München war Diaspora damals, München-Unterhaching nur ein blinder Fleck auf der Landkarte. Ihm hätten jedenfalls nie die richtigen Mädchen hinterher geguckt, sagt Norbert Herold bedauernd und streicht säuberlich seinen Ärmel glatt. "Zigarren und weiße Porsches, Leute, die im Kokainrausch durch die Gänge krochen, das kannten wir damals alles nur aus den Erzählungen der coolen Hamburger."
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Es ist nicht leicht, ihren Leitwolf ans Telefon zu kriegen. Ganz einfach weil: Konstantin Jacoby hat nichts davon, Interviews zu geben. 1993 hatten er und Springer 50 Prozent der Firma an die Mitarbeiter übertragen. 2004 verkauften sie ihre restlichen Anteile. Seitdem ist die Firma in einer Abwärtsspirale.
Mit Millionen auf Mallorca
Jacoby ist heute 56. "Ich bin in Rente, retired, ganz klar", sagt er und klingt gar nicht retired, sondern nach nervöser Energie. Jacoby sitzt auf Mallorca, als mehrfacher Millionär, in einem schönen Haus in der Sonne, und vermisst heute: "Nichts. Übrigens auch niemanden."
Manche denken, Jacoby habe sich damals verfrüht zurückgezogen und sein Erbe schlecht verwaltet. Jacoby sieht das natürlich anders. Er wollte vor allem nicht alt werden in seiner auf Jugend fixierten Branche. Er fand es zunehmend unwürdig, "wie ein Missionar" an alle möglichen Leute ranzureden.
Orchester der Ideen
Werber brauchen Vergleiche und Metaphern. Sie sind die Pheromone, mit denen sie potentielle Kunden locken. Sebastian Turner, 42, kam irgendwann auf die Idee, das Konzept seiner Agentur "Scholz & Friends" "Orchester der Ideen" zu nennen. Und das tut er bis heute, nein: Er wiederholt es unablässig. Er meint damit: Es gibt keine Solisten. Nur aufeinander abgestimmte Spieler.
Er war bis 2008 im Vorstand der "Scholz&Friends Gruppe", sitzt heute im Aufsichtsrat einer "Scholz&Friends Holding", Firmensitz ist eine Fabriketage in der Berliner Chausseestraße.
Turners Augen sind hell wie Wasser. Sein Haar ist fahlbeige. Er trägt Brille ohne Rand, als wolle er um jeden Preis verhindern, seinem Gesicht zusätzlich Kontur zu geben. Auf einem gleichförmigen, sanften Wortstrom trägt der studierte Politik- und Betriebswissenschaftler seine Zuhörer fort, hin zu seinen großen Erfolgen, den Kampagnen für Baden-Württemberg, die FAZ, hin zu dem Orchester...
Unbeliebt wie Chris de Burgh
Bei seinen Weggefährten ist Turner nicht beliebt. Vielleicht, weil er besser denken und reden kann als andere. Auf jeden Fall, weil er wendiger ist. Und dann wohl aus demselben Grund, warum jemand wie Chris de Burgh nicht beliebt ist bei Musikkritikern: Turner wollte die Welt nie ändern. Er wollte immer profitieren von den Fehlern derer, die dachten, sie könnten es. "Der Inhalt unserer Tätigkeit besteht im Absatz von beispielsweise Joghurt", sagt er, "aber mit Ideen." Turner hat es irgendwie geschafft, aus Nicht-Charisma, aus Beigesein eine schlüssige Metapher für das neue Jahrtausend abzuleiten. Der Erfolg gibt ihm und seinem Partner Thomas Heilmann recht, und vor allem - auch davon spricht Turner besonders gern - den anderen unrecht, den Hedonisten und Träumern und Quereinsteigern von einst, die sich um ihr Image, aber nie um ihre Altersversorgung gekümmert haben. Turner ist ein Vorbote einer neuen, ernüchterten Ära, in der es statt um Hedonismus um Vertrauensbildung geht.
