"Die Frau, die vorausgeht" im Kino Der Häuptling und die Lady

Jessica Chastain als Catherine Weldon, die mit Sitting Bull zusammenarbeitete und von den Indianern "Die Frau, die vorausgeht" genannt wurde.

(Foto: Tobis)

Caroline Weldon war die Vertraute und Sekretärin Sitting Bulls. Im Spielfilm "Die Frau, die vorausgeht" wird die frühe Bürgerrechtlerin und Künstlerin von Jessica Chastain gespielt.

Von Martina Knoben

Mit viel Schwung landet das Ölgemälde im Fluss, das Catherine Weldons verstorbenen Ehemann zeigt. Auf dem im East River versinkenden Bild ist ein Herr in Schwarz zu erkennen, dessen harte Züge verraten, dass diese Ehe nicht glücklich gewesen sein kann.

Am Ende des Films wird es ein zweites Porträt in Öl geben, das Catherine Weldon (Jessica Chastain) selbst gemalt hat; es zeigt den Indianerhäuptling Sitting Bull. Zwischen den beiden Bildern liegt eine ganz unwahrscheinliche Geschichte: die einer Befreiung und einer ungewöhnlichen Freundschaft, die so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat. Caroline (nicht Catherine) Weldon nannte sich jene Bürgerrechtlerin und Künstlerin, die mit Sitting Bull und seiner Familie eine Weile zusammenlebte, seine Vertraute, Sekretärin und Anwältin wurde und den berühmten Sioux-Indianer mehrfach malte.

Lange teilte Caroline Weldon das Schicksal vieler Frauen, die im Schatten berühmter Männer von der Geschichte übersehen wurden. Diese Zeit ist vorbei, auch in Hollywood, wo seit einiger Zeit sogar das Western-Genre aus der Frauenperspektive neu gedeutet wird. Nach Michelle Williams in Kelly Reichardts "Meek's Cutoff" oder Hilary Swank in Tommy Lee Jones' "The Homesman" ist nun Jessica Chastain als Pionierin im Wilden Westen zu sehen. Indem Weldon die sexistischen und rassistischen Schranken ihrer Zeit gleichermaßen ignoriert, ist sie eine Pionierin in Sachen Gleichberechtigung. Sie ist "Die Frau, die vorausgeht" - der indianische Name Weldons liefert den Titel für Susanne Whites Film.

Catherine Weldon wirkt hier so blauäugig, dass man sie einfach nur schütteln will

Drehbuchautor Steven Knight macht aus der historischen Figur, die als politische Aktivistin in den Westen reiste, die geschieden war und ein uneheliches Kind hatte, leider eine verwitwete New Yorker Hobbykünstlerin auf Sinnsuche. Wenn diese Catherine Weldon mit Riesenkoffer und im feinen Kleid 1889 nach North Dakota reist, dann wirkt sie so blauäugig, dass man sie einfach nur schütteln will.

Jessica Chastain, die immer wieder sture, empfindsame Kämpferinnen gespielt hat, in "Zero Dark Thirty", "Fräulein Julie" oder "Die Erfindung der Wahrheit", aber macht auch aus Catherine Weldon eine überzeugende, faszinierende Figur. Ihre ätherische Schönheit, die helle Haut und die kupferfarbenen Haare, lassen sie verletzlich wirken. Aus ihrer Ausstrahlung heraus entwickelt Jessica Chastain stets Frauenfiguren, die um ihre Verwundbarkeit wissen und sich trotzdem mit Zähigkeit durchsetzen.

Catherine Weldon schafft das scheinbar Unmögliche: Sie trifft Sitting Bull (Michael Greyeyes), den Indianerführer, der Custers Kavallerie am Little Big Horn vernichtend geschlagen hatte. Bald überredet sie den mittlerweile im Reservat als Kartoffelbauer lebenden Häuptling, sich von ihr malen zu lassen. Die weißen Siedler und Soldaten verachten und hassen sie dafür. Vor allem Colonel Silas Groves, gespielt von Oscar-Preisträger Sam Rockwell, ein ebenso chauvinistischer wie politisch realistischer Mann. Der will sie unbedingt zurückschicken. Denn viele Indianer setzen ihre Hoffnung auf eine Rückeroberung des Landes in Sitting Bull. Eine weiße Frau, die diesen Indianerführer respektiert, ihn als Politiker achtet, bewundert und durch ein Ölgemälde adelt, ist gefährlich.

Die Regisseurin Susanna White zeichnet den Wilden Westen in prachtvollen Breitwandbildern, die an klassische Westernpanoramen erinnern, aber auch wie Gemälde wirken. Die idealisierten Landschaften sind das Gegenteil der trostlos-unbarmherzigen Natur, die in "The Homesman" oder in "Meek's Cutoff" das harte Leben der Pionierinnen spiegelt. Sie illustrieren Catherines Sehnsucht nach einem buchstäblich bunteren Leben jenseits des gesellschaftlichen Korsetts. In Sitting Bull, der von Greyeyes als kultivierter, besonnener Mann gezeigt wird, findet sie ein passendes Gegenüber. Der Indianer bleibt zwar immer der "Andere", ein wenig auch der edle Wilde, erscheint aber als ebenbürtiger Gesprächspartner für die Lady. Den Austausch zwischen diesen so unterschiedlichen Personen zu verfolgen, über die Grenzen der Geschlechter und Kulturen hinweg, ist hoch spannend.

Durch Kürzung der Essensration sollen die Sioux gezwungen werden, ihr Land "freiwillig" abzugeben

Die Love-Story hätte es da nicht gebraucht. Sie soll einen Film glätten, der etwas ziellos erscheint - unter anderem, weil nicht eine, sondern gleich drei Geschichten erzählt werden. Neben der Emanzipations- und der Liebesgeschichte ist das die Erzählung vom letzten Aufbäumen und schließlich dem Untergang der Indianer. Durch Kürzung der Essensrationen sollen die Sioux gezwungen werden, einen Großteil ihres verbliebenen Landes "freiwillig" abzugeben.

Unter Catherine Weldons Anleitung lernen sie, sich nicht kriegerisch dagegen aufzulehnen, sondern abzustimmen. Dass es eine Weiße ist, die den "Wilden" die Zivilisation in Form eines demokratischen Prozesses bringt, ist ärgerlich und läuft der grundsätzlichen Haltung des Films entgegen. Bitter aber ist, dass diese Errungenschaft der Weißen den Indianern nichts bringt. Wie ein Insert am Ende verrät, werden sie kurz nach der Abstimmung abgeschlachtet beim Massaker am Wounded Knee. Die Historie folgt nun mal keiner Hollywood-Dramaturgie.

Woman Walks Ahead, USA 2017 - Regie: Susanna White. Buch: Steven Knight. Kamera: Mike Eley. Schnitt: Lucia Zucchetti, Steven Rosenblum. Mit: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell. Tobis, 102 Minuten.

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