Bei "Uno di Noi" ist Höss noch weiter gegangen, sprich, noch weiter vom Auftrag weg. Bei dem Südtirol-Film ging es immerhin um Südtirol. Aber in einem Film, der als Porträt des früh gestorbenen Europa-Abgeordneten Alexander Langer angekündigt wird, schafft er es, Langer, also die zentrale Figur und der Grund für den Auftrag, den ihm die Alexander-Langer-Stiftung anlässlich des zehnten Todestages gegeben hat, schnell konsequent auszusparen.
Anzeige
"Uno di Noi" ist stattdessen ein Film über Elendsflüchtlinge aus Afrika, die die Cap Anamur aufnimmt und für diesen Rettungsakt wegen des Einlaufens in einen italienischen Hafen juristisch belangt wird. Außerdem geht es um den G-8-Gipfel von Genua im Jahr 2001, wo das brutale Vorgehen der Polizei den Tiefpunkt in der Reaktion auf Demonstrationen der Globalisierungsgegner bildete.
Was das nun mit Alexander Langer zu tun hat? "Die Themen wären seine gewesen - Alexander Langer, in die Zukunft gedacht", sagt Höss, was einerseits schon irgendwie legitim ist, andererseits auch herrlich dreist in einem Genre, das derartig künstlerische Freiheiten im normal-langweiligen Gebührenfernsehen niemals dulden würde. Langer sei nun mal ein Idealist gewesen, der "in jede Richtung gekämpft hat".
Folgerichtig lässt Höss in dem Film lauter Kämpfer vorkommen, die an der Lösung der Probleme der globalisierten Welt arbeiten. Stars der alternativen Szene wie Franz Josef Radermacher, der den Global Marshallplan mitentwickelt hat, und Daniel Cohn-Bendit, 68er - und jetzt, Vorsicht, Realo-Grüner!
Bilder haben eine eigene Kraft
Wehe aber, Höss nimmt jemandem seine Kompromisse übel: Dann schneidet er zwischen Cohn-Bendits Ausführungen, wie der einstige Studentenführer affig mit der Wasserflasche hantiert. So entlarven die Bilder einen Mann als Selbstdarsteller, bei dem Höss zu spüren glaubt, wie "irre oft seine Anschauungen die Seite gewechselt haben, und der seinen Status in der EU genießt".
Einmal jagt ein Ball an einem endlos langen, schnurgeraden Strand entlang. Der Wind treibt ihn vor sich her. Und der Ball flitzt dahin, beängstigend schnell, so dass kein Spieler der Welt ihn einholen könnte. Das Bild vom Spielball der Mächte, von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein taucht ein zweites Mal auf. Diesmal rollt der Ball gegen den Wind.
"Es sind die vielen, die zählen, wenn viele etwas tun, wird sich am Ende etwas verändern", sagt Höss trotzig. Wenn er sich darüber aufregt, dass wir ständig nach Amerika schielen statt unseren Nachbarn in Afrika zu helfen, färben sich seine Wangen rot. Im Film kann der Ball plötzlich gegen den Wind rollen, weil der Wind gedreht hat. Im Film geschieht das Wunder, dass der Schwache gegen das Starke triumphiert. Bilder haben eine eigene Kraft. Und es gibt den Schnitt.
Und im richtigen Leben? Ein letzter Anruf, um zu fragen, wie es ihm gerade geht. Dietmar Höss erzählt voller Glück, dass er gemeinsam mit seiner Kamerafrau Sylvie Laubscher das "Rationaltheater" in Alt-Schwabing samt Kneipe und Kino übernehmen kann. "Ein wichtiger Ort für die 68er", wo auch viel Agitprop-Theater gelaufen sei. Mit dem Besitzer habe er sich sofort glänzend verstanden!
Und ein neues Film-Projekt hat er auch. Mit einem Freund will er Solarstrommodule nach Afrika schaffen und den Menschen dort zur privaten und kleinstunternehmerischen Nutzung überlassen. Darüber will er auch eine Doku drehen. Mit einem Kurzfilm sollen erstmal Geldgeber geworben werden.
Wenn er die hat, folgt die nächste, die spannendste Frage: Mal sehen, wie weit sich das Thema biegen lässt.
Sie sind jetzt auf Seite 5 von 5
(SZ vom 11./12.10.2008/jb)