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Weltkulturerbe Pizza wird Kunst

Die Kunst des Pizzabackens ist etwas, was über Basilikum, Mozzarella und Tomaten hinausreicht.

(Foto: dpa)
Die Unesco erklärt den deutschen Orgelbau, die Orgelmusik und auch die "Kunst des neapolitanischen Pizzabackens" zum immateriellen Weltkulturerbe. Absurd?
Von Gerhard Matzig

Wer das Glück kennt, im Di Matteo in Neapel eine Margherita zu essen (wie vor Jahren Bill Clinton, direkt aus der Hand), der weiß natürlich, dass die "Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers", die jetzt von der Unesco ernsthaft zum Kulturerbe ernannt wird, genau das ist: eine Kunst. Und somit etwas, was über Basilikum, Mozzarella und Tomaten hinausreicht. Denn Kunst und Kultur sowie auch die Kulinarik liegen ja gerade darin, mehr als die Summe ihrer nur anscheinend banalen Teile zu sein. Schon einige Hundert Kilometer von Neapel entfernt, in Venedig, das man kaum zu Italien zählen kann, weil es im Grunde zur Aida-Flotte gehört und hauptsächlich als Requisite einer deutschen Fernsehserie dient, erhält man nicht selten eine Pizza, die eher an einen teigigen Kuhfladen erinnert. Im Heimatland von Bill Clinton aber genießt man als Pizza vor allem das, was anderswo als unverrottbare Dämmstoffplatte verbaut wird.

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Acht "Traditionen" sind es, die neu von der Unesco (als Organisation der Vereinten Nationen, welche die Belange von Erziehung, Wissenschaft und Kultur vertritt) auf die Liste des dringend schützenswerten "immateriellen Kulturerbes" gesetzt werden. Das hat am Donnerstag das zuständige Unesco-Komitee auf der südkoreanischen Insel Jeju verkündet.

Neben der Pizza erfreuen sich nun auch der deutsche Orgelbau und die hiesige Orgelmusik der rühmlichen Auszeichnung, zum geistigen Kulturgut der Welt zu gehören. Laut Definition der Unesco handelt es sich dabei um "Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten - sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen".

Eine Pfeifsprache aus der Türkei und ein Kampftanz aus Marokko

Dieses raunende Sammelsurium der Begrifflichkeiten, bei dem sich auch Markus Söder - gegebenenfalls und als Einzelperson - zum Bestandteil seines eigenen Kulturerbes erklären könnte, hat stets Spott herausgefordert. Dass nun die italienische Pizza mit einem Nährwert von durchschnittlich 800 Kalorien so passgenau zum erhabenen Mehrwert der deutschen Orgel-Sphäre gereicht wird (wobei auch das Taskiwin, ein Kampftanz aus Marokko, oder die Pfeifsprache aus der Türkei zur aktualisierten Unesco-Liste gehören), wird die Lust zum Hohn kaum mindern.

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Aktuell gehören insgesamt 374 Traditionen weltweit zum "Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes", das 2003 verabschiedet wurde und drei Jahre später in Kraft trat. Bis heute sind 175 Staaten dem Übereinkommen beigetreten. Die weitaus meisten Einträge verzeichnet China (39), gefolgt von Japan und Südkorea. Deutschland, das der Vereinbarung erst im Juli 2013 zugestimmt hat, ist bisher mit lediglich zwei Schutzgütern auf der Liste vertreten, mit der man die besser bekannte und auch ältere Liste von Bauwerken oder Landschaftsräumen um eine eher geistig mehrdeutige denn klar definierte Dimension erweitert hat. Nämlich mit "Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften" sowie, man wusste ja gar nicht, was es alles gibt in Deutschland, mit der "Kunst der Falknerei". Die Jagd mit Greifvögeln als deutsche Leitkultur? So lächerlich das bisweilen klingt, es steckt auch etwas Bedenkenswertes darin, Kulturtechniken abseits ihrer jeweiligen Verdinglichung als holistisch wirksame Teile des gesamten Gefüges zu begreifen.

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Unesco schützt das Können vor dem Vergessen

So führte etwa die Technologie der Betonherstellung bereits in der Antike zu bahnbrechender Baukunst. Ohne das "Opus Caementitium" hätte es viele monumentale Bauwerke der Römer, darunter Tempel, Thermen oder Aquädukte, nicht gegeben. Es hätte "die Antike" so nicht gegeben. Im Mittelalter war solches Bauwissen plötzlich verschwunden, es wurde nicht überliefert. Erst 1844 wurde durch einen Engländer das Verfahren wieder-"entdeckt", weshalb die Welt heute den Portland-Zement kennt. Das jahrhundertelange Nichtwissen um ein wunderbares Baumaterial, das in der heutigen Türkei schon vor 14 000 Jahren bekannt war, hätte man sich sparen können, wenn es ein allgemeines Schutzdenken für Kulturtechniken gegeben hätte.

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Zum Beispiel ist uns heute die präzise Handhabung antiker Instrumente - wie etwa der Lyra - nur durch Vasenmalerei überliefert. Und wie genau setzt man eigentlich eine frühbarocke Holztrompete an den Mund? Selbst eine vergleichsweise junge Kunst wie der Film hat, am Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, Wissen um das Erzählen in Bildern eingebüßt.

Vor einigen Jahren plädierte der amerikanische Soziologe Richard Sennett für eine gesellschaftliche Neubestimmung. In seinem Buch "Handwerk" beschreibt er einen "fundamentalen menschlichen Impuls", ein Könnenwollen, das für "den Bau einer Stradivari-Geige" ebenso unabdingbar sei wie für einen "Linux-Programmierer". In Zeiten der Automatisation, da die Pizza eher zu einer Angelegenheit der kunstaromatisierenden Algorithmen als der Pizzabäckerkunst wird, sollen sich deutsche Orgelmusik, neapolitanischer Gastronomiestolz und auch einige sonstige Unesco-Bemühungen ruhig zusammenschließen, um dem Können eine Würde und dem Wollen eine Zukunft zu geben.

Wenn die Pizza gut ist, ist es eigentlich ziemlich egal, ob sie auch Kunst ist. Wer aber von der Kunst des Pizzateigs nichts (mehr) weiß, dem wird auch das Banale nicht gelingen.

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