Weltkunstschau in Kassel Zerstreut, spielerisch, eigensinniger

Shinro Othake: "MON CHERI : A Self-Portrait as a Scrapped Shed", 2012, verschiedene Materialien, Holz, Elektronik, Ton, Dampf, Maße variabel. Foto: Nils Klinger.

(Foto: Nils Klinger / Documenta)

Zumindest gibt es viel Grün. Nicht nur, weil viele Dutzend Künstler in die Karlsauen gezogen sind, wo als Auftakt der Berg von Song Dong, aufgeschichtet aus Müll und mit Grasteppichen belegt, so ungefällig aus dem Boden ragt wie ein aufgeblähter Bonsai, ein Hügel, der doch nicht so massiv geworden ist, wie man hoffte.

Auch Künstler wie Manon de Boer oder Tarek Atoui installierten dort in Pavillons, die vor allem an Fertigbauten der Handwerkermärkte erinnern, ihre empfindliche Video- beziehungsweise Tontechnik. Gareth Moore zimmert dagegen seit Monaten an Architekturen aus Fundholz, die tatsächlich fragen, was Schutz und was Schmuck ist.

Unweit davon ist der Betriebshof des Kasseler Auenparks fast so etwas wie ein Hub: Im Gärtnerwohnhaus wie auch im Gewächshaus ist Kunst eingezogen (dort richteten sich Anna Maria Maiolino und Thea Djordjadze ein), während der Japaner Shinro Ohtake zur Eröffnung noch immer an seiner rumpelnden, musizierenden und Dampf ablassenden Hütte werkelt, die wie ein gestrandetes Boot unter einem Baum steht. In dessen Ästen stecken Kajaks, während kleine Jollen auf dem Rasen verteilt sind, als habe eine Flutwelle sie dort zurück gelassen. Wenn die kleine Wundermaschine tuckert, wirkt das fast so friedlich wie die Ruhe nach einem Sturm, auch weil man sich als Besucher in die Hängematten legen kann, die Apichatpong Weerasethakul zwischen die Bäume gehängt hat.

Schmetterlinge zum Bleiben bewegen

Während die Ausstellung im Zentrum - also im Fridericianum oder der Neuen Galerie - fast museal eingerichtet ist, still und unverrückbar, darf sie an der Peripherie - in den Karlsauen, in Kinos, Ladenlokalen oder dem alten Hauptbahnhof - zerstreut, spielerisch, eigensinniger auftreten.

Dass mitten in den Idyllen, in denen Christina Buch ein Beet anlegt, das Schmetterlinge zum Bleiben bewegen soll, auch ein von Sam Durant aus massiven Pfosten gezimmertes Schafott aufragt, das sich, in einer barocken Blickachse platziert, hervorragend als Aussichtsplattform eignet, wirkt wie ein Scharnier zu Arbeiten, die sich weniger idyllisch oder privatistisch geben.

So ist das Panorama, das an vielen Stellen in die weiche Hügellandschaft von Kassel gesetzt wird, die steile Bergkette um Kabul. Tacita Dean hat beispielsweise einen alten Tresorraum des Finanzministeriums mit den markanten Kuppen und Klüften ausgemalt. Weil sie mit Kreide auf schwarzem Tafelgrund malt und nur Schnee, Feuchtigkeit, Seen, Wasserfälle und Flussläufe abbildet, wirkt es fast so, als habe sich die Malerei von allein auf den Wänden angesammelt, wie Tau oder ein herannahendes Unwetter.

Kann man Krieg und Tourismus verbinden?

Afghanistan ist - neben der Vergangenheit Kassels im Dritten Reich - einer der historischen Hauptbezugspunkte der Documenta 13. Nicht nur, weil in Afghanistan in zwei Wochen eine zweite Documenta eröffnet wird (die Schau richtet zudem in Kairo und Banff Satelliten ein). Der Subtext dieses Projekts ist eine verschachtelte Angelegenheit - wobei einer der Hauptbezugspunkte die Tatsache ist, dass deutsche Soldaten in dem Land an einem Krieg beteiligt sind. Omer Fast hat beispielsweise den Film "Continuity" (2012) gedreht, der davon handelt, dass die Eltern eines Gefallenen einen Callboy als Ersatz engagieren.

Kann man Krieg und Tourismus verbinden? Das ist die zweite Komponente dieses Unterfangens: Das Hotel "One", das der italienische Konzeptkünstler Alighiero Boetti in den 1970er Jahren in Kabul eröffnete und in dem er nicht nur als Hotelier auftrat (was im vor Ort ein gewisses Auftreten sicherte), sondern auch als Gast logierte, wenn er sich zur Produktion seiner aufwendig gestickten Teppiche in Afghanistan aufhielt.

