Literatur Thea Dorn wünscht sich einen neuen Patriotismus

Thea Dorn beim Literarischen Quartett.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Mit ihrem Buch "Deutsch, nicht dumpf" will die Autorin in aktuelle Diskussionen eingreifen, ohne die "rüden Kräfte" zu stärken. Wie das aussehen soll, weiß sie aber leider auch nicht so genau.

Von Jens Bisky

Vor einigen Jahren hat Thea Dorn gemeinsam mit ihrem Schriftstellerkollegen Richard Wagner die "deutsche Seele" in 64 Kapiteln charakterisiert. Das reichte von "Abendbrot" bis "Zerrissenheit", auch "Kitsch" und "Schadenfreude" waren nicht vergessen. Die lexikalische Form lud zu Ergänzungen ein. Das Unternehmen glich einem Spiel mit Geschichten, Fundstücken, Kuriositäten. In ihrem neuen Buch "deutsch, nicht dumpf" wird Thea Dorn grundsätzlicher. Sie verweigert den kurzen, abstrakten Bescheid, was deutsche Kultur sei. Ludwig Wittgenstein hat in den "Philosophischen Untersuchungen" dazu aufgefordert, schauend, betrachtend herauszufinden, was allen Spielen gemeinsam sei. Wer viele Gruppen verschiedener Spiele mustert, Brettspiel, Ballspiele, Kartenspiel, wird merken, wie Ähnlichkeiten auftauchen und wieder verschwinden. So sei es, schließt Thea Dorn, auch mit der "deutschen Kultur". Man hat es mit einem "komplizierten Netz von Ähnlichkeiten" zu tun, die "einander übergreifen und kreuzen".

Wer über Deutsches redet, hat also erst einmal eine intellektuell anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen, genau zu schauen und zu vergleichen. Ähnlich verfährt Thea Dorn mit den Begriffen und Vorstellungen von "Heimat", "Leitkultur", "Nation". Der Patriotismus, für den sie wirbt, liebt die Schwierigkeiten, die Denkaufgaben, das Komplexe und das Gegensätzliche.

Wer derzeit "Öffentlichkeit" sagt, muss wohl immer "fragmentiert" mitdenken

Die Philosophin, Kritikerin und Romanautorin will in aktuelle Diskussionen eingreifen, ohne die "rüden Kräfte" zu stärken. Sie unterscheidet ein "Lager der Krawallmacher" und ein "Lager der Konsensverwalter". Der Streit zwischen beiden verhindert "konstruktive Auseinandersetzungen".

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Statt von "Leitkultur" möchte Thea Dorn lieber von "Leitzivilität" reden: Verstöße gegen Gesetz und Verfassung müssen konsequent geahndet werden, damit ansonsten große Liberalität herrschen und jede nach ihrer Façon selig werden könne. Eine "Identität" ist kein Pokal, den man in die Vitrine stellt und ab und an putzt, sondern eine Aufgabe. Auf den Nationalstaat können wir nicht verzichten. Das "Bekenntnis zur Nation" scheint Thea Dorn das einzige Mittel zu sein, die Gesellschaft "vor einer noch gravierenderen und irgendwann nicht mehr zu kontrollierenden Spaltung zu bewahren". Im Nationalstaat finden der "emanzipierte Citoyen wie der Bildungsbürger" ihre Heimat. Den Verfassungspatriotismus soll ein Kulturpatriotismus ergänzen und sichern. Viele gute Absichten.

Thea Dorn entwickelt sie in einer langen Reihe von Zitaten, Referaten aus klassischen Texten zum Thema. Thomas Mann und Fichte dürfen da nicht fehlen; bewegend ist der Hinweis auf die Heimatliebe Kurt Tucholskys: "Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ,national' nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. ... Wir sind auch noch da." Wer Norbert Elias oder Helmuth Plessner noch nicht kennt, bekommt Lust, sie zu lesen.

Dennoch wächst bei der Lektüre von "deutsch, nicht dumpf" die Ungeduld. Zu oft fällt Thea Dorn in einen gleichermaßen kolloquialen wie belehrenden Ton; sie greift zu viele Streitfälle, Meldungen, aktuelle Äußerungen - Europa, Flüchtlinge, Islam - auf. Die Formprobleme haben einen Grund in der Sache. Der Patriotismus wird mehr beschworen als klar konturiert. Ist er eine Bekenntnisfrage? Ein seelisches Phänomen?

Der aufgeklärte Patriotismus des 18. Jahrhunderts propagierte die Bereitschaft, den Tod fürs Vaterland zu sterben (und übte später Selbstkritik). Was aber bedeutet Opferbereitschaft in postheroischen Gesellschaften? Ob da pünktliches Steuerzahlen ausreicht, sich patriotisch zu fühlen, oder ob an Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement gedacht ist, hätte man gern genauer gewusst. Thea Dorn argumentiert gegen Versuche, das Soldatische aufzuwerten und will zugleich den Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr Respekt sichern. Die Frage, ob es nicht ein Verlust sei, dass wir befreiten Individuen keine Ideale mehr kennen, für die wir zu sterben bereit wären, wirft sie auf - und beantwortet sie nicht.

Für Patriotismus und Vaterlandsliebe der Vergangenheit kann man ungefähr sagen, was sie förderte: die Konstitution des Dritten Standes als Volk etwa, dazu Wehrpflicht, Eisenbahnen, Buchmarkt und einiges mehr. Für die Gegenwart fällt es leichter aufzuzählen, welche gemeinsamen Räume - als Räume tatsächlicher Begegnung und gemeinsamer Erfahrungen - verschwunden oder kleiner geworden sind. Die Wehrpflicht ist abgeschafft, die Bildungslandschaft zerfasert und spezialisiert. Wer Öffentlichkeit sagt, muss wohl auch immer "fragmentiert" mitdenken. Zugleich sind andere Formen der Gemeinschaft auf Distanz entstanden. Leider versucht Thea Dorn nicht, diese zu beschreiben. Stattdessen skizziert sie noch einmal den bildungsbürgerlichen Kanon als geistigen Raum.

Trotz dieser Einwände überzeugt ihr Plädoyer, die Zerrissenheit der deutschen Kultur nicht nur anzunehmen, sondern als ihr Bestes zu nutzen. Wenn es stimmt, dass "Naturliebe und Technikgläubigkeit, Heimweh und Fernweh, Provinzialität und Menschheitspathos" und vieles mehr seit dem 18. Jahrhundert miteinander ringen und dieses Ringen der Motor der deutschen Kultur war, dann sollten sich "aufgeklärte Patrioten" in den Streit stürzen, kritisieren, polemisieren, argumentieren. Krawall und Konsens wären dann vorübergehende Zustände.

Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. Albrecht Knaus Verlag, München 2018. 336 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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