In diesen Jahren, in denen aus Kindern zumindest biologisch Erwachsene werden, vergeht die Zeit zu langsam. Man möchte endlich fünfzehn sein, um Mofa fahren zu können, alt genug für die Filme ab 16 aussehen (gut, so war es früher, heute schaut man sie sich auf DVD oder im PC schon mit zwölf an), endlich volljährig sein, um an die Ausbildungsversicherung oder - bei den Besserverdienern unter uns - ans angehäufte Kindergeld zu kommen. Die Zeit bewegt sich zähflüssig, zieht Schlieren wie heißer Teer im Sommer, die einen festhalten in der Schule oder im Elternhaus oder in anderen Verhältnissen, die man als Abhängigkeiten betrachtet. Es soll nichts sein wie früher, weil früher erst so kurz her ist, dass man wenig Gutes daran finden kann und nicht nostalgisch wird.

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Nur wenige 17-Jährige sehnen sich nach der Zeit zurück, in der sie acht waren. Tun sie es doch, geben sie es nicht zu, jedenfalls nicht gleich. Als ich 15 war, gerade ein Mofa hatte und verzweifelt versuchte, einen Schnurrbart zu bekommen, starb überraschend meine Mutter. Da wäre ich gerne - wenn es gegangen wäre ungefähr bis zu meinem 26. Lebensjahr - noch einmal acht gewesen. Wenn so etwas passiert, wenn ein Mensch aus der Familie plötzlich stirbt und weg ist, dann lebt man früher als andere in der Erinnerung an das ,,richtige'' und ,,einfache'' Weihnachten.

Die nächste Weihnachtsphase zeichnet sich dann dadurch aus, dass man nie weiß, wo man Weihnachten feiern soll. Nun wird es gewissermaßen auch burlesk. An Heiligabend oder mindestens einem der Feiertage ist man bei den Eltern, so man noch welche hat oder sie haben will. Der Rest? Schwierig. Die Partnerin, seltener der Partner, mag es romantisch zu zweit, was praktisch nicht geht, weil ein romantischer Heiligabend ein Widerspruch in sich ist und außerdem immer einer von beiden zu seinen Eltern will oder muss.

Letzteres bedeutet Streit, denn meist sind es die Frauen, die nun den Männern zurufen: Du musst dich entscheiden, was dir wichtiger ist - deine Vergangenheit oder unsere Zukunft! Wenn man also ein Mann ist, und eine Frau am 20.12. diesen Satz sagt, möchte man gerne wieder acht sein. Oder zweigeschlechtlich. Oder alt genug, um an Weihnachten mit seinen Erinnerungen allein zu sein.

Besonders krass wird die Angelegenheit, wenn man in Patchwork-Beziehungen lebt und sich an Weihnachten die schon erwähnte Seele aus dem Leib heulen könnte, weil man nicht bei den Kindern ist. Oder einfach auch nur, weil man sein ,,Früher'' verloren hat. Dafür feiert man ein wahnsinnig romantisches Weihnachten, allein oder auch nicht, mit zwei Flaschen Tignanello sowie seinem schlechten Gewissen über die Nichtanwesenheit der Kinder. Das schlechte Gewissen hockt einem bis weit nach Silvester auf den Schultern wie der Gnom, den Sindbad der Seefahrer herumschleppen musste. Oder die Kinder werden zwischen ihren und seinen Eltern, sowie seiner und ihrer Wohnung hin- und hertransportiert. Überall kriegen sie Geschenke. Am 3.Januar wissen sie nicht mehr, von wem sie wo was erhalten haben und was das alles für Leute waren, vor allem der verdächtig kinderliebe Kerl, den die Mama als ,,den Bernd'' vorgestellt hat.

Auch das ist eine Form des creating memories, allerdings von solchen, die später im Leben der Kinder zu einer weihnachtlichen Dysfunktionalität führen können. (Ja, liebe Patchworker, schon klar: Wenn sich Eltern nur wegen der Kinder nicht trennen und deswegen Weihnachten eine Atmosphäre herrscht wie zwischen Hamas und Fatah in Gaza, ist das noch dümmer für die Kinder.)

