SZ: Aber ist es nicht neben der juristischen Bewertung auch eine Frage der Solidarität mit einem Gemeinschaftsunternehmen, das die Verlage nach dem Krieg begründet haben?
Anzeige
Reitz: Wir fühlen uns nicht in der Pflicht, solidarisch gegenüber dpa zu sein, wenn wir mit der Solidarität gegenüber unseren Blättern genug zu tun haben. Wenn, wie bei der WAZ, der Agenturanteil auf unter zehn Prozent gesunken ist, kann ich nicht einsehen, wieso ich für die Fiktion einer 100-Prozent-Belieferung mehr als drei Millionen Euro zahlen soll. Dieses Agentur-Geschäftsmodell hat sich, zumindest für die WAZ-Gruppe, überlebt.
SZ: Ihr eigenes Modell steht auch auf dem Prüfstand. Die Sparpläne bedeuten ja nicht nur den Abbau von 300 Redakteursstellen, sondern auch einen Verlust von Meinungsvielfalt. Im Zuge der Restrukturierung werden Sie schließlich ganze Redaktionen schließen.
Reitz: Wir haben uns alle Standorte auf Profitabilität hin angeschaut. Und wir haben in der Tat die Entscheidung getroffen, uns von Standorten zu lösen, wo wir keine Perspektive mehr sehen. Wir müssen feststellen, dass es uns an vielen Standorten nicht gelungen ist, eine rentable Struktur hinzubekommen, zumindest eine schwarze Null zu schreiben.
SZ: Aber die WAZ-Gruppe insgesamt verdient doch nicht schlecht, auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung schreibt offenbar noch Gewinne.
Reitz: Deshalb ist das Ganze ja auch ein Akt der Solidarität der großen Zeitung gegenüber der gesamten Zeitungsgruppe in Nordrhein-Westfalen. Die Rendite der WAZ ist ja sehr in Ordnung.
SZ: Wie weit geht die Solidarität? Die Berater der Firma Schickler hatten die Schließung der Westfälischen Rundschau empfohlen. Glauben Sie, dass die WR mit dem Restrukturierungskonzept auf Dauer sicher ist?
Reitz: Die Frage ist perfide, aber ich sage Ihnen: Mit diesem Konzept haben wir jetzt den Bestand der WR gesichert. In diesen Zeiten Aussagen darüber zu machen, was in fünf Jahren ist, ist ein unerhörtes Risiko. Wer hätte vor einem halben Jahr geglaubt, dass eine christdemokratische Kanzlerin daran denkt, Banken zu verstaatlichen? Auf Dauer, da sind wir uns einig, sollen die Zeitungen in den schwarzen Zahlen sein. Man wird die WR nicht aufgeben, weil sie das knapp verpasst, aber die Perspektive muss stimmen.
SZ: Sie bauen dafür 300 Stellen ab. So etwas nennen Kritiker Kahlschlag.
Reitz: Wir bauen sehr viele Stellen in einem harten Schnitt ab. Sie können mir abnehmen, dass es den Chefredakteuren sehr, sehr schwer fällt. Aber am Ende steht eine Aufstellung, die es der WAZ-Gruppe ermöglicht, aus der Krise, die nicht nur konjunkturelle Gründe hat, gestärkt heraus zu kommen. Sie können in jedem Handbuch für Manager lesen, dass genau dies die Chance eines tiefgreifendem Restrukturierungsprozesses ist
SZ: Aber damit lassen sich die strukturellen Probleme ja nicht lösen. Hat das Medium überhaupt noch eine Zukunft?
Reitz: Die Zeitung hat das Zeug zum Kultobjekt des digitalen Zeitalters. Wir müssen uns zwar strukturell auf weiter sinkende Auflagenzahlen einstellen, aber ich glaube an das Medium. Im Hörfunk versenden sich die Dinge, im Fernsehen ist die Farbe des Hemdes oft wichtiger als eine politische Aussage. Und das Internet erweist sich, wenn sie die Nachrichtenportale ausnehmen, bisweilen als Ansammlung von Banalitäten. Die Zeitung als Medium des Sich-Zurücklehnens, des Sich-Einlassens ist einzigartig.
