Die Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek nach dem Brand: Wie groß der Schaden tatsächlich ist.
Die Ursache für den Brand, der in der Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar verwüstete, ist noch nicht geklärt. Die Hauptverdächtigen sind marode elektrische Leitungen. Spezialisten des BKA untersuchen seit gestern die Brandstelle, für heute haben sie erste Ergebnisse angekündigt.
Bild vergrößern
Der berühmte Rokokosaal - auch hier sind die Feuerschäden nicht zu übersehen. (© Foto: dpa)
Anzeige
Jede Bibliothek ist Bauwerk und Büchersammlung zugleich. Ein Großbrand wie dieser trifft beide Elemente mit voller Wucht. In der Katastrophennacht richteten sich die Rettungsaktionen der Bibliothekare und vieler Weimarer Bürger vor allem auf die Bücher. Bibliotheksdirektor Michael Knoche stellte eigenhändig die kolorierte Lutherbibel aus dem Jahre 1534 sicher.
Einsturzgefahr gebannt
Nach dem Ende der Löscharbeiten kam die Sicherung des beschädigten Gebäudes hinzu. Gestern gab Helmut Seemann, Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, bekannt, die Einsturzgefahr der Decke des Rokoko-Saales scheine gebannt. Knapp die Hälfte der Schutt- und Bücherreste, die das Dach beschweren, konnte bisher geräumt werden.
Morgen sollen diese Abräumarbeiten beendet sein. Erst dann kann mit den Arbeiten für ein provisorisches Dach sowie mit der systematischen Bergung der knapp 40 000 im Gebäude verbliebenen Bücher begonnen werden. Bis dahin hofft man in Weimar auf den Fortbestand des guten Wetters. Denn Regengüsse würden nicht nur auf Asche treffen, sondern auch auf beschädigte, aber restaurierbare Bücher.
Immer wieder sind in den letzten Tagen in der Asche Bücher gefunden worden, deren verkohlte Einbände restaurierbare Seiten umschließen. Denn Bücher sind kein Stroh. Obwohl einem Großbrand nicht gewachsen, gehen sie nicht schnell in Flammen auf, zumal wenn sie geschlossen sind und der Sauerstoff nicht ungehindert in sie eindringen kann.
Der zweite elementare Feind: Wasser
Rund 150 Kisten voller Bücher und sogar Notenhandschriften sind bis gestern sichergestellt und zur Gefriertrocknung nach Leipzig gebracht worden. Denn mindestens so mächtig wie das Feuer ist der zweite elementare Feind der Bücher: das Wasser. Ihm gegenüber sind Einbände machtlos. Bei jedem Bibliotheksbrand beschädigt das Löschwasser die Buchbestände, die es vor der Vernichtung durch das Feuer bewahren soll.
Der Rokoko-Saal selbst wird, so die Stiftung Weimarer Klassik, restaurierbar sein. Aber neben 33 Gemälden aus dem 16. bis 19. Jahrhundert ist auch das Deckengemälde von Johann Heinrich Meyer dem Feuer zum Opfer gefallen.
Ebenfalls unwiederbringlich verloren sind nach Schätzung der Bibliothekare und Kustoden ca. 30 000 Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, darunter eine Divan-Übersetzung aus dem Persischen und nahezu die gesamte Musikaliensammlung der Anna Amalia mit 2000 Büchern und Notenhandschriften, darunter die eigenhändige Vertonung der Herzogin von Goethes Singspiel "das Jahrmarktsfest zu Plundersweilen".
Retten, was zu retten ist
Noch arbeiten die Bibliothekare an den exakten Verlustlisten, klären, welche Manuskripte oder Bücher für Ausstellungen oder Forschungsprojekte ausgeliehen oder beim Restaurateur waren und so dem Brand entgingen. Auch prüfen sie, welche Bücher sich wiederbeschaffen lassen.
Das Beispiel der nahezu vollständig zerstörten Büchersammlung des Barockgelehrten Konrad Samuel Schurzfleisch zeigt die Grenzen der Restitution: Ein Dokument der Wissenschaftsgeschichte ist sie nicht zuletzt durch die handschriftlichen Vermerke und Kommentare ihres Besitzers: einem DFG-Projekt ist sein Gegenstand abhanden gekommen.
Die Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, hat den Brand als "nationale Kulturkatastrophe" bezeichnet und für den Wiederaufbau der Bibliothek sowie die Restaurierung der beschädigten Bestände 4 Millionen Euro Soforthilfe zugesagt. Das Land Thüringen hat seine Hilfe noch nicht beziffert. Ohne Privatspenden wird es nicht gehen.
SPENDENAUFRUF: Die Stiftung Weimarer Klassik hat zu Spenden für die durch den Brand zerstörte Anna-Amalia-Bibliothek aufgerufen: Kontonummer 301040400 bei der Sparkasse Mittelthüringen, Bankleitzahl 82051000, Stichwort: "Bibliothek".
(SZ vom 7.9.2004)