Mario Garcia Torres breitet seine Recherchen zu dieser kunsthistorischen Fußnote als Bilderschau und in Briefen so aus, dass die Betrachter fast eine ruinenromantische Sehnsucht zu dem unscheinbaren Flachbau im Zentrum der Stadt entwickeln. Und es ist Carolyn Christov-Bakargiev zu verdanken, dass zumindest der Künstler dort eine Zeitlang lebte - sie half ihm, das Gemäuer für ein Jahr anzumieten, während in Kabul außerdem in Zusammenarbeit mit dem "Center for Contemporary Art in Afghanistan" (CCMA) Vorträge, Lesungen und vor allem Workshops stattfanden.

Das hat nun Auswirkungen auf beide Städte: Kassel und Kabul. Ein Resultat wird das Gastspiel der Documenta 13 im Bagh-e Babur Queen's Palace sein. Umgekehrt wurden auch Künstler aus den Workshops nach Kassel eingeladen. Und zwar zu einer Ausstellung im Elisabeth-Hospital, einem der wenigen Gebäude, die Kassels Bombardierung im Zweiten Weltkrieg überstanden, einem Bruchsteinhaus aus dem 16. Jahrhundert, das allerdings auch deshalb eigenartig altertümlich wirkt, weil es zuletzt als chinesisches Lokal genutzt wurde, davor war es eine spanische und eine deutsche Gaststätte.

Hinein kommt man durch die Küche, die allerdings eher aussieht wie eine Toilette, weil Abel Qasem Foushanji die weißen Kacheln dicht mit Edding-Stiften zugekritzelt hat mit den Satzfetzen, Wörtern und Geräuschen, die der Soundkünstler in Kabul in seiner Umgebung einsammelt.

Gleich drei afghanische Studenten haben es auf die Teilnehmerliste der Documenta geschafft, auch der ganz klassisch im Miniaturmalerei-Stil geschulte Zainab Haidary. Zwanglos schließen afghanische Künstler an, die in der Diaspora leben. So ist die Ausstellung kein Länderkapitel in der Weltkunstausstellung, sondern eine pointierte Zusammenstellung von Arbeiten, die jeweils in einem sehr präzisen Verhältnis zu Tradition, Nation, Konvention stehen.

Wenn der aus Frankreich nach Afghanistan reisende Zalmai sich über etwas wundert, ist es die ungerührte Selbstverständlichkeit, mit der man in seiner Heimat den Schrott, zu dem das Kriegsgerät mit der Zeit verfällt, im Alltag verwendet. Panzerketten stabilisieren Bruchsteinmauern, ein Flakgestell ist eine Behelfsbrücke.

Und Jeanno Gaussi, die im Alter von fünf Jahren an der Hand ihrer Tante nach Deutschland kam, lässt alte Schwarzweißaufnahmen aus dem Familienalbum in Kabul von einem Auftragsmaler als bunte Familienportraits in Öl ausführen - und interpretieren: Kann es sein, dass der Vater der kleinen Mädchen, die hier aufgereiht sind, ein strenger Mann war? Die formelle Kleidung der Kleinen könnte ein Hinweis sein. Doch hält der sensible Künstler das Kinderportrait von Gaussi in Latzhose auch für das Antlitz eines Jungen.

Von Form- und Stilfragen gelöst

Die Reiseroute nach Kabul ist ein Weg durch die Großschau, der exemplarisch ist für die feine Verwobenheit der Werke, ihre sprechende Auswahl und Positionierung. Die Geschichte der gegenseitigen Gastlichkeit, von politischen Verwerfungen und Umbrüchen, kennt viele Rapporte, Verweise und Kapitel. Sie ist verwoben wie die im Fridericianum präsentierte "Mappa", eine bunte, teppichgroße Weltkarte, die Alighiero Boetti im Jahr 1971 für Harald Szeemanns Documenta sticken ließ und die ungeklärterweise nie in die Ausstellung fand.

Nachdem die vorangegangene zwölfte Documenta an Thesen, Verweisen und Formulierungen wie den "migrierenden Formen" scheiterte, schlecht installiert war und archivstaubtrocken argumentierend als nicht besonders geglückt abgehakt wurde, ist diese vielfältige dreizehnte Ausgabe als Setzung konsistent, vielgestaltig und sprechend. Die Objekte, die hier ausgewählt wurden, erzählen von Menschen, Orten, Ritualen, Traditionen. Diese Documenta hat sich von Form- und Stilfragen gelöst, sie läßt sich nicht aufdröseln in Motive und Medien - es ist eine Expedition namens Kunst, die in Kassel kurz zum Stillstand gekommen scheint, und sich für den Moment, der hundert Tage dauert, ideal eingerichtet hat.

Nach diesen ersten Eindrücken von der Documenta finden Sie ausführlichere Berichterstattung in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung sowie in den kommenden Tagen auf Süddeutsche.de.