Von Jean-Michel Berg

Neue Netzwerke wie Hatebook und Introvertster mucken im Web 2.0 gegen den sozialen Dauerstress bei Facebook und Konsorten auf. Ihre Mitglieder wollen keine Freunde, keine Kontakte, keine Bestätigung - sondern einfach ihre Ruhe.

Soziale Netze gelten derzeit als das nächste große Ding im Internet, so zukunftsträchtig, dass die einstigen nächsten großen Dinger Microsoft, Yahoo und Google schon unruhig werden und ein Wettbieten um den Branchenprimus Facebook entfacht haben.

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Endlich Schluss mit dem zweiten Leben - neue antisoziale Netzwerke wollen das Web 2.0 von innen sprengen. (© Foto: http://airbagindustries.com/introvertster/)

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Als das nächste große Ding in einem an nächsten großen Dingern nicht armem Geschäft gilt dabei die Integration aller sozialen Netzwerke zu einem Metanetzwerk: Die Mitgliedschaft bei MySpace würde dann auch die Tür zu Facebook, Friendster und Ähnlichem öffnen, und damit den freien Fluss persönlicher Daten unendlich erweitern.

Doch an den Rändern des Internets regt sich Widerstand. Die versuchten oder gelungenen Übernahmen haben gezeigt, dass soziale Netzwerke keine Wohltätigkeitsorganisationen sind. Wenn Microsoft für einen Anteil von fünf Prozent an Facebook 500 Millionen Dollar bietet, dann bedeutet das nichts anderes als eine Übernahme der Nutzer, und zwar zu einem Preis von 25 Dollar pro Kopf.

Weil die oft ausführlich über ihre Vorlieben Auskunft geben, machen sie sich selbst zu dem durchsichtigen Kunden, von dem jeder Werbestratege träumt. Zudem verbringen die Nutzer viel Zeit in den Netzwerken und haben dort ihre Startrampe ins übrige Internet. Wer hier seine Suchmaschine platzieren kann oder gar eine Verkaufsplattform, erhöht wiederum den Verkehr auf seiner Seite.

Im Hass vereint

Solche, kulturtechnisch gesehen feindlichen Übernahmen treffen das Web 2.0 im Herzen. Als eine subkulturelle Bewegung organisiert es seine Inhalte von unten her: So wie der Weblog den Journalismus demokratisiert, so YouTube und MySpace die Unterhaltung. Doch nun wiederholt sich jener Zyklus, in dem noch fast jede einigermaßen starke Subkultur von der Kulturindustrie aufgesaugt wird. Wenn H&M Palästinensertücher verkauft, hören diese auf politisch zu sein; wenn die Arbeit am Web 2.0 in eine Verwertungskette eingespeist wird, an deren Ende möglicherweise Bill Gates oder Rupert Murdoch stehen, kann keine Subkultur mehr überleben.

Es muss aber gar keine Übernahme sein, es reicht schon, wenn nur die Verfahren kopiert werden, wie es die schwächelnde Musikindustrie mitunter versucht. Dieses Jahr wurde auf YouTube ein Musikvideo von Marié Digby lanciert, das den Schlüsselreiz des Amateurhaften bediente. So etwas untergräbt den Tellerwäschermythos des Web 2.0, den die Popkarriere der Arctic Monkeys über MySpace einst verbreitet hat, und der sich ja gerade gegen die Arroganz der großen Labels richtet.

Daneben spielt freilich auch eine Rolle, dass soziale Netzwerke zunehmend als Stress empfunden werden. In diesem "online popularity contest" will jeder einen möglichst großen Freundeskreis haben, am besten - wie auf MySpace möglich - mit ein paar Popstars garniert. Doch wenn Freundschaft zur Währung wird, mit der man sozialen Status erwirbt, ist sie nichts mehr wert.

Dass sich nun Widerstand gegen soziale Netzwerke regt, heißt nicht, dass die Mitgliederzahlen schrumpfen. Es hat sich allerdings ein Unbehagen eingestellt. Vor nur einem Jahr erschien in der New York Times noch ein paradigmatischer Text von Theodora Stites, eine Hymne auf ein Privatleben, das über das Internet reguliert wird: "Es mag elektronisch sein, aber es ist gleichwohl Intimität." Vor einigen Tagen nun durfte man in der gleichen Zeitung ein Dokument des Umschwungs mit dem Titel "The Fakebook Generation" lesen.

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