Weltkulturerbe Unesco schützt das Können vor dem Vergessen

So führte etwa die Technologie der Betonherstellung bereits in der Antike zu bahnbrechender Baukunst. Ohne das "Opus Caementitium" hätte es viele monumentale Bauwerke der Römer, darunter Tempel, Thermen oder Aquädukte, nicht gegeben. Es hätte "die Antike" so nicht gegeben. Im Mittelalter war solches Bauwissen plötzlich verschwunden, es wurde nicht überliefert. Erst 1844 wurde durch einen Engländer das Verfahren wieder-"entdeckt", weshalb die Welt heute den Portland-Zement kennt. Das jahrhundertelange Nichtwissen um ein wunderbares Baumaterial, das in der heutigen Türkei schon vor 14 000 Jahren bekannt war, hätte man sich sparen können, wenn es ein allgemeines Schutzdenken für Kulturtechniken gegeben hätte.

Hoch und heilig

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Zum Beispiel ist uns heute die präzise Handhabung antiker Instrumente - wie etwa der Lyra - nur durch Vasenmalerei überliefert. Und wie genau setzt man eigentlich eine frühbarocke Holztrompete an den Mund? Selbst eine vergleichsweise junge Kunst wie der Film hat, am Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, Wissen um das Erzählen in Bildern eingebüßt.

Vor einigen Jahren plädierte der amerikanische Soziologe Richard Sennett für eine gesellschaftliche Neubestimmung. In seinem Buch "Handwerk" beschreibt er einen "fundamentalen menschlichen Impuls", ein Könnenwollen, das für "den Bau einer Stradivari-Geige" ebenso unabdingbar sei wie für einen "Linux-Programmierer". In Zeiten der Automatisation, da die Pizza eher zu einer Angelegenheit der kunstaromatisierenden Algorithmen als der Pizzabäckerkunst wird, sollen sich deutsche Orgelmusik, neapolitanischer Gastronomiestolz und auch einige sonstige Unesco-Bemühungen ruhig zusammenschließen, um dem Können eine Würde und dem Wollen eine Zukunft zu geben.

Wenn die Pizza gut ist, ist es eigentlich ziemlich egal, ob sie auch Kunst ist. Wer aber von der Kunst des Pizzateigs nichts (mehr) weiß, dem wird auch das Banale nicht gelingen.

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