Es ist schwer zu sagen, wann jener Zustand eintritt, in dem man immer stärker das Gefühl hat, dass die Zeit dahinfliegt. Vielleicht ist es so: So lange sich Dinge im Leben noch wirklich ändern, nimmt man diesen Prozess intensiver wahr. Man beendet eine Ausbildung, lernt jemanden kennen, tritt einen neuen Job an, man liebt, man zieht um, man wird Mutter oder Vater, man erleidet eine Trennung. Solche Dinge graben sich ein, sie dauern, man erlebt sie voller Spannung, Freude, Angst oder Ärger.

Irgendwann dann glauben diese Menschen, sie kennen jetzt das Leben. Es fließt relativ gleichförmig dahin, und wenn es einen extremen Ausschlag gibt, dann ist der tendenziell eher ein Tal als ein Berg. Sicher, es gibt Leute, die auch noch mit 52 einen enormen beruflichen Erfolg erzielen oder sich gar verlieben. Letzteres aber wirkt im gesetzten Alter eher lächerlich, und Ersteres ist meist die Frucht kontinuierlicher Arbeit und nichts, was plötzlich kommt.

Im gesetzten Alter jedenfalls ist das Leben meist nicht viel mehr als: o.k. Aus dem März wird der April und aus dem April der Mai, und man merkt es kaum, weil man im Büro sitzt, am Wochenende spazieren geht, das Essen kocht, den Urlaub plant, den immer gleichen Leuten an jedem immer gleichen Morgen einen guten Morgen wünscht, obwohl es einem eigentlich weitgehend egal ist, ob der Schultze und die Huber einen guten Morgen haben. Das Leben ist, wenn man nicht von plötzlicher Krankheit, Krise oder Arbeitslosigkeit geschlagen wird, Routine. Es plätschert dahin. Und dann, Anfang Dezember: ,,Mein Gott, in drei Wochen ist schon wieder Weihnachten.''

Das ist das wahre Geheimnis der Zeit, die so schnell vergeht: die Existenz an der Grenze zwischen Routine und Langeweile, zwischen Alltag und ennui. Die Zeit vergeht nur dann nicht schnell, wenn man einen Anlass hat, die Tage, Wochen und Monate zu zählen: Wenn man wartet und noch auf das Bessere hofft, oder vielleicht nur noch wartet und das Schlimme fürchtet, im Krankenhaus, im Pflegeheim, im Gefängnis oder im selbstgezimmerten Käfig unerfüllter, unerfüllbarer Sehnsüchte. Aus den Sehnsüchten und den Erinnerungen kann man eine Welt bauen. Die unterscheidet sich so sehr und positiv von jener, in der man physisch lebt, dass sich viele mehr und mehr in die imaginierte Welt zurückziehen. Bei alten Leuten fällt das oft sehr auf. Bei nicht ganz so alten führt das zu den beliebten Fragen, die Ehefrau oder Freund stellen: ,,Wo bist du gerade?'' oder ,,Was denkst du?''.

Im M87-Zyklus von Perry Rhodan übrigens geht es auch um die Zeit. Die Schwingungswächter, also die Zeitpolizei, haben den Auftrag, die Menschen zu bestrafen, weil sie angeblich ein ,,Zeitverbrechen'' begangen haben. Die Vorgesetzten der Zeitpolizei, die ich noch nicht kenne, weil ich ja erst bei Nummer 333 bin, verfolgen jeden, der Zeitreisen antritt - sei es in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Zeitreisen sind sozusagen ein Offizialdelikt, bei dem die intergalaktischen Staatsanwälte tätig werden. Nun wurde Perry Rhodans Raumschiff zwar tatsächlich in die Vergangenheit geschleudert. Aber das war ein Unfall und keineswegs beabsichtigt. Der Zeitpolizei ist das egal. Sie hat den Befehl, die Verbrecher dingfest zu machen. Und Befehl ist Befehl, auch im Jahre 2430.

Über die Weihnachtstage werde ich weiterlesen. Ich werde mich freuen, wenn sich mein Sohn unterm Weihnachtsbaum freut. Und dann, vielleicht abends an einem der Feiertage, mache ich einen Tignanello auf und stelle mir vor, ich bin ein Zeitverbrecher.

Ich werde durch den leuchtenden Bogen des Temporaltransmitters treten und, ssssswitschbumm, nach 1967 reisen. Oder nach 1974. Oder nach 1983. Ich werde in ein Jahr reisen, in dem die Zeit noch nicht so schnell verging wie heute.

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(SZaW v. 23./24.12.2006)