Weltkunstschau in Kassel Erste Eindrücke von der Documenta

Am Samstag öffnet die Documenta 13 ihre Pforten für die Öffentlichkeit. Die Vorbereitungen verliefen unter größtmöglicher Geheimhaltung. Ein Rundgang vorab durch die mit Spannung erwartete Schau gewährt nun Einblicke in den Kunstmoment, der hundert Tage dauern soll.

Von Catrin Lorch, Kassel

Man tut gut daran, den Rundgang durch die 13. Ausgabe der Documenta in Kassel ganz klassisch zu beginnen - mit dem Besuch des Fridericianums. Denn obwohl mehr als 160 Arbeiten für diese Großausstellung produziert wurden, hat die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, die in ihrer Eröffnungs-Lecture zweimal den Begriff Choreographie verwandte, diese so arrangiert, dass sich Haupt- und Nebenwege zu Gedankenlinien fügen.

Dass die Documenta durchaus theatralisch ist, den Dingen einen Auftritt verschafft, zeigt sich direkt im Fridericianum, wo sich der mit weißen Säulen bestandene Portikus erst einmal zum Nichts öffnet. Im Erdgeschoss ist nicht viel zu sehen: Die Eingangshalle ist leer, in blendender, weißer Unausgefülltheit erstreckt sich auch der lange Saal zur Linken. Rechts ist auf dem Plan immerhin ein Künstlername verzeichnet: Julio Gonzáles.

Der hat dort schon einmal ausgestellt, Ende der 1950er Jahre während der zweiten Documenta. Und es ist nicht unbedingt die Qualität dieser dunklen, halb abstrakten Bronzen, an die sich die Kunstgeschichte schon nicht mehr ganz genau erinnert, die ihm den Wiedereinzug an gleicher Stelle beschert - sein Auftritt ist ein Remake. Hat sich doch die Kuratorin in eine alte Installationsansicht verliebt. Diese zeigt, wie zwei Besucher im Jahr 1959 an dem langen Tisch vorbeiflanieren, auf dem Gonzáles damals seine Skulpturen aufgestellt hatte. An dem Bild erstaunt, dass die Dame barfuß ist, ein Kontrast nicht nur zu ihrem steifen Petticoat, sondern auch zum formellen Anzug ihres Begleiters. Tatsächlich stehen die Skulpturen jetzt wieder genau an der alten Stelle, allerdings geschützt von Glas. Was auf der alten Aufnahme nicht zu sehen ist, wurde auch nicht installiert - und so ist der Rest des Saales leer.

Und links? Das ist genau so eine Inszenierung, die viel über die Documenta 13 sagt - aber nicht viel zeigt. Im hintersten Teil der viele Meter langen Galerie steht eine kleine Vitrine mit ein paar Briefseiten. Er habe, trotz mannigfaltiger Verpflichtungen, ja gerne eingewilligt, an der Documenta teilzunehmen, teilt der Künstler Kai Althoff der Kuratorin darin mit, allerdings müsse er ihr schlussendlich doch absagen. Datiert ist das Schreiben auf den Mai diesen Jahres. Es bleibt allerdings offen, ob der Künstler, der, wie der Brief es zumindest nahelegt, die große Halle bespielen sollte, tatsächlich als von der Liste gestrichen gelten muss. Im hinteren Teil der Architektur, im Treppenhaus, das - seit dort die Butter-Honig-Pumpe von Joseph Beuys ratterte - als zentraler Ort des verästelten Ausstellungssystems zu gelten hat, wird doch eine kleine Malerei von ihm gezeigt.

Eva Brauns Puderdose

Hier herrscht Fülle, die Rotunde ist unter dem Titel "Das 'Brain'" ein Museum im Museum, vollgestopft mit dem, was Carolyn Christov-Bakargiev am Nachdenken hält. Viele tausend Jahre alte baktrische Figuren, die Malerei von Morandi nebst den originalen Vasen, die dem Italiener Motiv waren. Museumsobjekte, die im Libanon-Krieg zerschmolzen, paraguayanische Keramiken - und "eine Auswahl von Gegenständen aus dem Badezimmer von Hitlers Wohnung", die von der Fotografin und Kriegsberichterstatterin Lee Miller einst dort eingesammelt wurden. Ein Handtuch mit den Intitialen A.H., ein Parfumflakon und Eva Brauns Puderdose.

Es ist eine Documenta, deren stärkste Handschrift die der Kuratorin ist: Im Rückbezug auf große Vorgänger-Ausstellungen, etwa die ersten von Arnold Bode initiierten Ausgaben der Nachkriegszeit oder die legendäre fünfte, die von Harald Szeemann kuratiert wurde. Die Kunst wird so überzeugend in den hellen Sälen des Fridericianums eingerichtet, dass keine Fragen offen bleiben: Das Experiment, mit dem die Forschungen des Physikers Anton Zeilinger auf zwei nierenförmigen Labortischen vorgeführt werden, hinter denen eine Schultafel aufragt, schließt paßgenau an das Weltmodell an, das der amerikanische Künstler Mark Lombardi einst entworfen hat, um die Verflechtungen internationaler Konzerne darzustellen. Beide Schaubilder illustrieren Weltmodelle, sie scheinen direkt aufeinander zu antworten.