Was ist Heimat? "Gleichgültigkeit schmerzt am meisten"

O-Ton Nordost: Feine Sahne Fischfilet mit Sänger Jan "Monchi" Gorkow (Zweiter von links).

(Foto: dpa; Robin Hinsch; photocase; Bearbeitung SZ)

Die Band "Feine Sahne Fischfilet" verteidigt Mecklenburg-Vorpommern gegen Nazis - nicht nur mit Liedern. Über eine Heimatliebe, die nicht dort aufhört, wo das Land hässlich ist.

Von Thomas Hahn, Warnemünde

Die Trommelstöcke geben das Signal. Drei Hiebe, Holz auf Holz. Dann peitschen Gitarren-Riffs und Schlagzeugsalven los. Kreischende Trompeten setzen ein, eine Stimme kommt dazu: Monchis Gesang, der sich anhört wie ein harmonisches Brüllen, dumpf und klar. "Reiß ihre Mauern ein / Reiß alle Mauern ein / Du lässt dein ganzes Leben zurück." Eine Melodie aus Lärm. "Reiß ihre Mauern ein / Reiß alle Mauern ein / Du riskierst jetzt alles für das Glück!" Es ist, als stürzten die Worte aus dem Lied krachend aufs Land. "Zuhause heißt / wenn dein Herz nicht mehr so schreit." So klingt Wut mit Liebe, der Soundtrack des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Heimatmusik von der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet.

Punk, der ruppige Stiefsohn des Rock 'n' Roll, gehört zu den Weltsprachen eines jugendlichen Lebensgefühls. Er atmet den Geist von Rebellion und Ausbruch. Die Schönheit des Daheimseins besingt er normalerweise nicht. Das tun die Barden des weicheren Liedguts, des Schlagers, der Volksmusik. Und wenn man deren Fans nach ihrer Meinung fragen würde, kämen sie bestimmt nicht darauf, die Jungs von Feine Sahne Fischfilet, kurz FSF, als die Vertreter regionaler Befindlichkeit zu nennen. Trotzdem sind sie es, das zeigt nicht nur das Lied "Zuhause" aus ihrem neuen Album "Sturm und Dreck", das am 12. Januar erscheint. Seit 2007, seit es die Band gibt, hat sie sich von einer gammeligen, pubertären Krach-Musik-Clique zu einer viel beachteten Gruppe entwickelt, die das Bekenntnis zum fernen deutschen Nordosten in schnelle, kantige Lieder verpackt.

Was ist Heimat?

Jeder Mensch hat eine Heimat. Oder nicht? Oder auch zwei? Eine Artikelreihe untersucht die Ver- und Entwurzelung in bewegten Zeiten. Alle Texte lesen.

Sänger Jan "Monchi" Gorkow, Gitarrist Christoph Sell, Bassist Kai Irrgang, Schlagzeuger Olaf Ney sowie die Trompeter Jacobus North und Max Bobzin machen Party gegen die Einfalt, gegen rechts, für die Lebensfreude - und für ihre Heimat, das auch. Gerade auf dem neuen Album ist der Mecklenburg-Vorpommern-Bezug deutlich. Wobei das Wort Heimat dabei gar nicht vorkommt. Heimat ist kein Begriff aus dem FSF-Kosmos, dazu ist er zu groß, zu aufgeladen, zu oft missbraucht. Gorkow singt: "Ich lieb' die Ruhe und wenn's knallt / Sollt' ich alt werden, werd' ich hier alt." Und Gorkow sagt: "Für mich ist Mecklenburg-Vorpommern das geilste Bundesland. Weil ich hier am Meer lebe, weil hier meine Familie ist."

Es ist ein kühler Vormittag in Warnemünde. Der Ostseestrand liegt leer und aufgeräumt unter einem mausgrauen Himmel. Jan Gorkow, 30, und Kai Irrgang, 29, kommen pünktlich zum Interview. Sie strahlen eine erdige Professionalität aus, die aber nichts von der jugendlichen Energie der beiden Männer verbirgt.

