprechen. Sind vier oder mehr dieser Kriterien erfüllt, handelt es sich um Gehirnwäsche. Scientology erfüllt laut Ross alle acht Kriterien. "Scientology ist ein totalitäres System", sagt er. Dazu gehört auch ein Allmachtsanspruch.
"Prominente sind wertvoll"
Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte der Demokratie, dass es zu einem solchen Patt kommt. Von der Machtergreifung bis zum Wahlsieg der Hamas gerät die Demokratie immer dann in eine Zwickmühle, wenn der Wille des Volkes so ganz und gar undemokratisch ist. Denn dann ist die Demokratie aus der eigenen Natur gezwungen, den eigenen Fortbestand den Prinzipien zu opfern. Denn wenn es die Demokratie wagt, sich gegen diesen selbstzerstörerischen Mechanismus mit undemokratischen Mitteln zu wehren, wird sie zur Diktatur.
Es gibt keinen Ausweg aus der Pattsituation des demokratischen Paradoxons. Die Verteidigung der Grundwerte ist für eine Demokratie zwingender als die Selbstverteidigung. Eines steht allerdings fest. Mit dem Fall "Valkyrie" funktionierte das "Project Celebrity", das Prominentenprojekt des verstorbenen Sektengründers L. Ron Hubbard so perfekt wie selten zuvor.
L. Ron Hubbard hatte seine Anhänger schon in früh in der Geschichte der Scientology angewiesen, Stars und solche, die es werden könnten, zu rekrutieren, um Öffentlichkeit zu schaffen. In einem Rundschreiben vom Frühjahr 1955 formulierte er das "Project Celebrity" als eine Art spiritueller Großwildjagd auf Namen wie Picasso, Garbo und Crosby. 1973 bestätigt der Kirchenvorstand in einem Schreiben: "Prominente sind wertvoll. Sie können dabei helfen, noch mehr Menschen auf die Brücke zu bringen."
So wird von der Sommerdebatte um Tom Cruise nur wenig bleiben. In den Vereinigten Staaten hat sich der Eindruck gefestigt, Scientology werde in Deutschland als Glaubensgemeinschaft verfolgt. Die breite Öffentlichkeit sympathisiert nun mit Cruise. Wenn alles nach Plan verläuft, wird er für den Film sogar einen Oscar bekommen. Einen Oscar für einen Film über den deutschen Widerstand, den er trotz bundesdeutschen Widerstandes gedreht hat. Furioser könnte das Eigentor nicht sein.
(SZ vom 10.7.2007)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Ja, freilich ist Scientology eine totalitäre Organisation, die lächerliche Science-fiction-Märchen verbreitet. Allerdings wohl kaum mit der katholischen Kirche zu vergleichen, die ebenso totalitär ist, aber sich darüber hinaus auch gegen Menschenrechte stark macht (Gleichberechtigung der Frau oder Homosexueller) und einen Allmachtsanspruch vertritt (neulich meinte Ratzinger doch gar, dass die evangelische Kirche gar keine richtige sei, da diese Christenart nicht an den Paps glaubt) - und die ungleich viel mehr Macht (und Geld) als die skurrile Cruise-Sekte hat. Vom Staat durch Einziehen der Kirchensteuer auch noch gefördert...
Und CDU-Kasper fordern schon, die "Schöpfungsgeschichte" in den Biologieunterricht aufzunehmen - das nenne ich doch mal gefährliches Sektierertum. Dann wird D bei PISA nicht mal mehr im schlechten Mittelfeld landen. Soviel Schaden könnte Scientologie nicht einmal anrichten, wenn all die Propaganda stimmen sollte.
Auch wenn die Scientologen nur religiös tun, der Film via Cruise eine Marketingveranstaltung nicht nur für diese Sekte ist sondern für antidemokratische Haltungen sind wir in einer Demokratie verpflichtet - christlich - dies nicht mit Gleichem zu vergelten, also die andere Backe auch noch hinnzuhalten und donnermarkend und voll seliger Tolaranz durchströmt zu sagen - laßt ihn doch, wenn er doch so gerne will.
Es gab schon mehr Spinner, die die Weltherrschaft wollten, kann man sich ja nicht über jeden aufregen.
Wir sind dafür die besseren Menschen und es gibt ja Meinungen, die sagen, der Film wird eh ein Schmarrn (was, wenn es stimmt?)
Distanzieren wir uns von dem Film, und die die so einen Foilm ernst nehmen und die sowieso eher gefährdet sind auch Scientologen reinzufallen, die sind ja schließlich selber schuld - also was solls?
Furioses Eigentor - welch passende überschrift wenn man den ersten Satz bedenkt.
Hat Tom Cruise der Sektenbeauftragten der CDU eigentlich schon Blumen geschickt?
Der Sektenbeauftragten der CDU? Ein Wortspiel?
Ich muss zugeben das ich kurz lachen musste, bis ich im TV sehen durfte, dass eine Kollegin von Frau Antje Blumenthal - Frau Karin Wolf ebenfalls CDU - versucht in Hessen die Schöpfungsgeschichte in den Biologieunterricht zu integrieren.
Was wird unsere Sektenbeauftragte dagegen tun - wie sich dazu äußern?
In den USA ist die Einbindung der Schöpfungsgeschichte - meine ich - schon längst Fakt, genauso wie die Scientology Kirche.
Nun haben wir also eine Sektenbeauftrage die objektiv über Sekten in (der) B(RD) zu walten hat, selbst in einer solchen tätig ist, in einer nach ihr gerichteten Partei arbeitet und ganz nebenbei mit einem Konkurrenten befasst ist.
Es ist unglaublich!
Mal abgesehen davon das der "Ernst der Lage" in Ihrem Artikel nicht zum Ausdruck kommt, er erinnert vielmehr an Klimadebatten vor Jahren (man vergleiche den Medienhype heute), erwarte ich mehr als lesbare Machtlosigkeit von der SD!
Ein Amerikaner der schon die Kirchensteuer nicht verstehen kann, wird bei dieser
Doppelmoral (dem vielleicht eigentlichen Paradoxon) nicht folgen können.
Und der Deutsche wird sich wieder auf die Unterschiede zwischen D und USA berufen und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Grüße aus München
Mehr Toleranz gegenüber einer Religionsgemeinschaft wie Scientology wäre angebracht seitens der etablierten Religionsgemeinschaften und Verantwortlichen in der Politik. Mir scheint, dass die Intoleranz gegenüber Neuem ein Grundübel in unserem Land ist. Es werden dabei schnell Feindbilder geschaffen, welche nicht der Realtät entsprechen.
Seit über 15 Jahren bin ich Scientologe und das ist, was ich dazu meine: http://www.myreligion.info
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