Wettbewerb der Berlinale 2013 Grausame Gärtnerin

Waldwesen: Vic (Pierette Robitaille) und Flo (Romane Bohringer, vorn).

(Foto: dpa)

Die Geschichte von "La Religieuse" hätte viel Material hergegeben über das Zusammenleben von Frauen, das so friedlich meist doch nicht ist. Das merkwürdige Werk "Vic+Flo" wird da schon deutlicher. Frauenfilme auf der Berlinale.

Von Martina Knoben, Berlin

Man könnte mit dem Pelz von Cornelia beginnen oder mit den dicken Lagen von schwerem Stoff, unter denen die Nonnen in "La Religieuse" von Guillaume Nicloux förmlich begraben sind. Es war ein Wochenende voller Frauenfilme - und da spielten die Kostüme eine besondere Rolle. Der Pelz zum Beispiel weist Cornelia in Calin Peter Netzers "Pozitia Copilului" (Child's Pose) als Mitglied der besseren Bukarester Gesellschaft aus. Und er ist eine Ohrfeige ins Gesicht der einfachen Leute, denen Cornelia auf einer Polizeistation gegenübersitzt: Ihr Sohn hat gerade deren Kind überfahren; nun wird sie alle ihre Beziehungen spielen lassen und auch Geld anbieten, um dem Sohn die Konsequenzen seines Handelns zu ersparen.

Wie man mit Schuld und Verantwortung umgeht, ist ein Thema dieses rumänischen Films, der - formal bescheiden, mit dokumentarisch anmutenden Mitteln - die Geschichte einer sich selbst zerstörenden Familie wie selbstverständlich ins Gesellschaftliche zieht. Netzers Analyse ist hochspannend, und sie fällt niederschmetternd aus: Korruption scheint an der Tagesordnung, die Kluft zwischen Arm und Reich wirkt gigantisch. Und man weiß nicht, welche Generation man abstoßender finden soll - die der Eltern, die mit ihrem Wohlstand protzen und die Romane von Herta Müller ungelesen ins Regel stellen, oder ihren verwöhnten Nachwuchs, der sogar zu feige ist zum Kinderkriegen. Wobei die Figuren, zum Glück, nie eindeutig sind, vor allem Luminita Gheorghiu als Cornelia weiß durchaus zu rühren mit ihrer Mischung aus Eigen- und Sohnesliebe.

Das Attribut Kostümfilm gilt ja oft als Schimpfwort, in "La Religieuse" (Die Nonne) von Guillaume Nicloux aber sind die Kostüme nicht nur ein Attribut der Charakterisierung, die Frauen werden durch ihre Kleidung vielmehr endgültig beschrieben - sie sind, wessen Kleid sie tragen: Angehörige eines bestimmen Ordens, einer Klasse, einer Familie. Nicloux' Film beruht auf dem gleichnamigen Roman des Aufklärers Denis Diderot, erzählt wird das Martyrium einer Nonne wider Willen. Eine frühere Adaption durch Jacques Rivette wurde 1966 sogar verboten.

Und immerhin wartet "La Religieuse" mit Isabelle Huppert und Martina Gedeck in Nebenrollen auf, dazu kommt eine hinreißende Hauptdarstellerin, Pauline Étienne, eine Newcomerin - sie ist die Entdeckung dieser Premiere mit ihrem zarten, trotzigen Jeanne-d'Arc-Gesicht, das sie der rebellischen Suzanne leiht, die 16-jährig ins Kloster gesteckt wird. Wenn Suzanne Nein sagt bei ihrer Profess, auf einem eigenen Willen besteht, wo Frauen doch immer nur zu gehorchen hatten, dann ist das ungeheuerlich - und ein aufregendes Schauspiel widerstreitender Gefühle auf einem ikonisch schönen Gesicht. Suzannes Leiden im Kloster dagegen, gepeinigt erst von einer sadistischen, dann von einer lüsternen Oberin (sehr neurotisch: Isabelle Huppert), ist dagegen so kolportagehaft und brav dabei, dass der aufklärerische Stachel der Selbstliebe kaum noch zu spüren ist.

Dabei hätte die Geschichte von "La Religieuse" viel Material hergegeben, über das Zusammenleben von Frauen nachzudenken, das so friedlich dann doch meist nicht ist. Da ist "Vic+Flo ont vu un ours" (Vic+Flo haben einen Bären gesehen) von Denis Côté schon deutlicher, nicht nur weil die Liebe der beiden Heldinnen zueinander grundsätzlich gefährdet ist. Zusätzlich tritt ihnen eine grausame Rächerin entgegen, die auch einem Tarantino-Film entstammen könnte. Sie nennt sich eine Gärtnerin und ist unbarmherzig wie das Schicksal. "Vic+Flo" ist ein merkwürdiges Werk, ein bizarrer Fremdkörper im Wettbewerb, angesiedelt im Wald, wohin sich die Frauen - beide Ex-Häftlinge - zurückgezogen haben. Das neue Leben, das sie beginnen wollen, gewinnen sie aber nur in der Traumlogik des Kinos.

Ob es eine glückliche Wendung wohl für Jafar Panahi geben wird, den in seiner Heimat mit Berufsverbot belegten iranischen Filmemacher? Vor zwei Jahren war er Mitglied der Berlinale-Jury, durfte aber nicht ausreisen. Trotz Verbots hat Panahi ein neues Werk geschaffen. Die Bundesregierung hat Iran aufgefordert, Panahi die Teilnahme an der Premiere seines Films "Geschlossener Vorhang" zu ermöglichen, der am Mittwoch gezeigt werden wird. "Wir appellieren an die iranische Regierung, Jafar Panahi ausreisen zu lassen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. "Die Filmfestspiele sind ein friedliches und tolerantes Zusammentreffen von Filmschaffenden und Filmliebhabern aus aller Welt. Da sollte niemand zurückgehalten werden."