Was ist Heimat? "Es leben inzwischen sehr viele unangenehme Menschen hier"

Rammstein-Keyboarder Flake: "Das Feld ist Volkseigentum, da tritt man nicht rein."

(Foto: Olaf Heine; dpa; photocase; Bearbeitung SZ)

Rammstein-Keyboarder Flake wohnt wieder in seinem Jugendhaus im Prenzlauer Berg, "in einer Blase von Reichen". Ein Gespräch über Heimat, Volkseigentum und Mähdrescher.

Interview von Juliane Liebert

Als einzige ostdeutsche Band, die jemals wirkliche Weltberühmtheit erlangt hat - und das mit deutschen Texten - sind Rammstein singulär, ein Fegefeuer in Form einer Kunstperformance, das mit rollendem R, ihrem martialischen Auftreten und den morbiden Texten der Heimat den völkischen Kitsch austreibt. Flake, 51, mit bürgerlichem Namen Christian Lorenz, hat zwei Bücher geschrieben, zuletzt "Heute hat die Welt Geburtstag", die sich neben der Entstehung der Band viel um das Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg drehen. Auch die anderen Bandmitglieder wohnen dort. Eigentlich, sagt er, sind sie inzwischen seine wahre Heimat.

SZ: Sie wohnen in dem Haus, in dem Sie aufgewachsen sind, im Prenzlauer Berg in Berlin.

Flake: Ja, seit ein paar Jahren wieder. Ich habe meine ganze Kindheit hier verbracht und kann mich gut erinnern, wie wir damals alle auf der Straße gespielt haben. Ich habe schöne Erinnerungen an dieses Viertel. Obwohl es in seinem damaligen Zustand einem Außenstehenden als sehr grau und trist erschienen sein muss. Es gab ganze Straßen, in denen nicht ein Geschäft offen war. An den Hausfassaden war abgefallener Bröckelputz. Alles war in einem einzigen Grauton. Es gab wenig Autos und noch viele Kriegsschäden. Als ich geboren wurde, 1966, war der Krieg gerade 21 Jahre her. Das ist kürzer als die Zeit, die seit der Wende vergangen ist.

Was ist Heimat?

Jeder Mensch hat eine Heimat. Oder nicht? Oder auch zwei? Eine Artikelreihe untersucht die Ver- und Entwurzelung in bewegten Zeiten. Alle Texte lesen.

Der Krieg war damals für Sie gegenwärtiger als jetzt die DDR?

Ja. In meiner Kindheit sah man noch viele Witwen, die in ihren schwarzen Sachen an den Fensterbrettern saßen und schimpften, dass da, wo ein Haus weggebombt worden war, Gras wuchs, Blumen, Getreide. Ich fand das wunderschön. Das war mein Heimatgefühl als Kind im Prenzlauer Berg.

Hat der marode Zustand der Stadt den Kindern Spielräume eröffnet?

Es war alles freier, denn es war gar nichts verboten, weil so wenig da war, dass es nicht nötig war, Dinge zu verbieten. Wir haben auf den Dächern Fußball gespielt. Gegenüber ist ein Friedhof, auf dem haben wir als Kinder auch gespielt. Jeden Morgen sah ich aus dem Fenster den Beerdigungen zu. Man hatte das Gefühl, dass ständig gestorben wird, dass der Tod einem nicht nur einmal im Leben begegnet, sondern immer da ist. Der Bezirk jetzt und die Straßen meiner Kindheit haben nichts mehr miteinander zu tun. Es ist, als sei die Wohnung in eine andere Stadt gesetzt worden.

In welche Stadt?

Nürnberg vielleicht. Es gemahnt mich hier vieles an eine westdeutsche Kleinstadt. Ich musste im Kopf mit dem Gedanken abschließen, dass das der Prenzlauer Berg ist, den ich kenne und geliebt habe. Es leben inzwischen sehr viele unangenehme Menschen hier. Die Arbeiter sind weg, die alten Leute sind weg, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten. Man lebt hier in einer Blase von reichen, wohlerzogenen Menschen. Streichen Sie "wohlerzogen". Die machen Sachen, die ich mir nie hätte träumen lassen. Reden an der Kasse laut ins Handy. Wir haben das Glück, dass wir uns durch die Band hier eine Wohnung leisten können.

Sind die Berliner heimatloser als früher?

Ich denke eher, dass der Begriff Heimat noch nicht so definiert ist, dass viele damit was anfangen können. Das ist ja einerseits der Ort, an dem man aufgewachsen ist, andererseits sind es aber auch Umstände, die einen Ort zur Heimat machen können. Es gibt viele Orte auf der Welt, die ich als Heimat bezeichnen würde, ohne dass ich da geboren wurde. Wenn ich nach Tschechien fahre oder nach Polen, und an einem Winterabend durch die Straßen laufe, dann riecht es so, wie es früher bei uns roch, weil die noch mit Kohlenöfen heizen. Und dieser Kohlegeruch, die Asche, der Kartoffelgeruch aus dem Keller, das riecht genau wie in meiner Kindheit. Da fühle ich mich zu Hause - trotz der anderen Sprache.

Für viele ist Heimat eng mit Gerüchen verbunden. Der Geruchssinn ist ja der am unmittelbarsten wirkende Sinn.

Wenn man sagt, dass "Heimat" ist, wo man herkommt, ist die Heimat für mich die DDR. Weniger als Ort, sondern mehr als Staat. Die Ideologie der DDR ist meine Heimat. Wir sind aufgewachsen in dem Glauben, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt, von der Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus. Das war für uns ein klarer Weg. Das Feld ist Volkseigentum, da tritt man nicht rein. Die Maschinen gehören allen. Erschien mir als Kind logisch, wer ist schon so blöde und kauft sich einen Mähdrescher. Das habe ich so verinnerlicht, dass ich mich in diesem System beheimatet fühle, obwohl es das nicht mehr gibt.

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Ist die Sehnsucht nach der Heimat der Kindheit nicht ohnehin immer die Sehnsucht nach etwas Verschwundenem?

Es gibt viele Orte für mich, die Heimat sind. Der Ort, wo ich aufgewachsen bin, weckt diese Gefühle nicht mehr.

Ist für einen Musiker Musik eine Heimat?

Das Verrückte ist, dass Musik das Einzige ist, das mühelos Grenzen überwinden kann. Wir konnten in der DDR Westsender hören, weil wir in Berlin lebten. Wenn im SFB Sex Pistols kamen, haben wir das in derselben Sekunde gehört wie die Westberliner. Wir waren als Ostler bei allem zehn Jahre hinterher, aber in der Musik waren wir auf demselben Stand. Da waren wir frei. Dann gab es in der DDR als Musiker ein verrücktes Phänomen.