Wettbewerb der Berlinale 2013 Abgetaucht und untergegangen

Im Mikrokosmos eines Gymnasiums herrscht blanke Gewalt: "Harmony Lessons" von Emir Baigazin, ein Berlinale-Beitrag aus Kasachstan.

(Foto: dpa)

David Gordon Green und Emir Baigazin zeigen auf der Berlinale Filme über eine neue, andere Welt. Die ist beim einen so hell und lustig, wie sie beim anderen grausam ist.

Von Philipp Stadelmaier

Im bisherigen Wettbewerb der Berlinale hatte sich das Kino aus der Welt zurück gezogen, an ihre Ränder ("Vic et Flo") und in ihre Verliese ("La Religieuse", "Camille Claudel", "Closed Curtain"). Auch David Gordon Greens Wettbewerbsbeitrag "Prince Avalanche" zeigt Leben und Arbeit zweier Straßenarbeiter in völliger Abgeschiedenheit: in einem texanischen Wald, wo sie den Sommer 1988 verbringen, um nach einem schweren Brand neue Fahrbahnmarkierungen anzubringen.

Zunächst haben beide noch eine Sehnsucht nach der Welt, die sie verlassen haben. Der kultivierte, schnauzbärtige, Deutsch lernende Alvin (Paul Rudd) schreibt aus der Einsamkeit romantische Liebesbriefe an die Schwester von Lance, während es diesen selbst (Emile Hirsch) eher zu Parties und Sex in die Städte zurück zieht.

Aber bald schon werden diese Verbindungen zur Außenwelt gekappt: Die Schwester macht per Brief Schluss und auch die Partywochenenden laufen nicht mehr wie sie sollen. Im Stehen sei er eingeschlafen, berichtet Lance, und mit der Freundin seines besten Freundes habe es auch nicht geklappt. Der hat ihn stattdessen verprügelt. So konkretisiert sich immer mehr das Gefühl, dass die Welt außerhalb des Waldes, die der Film nie zeigt, längst untergegangen ist. Von ihr zeugen nur noch Ruinen, von denen beinahe noch der Rauch aufsteigt, der Geist einer Frau, die hier einst gewohnt hatte und ein skurriler Lastwagenfahrer, der immer wieder unvermittelt auftaucht um sie mit Schnaps zu versorgen und dann sofort wieder verschwindet.

Was Greens Film so grandios komisch macht, ist, dass seine Figuren die Welt viel zu sehr lieben, um aufzuhören, über sie zu reden. "I love you so much", erscheint da einmal im Bild. Alvin und Lance wollen sich einfach nicht einlassen auf das verbrannte Leben und die Stille des einsamen Waldes.

Und so wird in ihren wunderbaren Dialogen die Erinnerung an die untergegangene Welt zur Morgenröte einer neuen. "Looking for a new connection", singen sie am Ende im Schnapsrausch. Das Neue, mit dem sie sich da verbinden wollen, ist komplett erfunden: ein erst verlorenes und dann wiedergefundenes Paradies - das ausgedachte Königreich von "Prince Avalanche", von dem Lance einmal erzählt.