"Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" Der erste Schritt zum Glück

Eine Einführung in die Philosophie hat Kerkelings "Ich bin dann mal weg" vom ersten Platz der Sachbuch-Bestseller-Liste verdrängt. In "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" verspricht Richard David Precht allerdings mehr als er hält.

Von Jens-Christian Rabe

Jetzt ist es also doch passiert. Hape Kerkelings über drei Millionen Mal verkauftes Buch "Ich bin dann mal weg" über seinen Fußmarsch nach Santiago di Compostela steht nach über 100 Wochen nicht mehr auf dem ersten Platz der deutschen Sachbuch-Bestsellerliste.

Einzig vorhersehbaren Erfolgen wie dem Jesus-Buch des Papstes und Gerhard Schröders Memoiren gelang es zwischendurch ganz kurz, den Pilger-Bericht des Komikers zu überflügeln.

Dass dies nun - mit etwas Hilfe freilich von Elke Heidenreich, der Chef-Multiplikatorin des deutschen Literaturbetriebs ("Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan") - einem Buch gelang, das im Grunde eine Einführung in die Philosophie ist, war nicht unbedingt zu erwarten.

Antworten auf letzte Fragen

Andererseits: der groß, fett und rot gedruckte Haupttitel des Bandes "Wer bin ich?" verspricht nicht weniger als sein Vorgänger: Orientierung, Lebenshilfe, Trost, Antworten auf letzte Fragen in einer offenbar haltlosen Zeit.

Was ist das für ein Buch, das über 220.000 Käufer zu finden vermag, obwohl es keinen prominenten Autor hat und vom nicht gerade Allerzugänglichsten handelt, von der Philosophie, der nur mit einiger Anstrengung zu gewinnenden "Liebe zur Weisheit"? E

rwartungsgemäß ist es aus einem heftig anti-akademischen, anti-universitären Reflex heraus geschrieben. Überraschender ist schon, dass es keinen Hehl daraus macht, sich zu einem nicht geringen Teil einer Art Traumabewältigung zu verdanken. Die Einleitung schildert die Geschichte der Entstehung des Buches als die Geschichte einer großen Enttäuschung.

Vor dem Studium der Philosophie in Köln hatte sich der 1964 geborene Autor Richard David Precht "Philosophen als spannende Persönlichkeiten vorgestellt, die so aufregend und konsequent lebten, wie sie dachten". Doch dann seien ihm "langweilige ältere Herren in braunen oder blauen Busfahreranzügen" begegnet, die ihre "innere geistige Freiheit nicht auf ihr Leben anwendeten".

Das Denken beigebracht

Einer der faden Herren immerhin habe ihm dann aber doch noch das Denken beigebracht und ihn gelehrt, nach dem 'Warum' zu fragen, sich nicht mit schnellen Antworten zufrieden zu geben und Gedankengänge und Argumentationen lückenlos aufzubauen, "so dass jeder einzelne Schritt möglichst streng auf dem anderen aufbaut".

So nobilitiert sich das Folgende vor jeder Lektüre kurzerhand von selbst, als Dienst am Leser und der echten Philosophie gleichermaßen, die es ja wirklich nicht verdient hat, im Seminarraum zu verstauben. Endlich soll dagegen jetzt beispiellos kulinarisch vorgegangen werden, schließlich "verhärme" Lernen ohne Genießen. Und wer will das riskieren?

In den - bisher eher spärlichen - Kritiken ist ihm diese rücksichtslose Ranschmeiße ans Publikum nicht gedankt worden. Im Gegenteil. Es wurde mit gleicher Münze heimgezahlt.

Enorm angreifbar

Schwer macht es Precht seinen Kritikern dabei tatsächlich nicht. Wer bemängelt, die universitäre Philosophie lasse "das systematische Interesse an den großen übergreifenden Fragen" vermissen und dann nur wenige Zeilen später den Vorwurf erhebt, der akademische Lektüre-Stil sei "unkulinarisch" und lege "mehr Wert auf exakte Wiedergabe" als auf die "intellektuelle Kreativität der Studenten"- wer solches schreibt, der mag zwar einer sicher nicht ganz unzutreffenden Intuition folgen, er macht sich jedoch auch enorm angreifbar. Denn so recht im Widerspruch darf beides - systematisches Interesse und präzise Lektüre - nicht stehen, wenn man es denn wirklich ernst meint mit dem Denken.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, dass Richard David Precht die Komplexität der Fragen würdigt, obwohl er versucht allgemein verständlich zu formulieren.