Auch die Jugendfixiertheit dieser Branche erfährt gerade einen Umschlagpunkt. Anfang der Neunziger, als sich die ersten Privatsender von den Öffentlich-Rechtlichen abgrenzen wollten, bürgerte sich in Deutschland ein Begriff ein, der noch aus dem Amerika der Fünfziger stammt: "die werberelevante Zielgruppe von 14 bis 49 Jahre". Die Branche leitete daraus ab, dass jemand, der altersmäßig irrelevant ist für ein Produkt, es wohl besser auch nicht bewerben sollte. Deshalb sah man in den Werbeagenturen kaum jemanden über 45 Jahre.
Blutleere Geschichten
Die Situation heute ist eine andere. Bis 2020 werden mehr als ein Drittel der Deutschen 50 Jahre und älter, sprich: die kaufkräftigste Gruppe sein. Der Babyboomer-Konsument legt Wert auf Wissen, Mehrwert und Erfahrung, vor allem in Krisenzeiten wie diesen. Das Überleben ist für die Agenturen härter geworden, die Kunden kürzen ihre Etats, noch muss herausgefunden werden, wie das Internet werbeeffektiv zu bedienen ist.
Eine leistungs- und lösungsorientierte Generation hat das Ruder von der goldenen Generation übernommen. Die ist heute nur noch selten Thema auf Branchentreffs, dem Lions-Festival in Cannes, dem Effie-Award oder bei der alljährlichen ADC-Verleihung. Ihre Geschichten klingen merkwürdig zweidimensional, blutleer, etwa so:
"Einen in Hamburg haben sie doch mal tot rausgetragen, aus dieser Agentur, die mit E anfing..."
"Der geniale Junge, der damals "Mein Haus, mein Auto, mein Boot' erfand? Kellnert jetzt in Schwabing. . ."
"Dieser Düsseldorfer Supertexter, der mit den super Anzüge - lebt auf 20 Quadratmetern, wartet auf die Rente..."
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was einen Werbetexter vom Zuhälter unterscheidet.
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Anti-Piraterie-Abkommen
PS: Gerade in der Werbebranche gibt es zu viele Ausnahme-Kreative, die sich zu früh verabschieden, anstatt eine Generalisten-Laufbahn zu verfolgen wie Rosser Reeves (1910 1984), eine Ikone der amerikanischen Werbung der 60er Jahre sowie Erfinder des USP (Unique Selling Proposition). Es ist schön zu sehen, wenn - wie einst bei Springer & Jacoby mit der Ohrfeige - der Mercedes-Fokus (USP) wieder auf Sicherheit gelegt wird. Aber es muss mehr passieren, als mit Engelszungen dort weiterzumachen, wo man Anfang der 90er Jahre aufgehört hat. Im neuen Jahrtausend liegen die größten Ressourcen in der Problemlösungswertschöpfung der Älteren. Hier ist Pionierarbeit gefordert und ganzheitliches Denken. Hier hat die Kreativbranche die Chance zu zeigen, was sie wirklich draufhat, um einen großen Sprung nach vorne zu machen und um andere Branchen mitzuziehen.
.Quereinsteiger ab 40. Das passt so gar nicht zur Jugendfixiertheit der Kreativbranche, doch die zunehmende Vitalität der Menschen sollte allmählich als Chance gesehen werden. Und zeigt die aktuelle Wirtschaftskrise nicht auch, dass Universitäten und akademische Ausbildungen überbewertet wurden? Die geburtenstarken Jahrgänge sondern im Augenblick so viele Menschen ab, die von vorn beginnen müssen, dass das Zugreifen leicht gemacht wird. Diese Quereinsteiger können aufgrund ihrer unterschiedlichen Laufbahnen und Lebenserfahrungen so viele neue Aspekte ins Spiel bringen, dass die Kreativbranche für Auftraggeber wieder attraktiver wird. Dafür müssen neue Agentur-Modelle entwickelt werden, die man in Denkschutzgebieten ansiedelt. Man macht es sich zu einfach, wenn man schreibt, dass die Werbung wieder an den 60er und 70er Jahren anknüpfen muss, nur professioneller. Damals konzentrierte man sich vor allem auf Print-Werbung. Tageszeitungen boten ein unauffälliges Umfeld, in dem selbst eine mittelmäßige Werbung auffiel. Dann kamen TV und Online-Entwicklung. Um dagegenzuhalten, haben