Neuer Roman von Rushdie Ganz große Action über 800 Jahre

Salman Rushdie FILE - This Sept. 8, 2012 file photo shows author Salman Rushdie posing during the 2012 Toronto International Film Festival in Toronto. Rushdie who lived for years under a death threat after his 1988 book 'The Satanic Verses' drew the wrath of Iranian religious leaders is going to be speaking at the University of Vermont. The Wednesday talk by Rushdie was planned long before last week's attack by Islamic extremists killed 12 at the French satirical magazine Charlie Hebdo. Rushdie is scheduled to speak about his 1990 children's book, 'Haroun and the Sea of Stories.' He is expected to address the attacks on Charlie Hebdo. (AP Photo/The Canadian Presss, Chris Young, File)

(Foto: AP)

In seinem neuen Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" plädiert Salman Rushdie für das Bündnis der Vernunft mit dem Wunderbaren - und warnt vor religiösem Fundamentalismus.

Von Lothar Müller

Im Frühjahr 1989 sah sich Salman Rushdie seines Vornamens beraubt. Auf den Plakaten, die Demonstranten auf den Straßen iranischer Städte hochreckten, wurde unter seinem mit Hörnern versehenen Porträt, aus dem eine große rote Zunge heraushing, dazu aufgerufen, "Satan Rushdie" zu hängen. Der Autor war mit dem Titel seines Buches "Die satanischen Verse" verschmolzen, "welches sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet". Mit dieser Formel hatte der Ayatollah Chomeini im Februar 1989 den Autor "sowie alle, die zur Publikation des Buches beigetragen haben", zum Tode verurteilt und hinzugefügt: "Ich bitte sämtliche Muslime, die Betroffenen hinzurichten, wo immer sie auch sein mögen."

In dem autobiografischen Bericht über sein Leben unter der Drohung der Fatwa gibt es zur Verwandlung von Salman in "Satan Rushdie" eine doppelte Gegenbewegung. Die eine hält der Titel des 2012 erschienenen Berichts fest: "Joseph Anton". Das ist der Deckname, den Rushdie für sein Leben unter Polizeischutz wählte, seine aus den Vornamen von Joseph Conrad und Anton Tschechow verfertigte Tarnkappe. Ein Allerweltsname, in dem sich Portalfiguren der literarischen Moderne als Schutzheilige verbergen. Die zweite Gegenbewegung des Verteufelten geht aus dem Geschenk hervor, das ihm sein Vater Anis macht: aus seinem Nachnamen.

Rushdies Nachname rührt von Ibn Ruschd her, dem Philosophen aus Córdoba,

Diesen Namen, "Rushdie", hat der Vater erfunden, der Großvater hieß noch Khawaja Muhammad Din Khaliqi Dehlavi. "Anis nannte sich in ,Rushdie' um aus Bewunderung für Ibn Ruschd, Averroes für den Westen, jenen spanisch-arabischen Philosophen des zwölften Jahrhunderts aus Córdoba, der zum quadi, Richter von Sevilla aufstieg, den Übersetzer und renommierten Kommentator der Werke von Aristoteles. Sein Sohn trug den Nachnamen zwei Jahrzehnte, ehe ihm aufging, dass sein Vater, ein wahrer Gelehrter des Islam, dem jeder religiöse Glaube abging, sich für diesen Namen entschied, weil er an Ibn Ruschd schätzte, dass er zu seiner Zeit an vorderster Front den rationalen Diskurs gegen eine allzu buchstabengetreue Koranauslegung geführt hatte."

Mit dem Kapitel "Die Kinder des Ibn Ruschd" beginnt der neue Roman von Salman Rushdie "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte". Der Philosoph, er ist in ein Dorf bei Córdoba verbannt, erhält darin Besuch von einem weiblichen Dschinn, einer Dschinnya. Sie kommt in Gestalt eines Mädchens aus einer der jüdischen Familien in sein Haus, "die nicht mehr sagen durften, dass sie Juden waren". Als Dschinnya, die man sich als Schattenfrau aus feuerlosem Rauch vorzustellen hat, entstammt die junge Dunia zugleich der Welt der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Sie wird die Geliebte des Philosophen, der mit ihr eine Vielzahl von Nachkommen zeugt. Sie heißen Duniazát, nach ihrer Mutter und zugleich nach der Schwester Scheherazades, und haben alle angewachsene Ohrläppchen.

Liebesgeschichte mit dem Wunderbaren

In "Joseph Anton" hat Salman Rushdie sein Leben als Leser und Autor aus dem zweiten Geschenk hervorgehen lassen, das er neben seinem Nachnamen dem Vater verdankt: aus der frühen Vertrautheit mit den Dschinns in Flaschen, fliegenden Teppichen und Wunderlampen aus Tausendundeiner Nacht, und ihren altindischen Gegenstücken, den Tierfabeln aus dem Panchatantra und den Erzählströmen des Kathasaritsagara. Seit den "Mitternachtskindern" schöpft Rushdie aus diesem Reservoir, und nicht erst seit der Fatwa des Ayatollah Chomeini geht seine Einschmelzung der Mythen und Märchen in die moderne Literatur mit der resoluten Verteidigung der Rechte des säkularen Autors einher, mit der Berufung auf "Aufklärung" und "Vernunft", auf die "Befreiung der Philosophie und der Bildung von den Fesseln der Theologie".

"Wenigstens ziehe ich mit dem passenden Namen in die Schlacht", das war Rushdies Selbstbehauptungsformel gegen die Fatwa. Nun verwickelt er Ibn Ruschd in eine Liebesgeschichte mit dem Wunderbaren: zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte dauert diese Geschichte, das ist die mathematisch-kalendarische Verschlüsselung der magischen Zahl "1001". Und zugleich verwickelt er Ibn Ruschd in eine Fehde mit seinem Widerpart al-Ghazali.