Allein gegen die Ungerechtigkeit der Welt, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste: Doku-Filmer Dietmar Höss führt seine Geldgeber hinters Licht.
Das Wohnzimmer von Dietmar Höss, 49, ist aufgeräumt, dennoch herrscht jene Art von Unordnung, die man gern als kreativ bezeichnet: Zwischen den Armlehnen des Sofas stapeln sich mindestens 20 Aktenordner. Was in einem Regal Büromief verbreiten würde, ist, derart dramatisch auf die Sitzkissen geknüllt, ein Sinnbild für die Energie eines rastlosen Dokumentarfilmers.
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Der Doku-Filmer Dietmar Höss ist Idealist. Als solchem widerstrebt es ihm, das Für und Wider einer Sache abzuwägen. Er bevorzugt Schwarz-Weiß-Filmerei. (© Foto: www.bluestarfilm.com)
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Aber manchmal können Bilder täuschen: Die Ordner liegen nicht auf dem Sofa, weil Höss ein neues Projekt vorantreibt, sie liegen dort, weil er sein Büro ausräumt. Dietmar Höss macht zu.
Die Ordner auf dem Sofa sind das vorläufige Schlussbild. "Ich kann nicht mehr", sagt Dietmar Höss. "Ich habe wohl einen Burn-out. Ich schaff' es im Augenblick nicht, das Geld für ein großes Projekt aufzutreiben, hinter den Sponsoren herzulaufen, Klinken zu putzen. Ich brauche dringend eine Pause."
Was macht er denn jetzt, wenn er keine Filme mehr dreht? "Ich betreue eine Rollstuhlfahrerin", antwortet Dietmar Höss, der Mann mit dem grauen Vollbart, welcher dünn und durchsichtig sein Bubengesicht umrahmt.
Kritiker rasten aus
Wirklich ein guter Mensch, der Dokufilmer Höss, denkt man. Warum kann so ein guter Mensch andere Menschen so wütend machen? Sender boykottieren seine Filme. Aufsichtsbehörden werden angerufen. Kritiker rasten aus. Und das bei so einem lieben Kerl.
In Allach, einem Stadtteil im Münchner Nordwesten, wo Dietmar Höss in einem hübschen und etwas verwunschen anmutenden Haus lebt, können Kinder auf der Straße spielen, ohne Angst haben zu müssen, überrollt zu werden. Die Doppelhäuser sind gepflegt und weit entfernt von Dekadenz. Wenn man an einem schönen Tag auf der Terrasse sitzt und einmal die Unterhaltung stockt, hört man Vögel und nicht mehr.
Von diesem friedlichen Ort aus hat sich Höss zu seinen Reisen in eine ungerechte Welt aufgemacht, für zwei Dokumentarfilme, die Aufregung verursacht haben. Die Filme sind radikal, vor allem darin, wie sie die Erwartung ignorieren, dass Dokumentarfilme nach Objektivität und Ausgewogenheit streben müssten.
Weil die Filme von Höss das nicht tun, haben sie einem stillen Genre einige wilde Augenblicke beschert. Bei den Aufführungen seiner Filme geht es hoch her, erzählt Höss, da flögen richtig die Fetzen. Wie neulich im kleinen Kino in Cham. Da wurde protestiert - vor allem gegen seine Art, die Dinge darzustellen. Wenn er so was erzählt, wird sein Gesicht noch runder vor Zufriedenheit.
Lesen Sie auf Seite 2, warum Dietmar Höss für Einseitigkeit in Dokus plädiert.
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