SZ: Ein Qualitätsmedium braucht eine anständige personelle Ausstattung. Die WAZ-Gruppe baut grade ein Drittel ihrer Redakteurstellen ab.
Reitz: Wir bauen ja nicht blank Leute ab, sondern bereinigen Strukturen. Wir haben nach der Restrukturierung immer noch eine Besetzung im Lokalen, wie sie für Qualitätsblätter üblich ist. Im Online-Bereich investieren wir zusätzlich 20 Stellen, und im Mantel werden wir im Mai oder Juni mit 83 Redakteuren starten, das ist für Regionalzeitungen Deutschlands größte Mantelredaktion.
SZ: Mit was für einer Mannschaft?
Reitz: Wir werden sehr starke Leute darin haben. Mir ist eine Redaktion am liebsten, die sich selbst steuern kann. Ziel ist es, eine Redaktion zu bauen, die nach dem Prinzip der drei Musketiere arbeiten wird: Einer für alle, alle für einen.
SZ: Was ist Ihr journalistisches Ziel?
Reitz: Wenn jemand sich über diese Region informieren will, soll er wissen: Wenn du wirklich wissen willst, was hier gespielt wird, musst du die WAZ-Blätter lesen. Das wird uns nicht immer gelingen, aber es ist unser Anspruch. Deshalb finde ich es toll, dass wir mit einem eigenen, wahrscheinlich siebenköpfigen Rechercheteam die Chance bekommen, uns hier ein solches Schmuckstück zu basteln. Daran sehen Sie, dass unser Haus nicht nur vom Sparen spricht, sondern voll auf Qualitätsjournalismus setzt.
SZ: Sie haben im Zusammenhang mit dem Contest Desk oft vom einen Agentur-Modell als Dienstleister gesprochen. Wollen Sie Ihren Mantel auch auf dem freien Markt anbieten, also andere Zeitungen mit dem WAZ-Mantel beliefern?
Reitz: Wir müssen das erst einmal ans Laufen bringen. Und wenn es läuft, werden wir mal gucken. Aber natürlich ist das eine echte Option für uns.
SZ: Und wann sind die WAZ-Titel so weit, dass sie eine Hochglanzfassade haben und Ulrich Reitz sich die nächste Baustelle sucht?
Reitz: Die WAZ und Hochglanz, das finde ich lustig. Hochglanz passt nicht ins Revier, und ich bin wirklich froh, in diesem großen bunten bewegten Laden arbeiten zu dürfen.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 23.2.2009/holz)
DFB-Pleite gegen die Schweiz
Man muss nur mal "Der Westen.de" lesen und die dort oft gängigen niveaulosen "Leserkommentare" (teilweise reichlich rechts!) sich zu Gemüte führen, um zu wissen, dass sich die WAZ damit einfach nur blamiert!
Bereits in den 60er Jahren gab es in Deutschland ein großes Zeitungssterben und viele Tausend Redakteure bzw. Journalisten wurden "freigestellt". Die großen Blätter "fraßen" die kleine Konkurrenz auf. Zunächst gab es "Kooperation auf dem Anzeigensektor", dann verschwanden plötzlich nach und nach die kleineren Titel ganz.
Bei der Entwicklung der Medien bis heute war es doch gar keine Frage, dass ein zweiter Schub von "Strukturreform" im Printmedienbereich kommen würde, der zu Lasten vieler Journalisten gehen wird.
Die Verlage kündigen die Mitgliedschaft im Verlegerverband und akzeptieren nicht mehr die mit den Journalistenverbänden ausgehandelten ordentlichen Tarifverträge. Stattdessen gibt es schlechtere "Haustarife", auf die viele Journalisten lieber verzichten und es vorziehen, den undankbaren Status als "Freie" anzunehmen.
Was WAZ-Mann Reitz über die Absichten und Notwendigkeiten in seinem WAZ-Medienkonzern berichtet, ist die logische Konsequenz aus der bisherigen Entwicklung.
Die ist ja auch nicht an der SZ spurlos vorbeigegangen, denn unsere einst sooo liberale SZ
ist ja auch seit Übernahme durch die Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe mittlerweile zu einem Kurier neoliberaler Thesen geworden....