anspruchsvolle Tageszeitungen das redaktionelle Umfeld schöpferischer gestaltet. Kreative Anzeigen werden jedoch in einem solchen Umfeld kaum noch wahrgenommen und verlieren ihre Wirkung. In der Folge geht das Anzeigengeschäft ebenso zurück wie die Bereitschaft der Unternehmen, den Agenturen viel Geld für Kreativität zu zahlen. Dieses Problem haben wir auch bei TV und Funk. Das Werbeumfeld ist auch hier durch die Online-Konkurrenz kreativer geworden, die Werbung hinkt hinterher. Hinzu kommt, dass die Sprache sich verändert hat. Was offline erscheint, muss auch online erscheinen. Online zehrt jedoch an jedem Wort und macht es schnell langweilig. Um diesen Nachteil auszugleichen, wird der Sprachstil grober, bissiger und leicht diffamierend. Offline wie Online. Dieser Artikel Schön uncool ist ein gutes Beispiel dafür. Aber auch die Schlagzeile einer seriösen Tageszeitung zum Thema Opel: Jeder Popel rettet Opel. Damit bekommt der freche Sprachstil der Werbung ebenfalls Konkurrenz. Was bleibt? Eine Kreativbranche, die einen Systemneustart hinlegen muss, wenn sie nicht miterleben möchte, wie Unternehmen ihre Werbung wieder inhouse gestalten lassen. Sehr viel günstiger. Aber ohne Quereinsteiger, ohne Querdenker und ohne Zündkerzen für die Wirtschaft.
"Gib´Intelligenz keine Chance" war in den 80er-Jahren ein Standardspruch. Germanisten waren im Textbereich verboten, der war für die Quereinsteiger reserviert. Studienabbrecher, Bademeister, Sekretärinnen wer ein loses Mundwerk hatte, der wurde über Umwege einer Kreativagentur empfohlen. Unter diesen Respektlosen vermutete man die Andersdenkenden. Um einen einzigen Andersdenkenden ausfindig zu machen, musste man 99 Quereinsteiger probeweise durchschleusen. Jedem dieser Quereinsteiger wurde ein aufwändiger Lebensstil schmackhaft gemacht, damit er sich verschuldete. So musste er länger und härter arbeiten, damit man schneller sehen konnte, ob er wirklich eine andere Sicht der Dinge an den Tag legte. Tat er das nicht, flog er raus und schaffte es vielleicht noch, in einer mittelmäßigen Agentur unterzukommen. Mutation und Selektion. Ein ganz natürlicher Prozess, der den Agenturkunden das verschaffte, was sie zum Überleben brauchten einen klaren Wettbewerbsvorteil. Der Akademiker-Trend erscheint da menschlicher und vernünftiger. Statistisch betrachtet verlieren Akademiker seltener ihren Job und steuern auch seltener auf die Altersarmut zu. Dies hängt jedoch auch damit zusammen, dass sie sich besser anpassen und weniger Grenzen verletzen. Das Grenzverletzende ist jedoch das, was Kreativagenturen beisteuern müssen, damit ambitionierte Unternehmen über sich hinauswachsen. Sie müssen im Auftrag ihrer Kunden die Hingabe verpflichten, Menschen, denen Sicherheit Unbehagen bereitet und die bereit sind, aus Überzeugung sterben. Menschen mit einer biochemischen Störung. Das wurde in den letzten Jahren stark vernachlässigt. Selbst wenn die Kreativbranche die Bereitschaft hätte, wieder mehr Quereinsteiger ins Boot zu holen, so fehlen ihr die Leute, die das Beste aus dieser Spezies herausholen. Und selbst wenn sie diese Leute hätte der Nachwuchs duckt sich beim Thema Werbung weg. Jung von Matt, praktisch ein Springer & Jacoby-Ableger, ist die Nr. 1-Agentur und verkörpert weiterhin die elitäre Kreativwelt. Doch dafür hat die Web 2.0 Generation nur noch ein Schulterzucken übrig. Es ist richtig, dass die deutsche Kreativbranche innerhalb der nächsten Jahre so farblos zu werden droht, auch durch so müde Begriffe wie "Orchestrierung", dass man nun, um den Nachwuchsmangel zu kompensieren, die nächste Quereinsteiger-Stufe zünden müsste. Querseinsteiger ab 40. Das passt so gar nicht zum Jugendwahn, doch die zunehmende Vitalität der Menschen dürfte von einer solchen Avantga