Die Band ist ein gewachsenes Sextett aus vorpommerschen Lebenskünstlern, die im Rückblick nicht auf jede ihrer Leistungen stolz sind. Jan Gorkow und Kai Irrgang zum Beispiel fanden die Zeit am Goethe-Gymnasium in Demmin prinzipiell gut - dort haben sie sich kennengelernt; Kai fragte Monchi damals auf Empfehlung eines Musiklehrers, ob er in seiner Band singen wollte. Am Ende sind sie dann gar nicht mehr zum Unterricht erschienen, deshalb haben sie kein Abitur. Auch die anderen setzten bald ganz auf die Musik, und sie alle staunen bis heute darüber, dass das nicht schiefgegangen ist. "Sturm und Dreck" ist das erste Album, das sie im eigenen Proberaum in Greifswald erarbeitet haben, nicht in Gemeinschaftswerkstätten, in denen sie nach jeder Probe ihr Zeug wegräumen mussten. Ein ganz neues Gefühl: "Krass, du hast Zeit." Gorkow sagt das so, als rede er von einem Traum.

Interview also. Gorkow trägt kurze Hosen, Irrgang sieht neben ihm aus wie ein Strich. Jan Gorkow aus dem Städtchen Jarmen wirkt wie das Ebenbild eines vorpommerschen Herkules: Er ist kein Athlet mit Luxusmaßen, eher etwas zu breit geraten, aber ein Mann mit Kraft und Lust darauf, Haltung zu zeigen. Manchmal hat man das Gefühl, als wolle er allein Mecklenburg-Vorpommern gegen Nazis und Klischees verteidigen, weil seine massige Gestalt so heraussticht. Aber das stimmt nicht. Nichts geht alleine im herrlichen, strukturschwachen Land an der Ostsee. Auch davon handelt das neue Album. Gorkow singt: "Gleichgültigkeit schmerzt am meisten / Glaub mir, du bist nicht allein." Gorkow sagt: "Angst ist normal, manchmal, aber das darf nicht die Seele auffressen. Man muss weitermachen, Kopf hoch, Brust raus. Dieses Album soll Kraft geben."

Mecklenburg-Vorpommern ist das am dünnsten besiedelte Bundesland, geplagt von Landflucht und demografischem Wandel. Die Menschen haben hier schon zu DDR-Zeiten gern auf die Ostsee und in die schöne, struppige Natur geschaut. Mancher hier hätte den Mauerfall nicht gebraucht. Zumal mit der Wende die lokale Industrie zusammenbrach. Zehntausende wurden arbeitslos. Das Land befindet sich längst im Aufschwung, vor allem als Tourismus- und Windkraft-Standort. Trotzdem verbreiten Leute aus der alten Zeit immer noch ihren Frust, vererben ihn an ihre Kinder. Sie wählen rechts, weil sich sonst kaum einer kümmert. 18,6 Prozent hatte die AfD hier bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst.

Aber die Jungs von Feine Sahne Fischfilet kümmern sich. Vor den Landtagswahlen 2016 tourten sie mit ihrer Kampagne "Noch nicht komplett im Arsch" über die Dörfer, um Zeichen gegen den Rechtsruck zu setzen. Mit ihrem Festival "Wasted in Jarmen" bringen sie jedes Jahr Schwung in die Leere des vorpommerschen Hinterlandes. Texte gegen rechts sind ihnen ein Anliegen. Und wenn es sein muss, stellen sie sich selbst vor die Flüchtlinge, um sie gegen den braunen Mob zu verteidigen. Gorkow hält nichts von "Bratwurstessen gegen rechts", wie er all die gut gemeinten Veranstaltungen nennt. "Du musst Taten folgen lassen." Dafür nimmt er auch mal eine Anzeige in Kauf, wie vor zwei Jahren, als Neonazis eine Kundgebung von Flüchtlingen attackierten. Laut Anklage sollten Gorkow und zwei weitere Männer aus der linken Szene 15 Neonazis mit Stühlen und Steinen beworfen haben. Mitte Dezember war der Prozess. Freispruch.