"Was ist deutsch?" Nicht die Guten sterben jung, sondern die Armen

Volle Residenzstraße in München: Deutschland wird immer noch durch eine große Vermögensmauer geteilt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Zahlen zeigen: Deutschland geht es gut. Wer aber genau hinschaut, erkennt große Ungleichheit, nicht nur bei Renten und Übergewicht.

Gastbeitrag von Stephan Lessenich

Sind Sie Deutscher? Dann sind Sie übergewichtig. Statistisch gesehen. Jeder zweite Deutsche wiegt, am herrschenden Body-Mass-Index und damit an der Körpergröße gemessen, zu viel - Männer noch deutlich häufiger als Frauen. Unter beiden Geschlechtern liegt der Anteil der "Fettleibigen" und also besonders Dicken bei einem Viertel, Tendenz steigend.

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Sehen wir uns die Daten genauer an. Übergewicht ist ein stark alterskorreliertes Phänomen: Je älter wir werden, desto höher das Risiko, dick zu sein. Liegt der Anteil der statistisch Dicken unter Jugendlichen bei etwa einem Drittel, so steigt er bei den über 70-Jährigen auf nicht weniger als 80 Prozent an. Im Zeichen gesellschaftlicher Alterung - das hiesige Durchschnittsalter von derzeit 46,2 Jahren wird sich in den kommenden Jahrzehnten erhöhen, die Altersgruppe "60 plus" statt einem Viertel tendenziell ein Drittel der Bevölkerung ausmachen - müssen wir also auch mit mehr Altersspeck rechnen. Die Deutschen werden in diesem Jahrhundert mit ziemlicher Sicherheit nicht aussterben. Aber sie werden vermutlich zunehmen.

Ein Wohlstandsphänomen? Einerseits schon: Die Übergewichtsraten steigen, das zeigt die globale Entwicklung in den 2000er-Jahren, mit dem nationalen Pro-Kopf-Einkommen. Wobei hier wenig überraschend der Fast-Food-Weltmeister USA an der Spitze liegt, aber auch Argentinien rindfleischbedingt ganz gut im Futter steht und selbst Brasilien und China beginnen, einen Wohlstandsbauch anzusetzen. Einerseits. Andererseits zeigen alle Daten, dass Übergewicht, wie überhaupt so viele Dinge, sozialstrukturell ungleich verteilt ist: je reicher, desto schlanker. Der Anteil stark übergewichtiger älterer Frauen etwa ist in Deutschland unter den weniger Wohlhabenden mehr als dreimal so hoch wie bei den gut Situierten, dasselbe erhöhte Adipositas-Risiko findet sich auch schon bei Mädchen aus ärmeren Haushalten.

Altwerden ist eine Frage des sozioökoomischen Status

So gesehen müssten sich deutsche Krankenkassen und Lebensversicherer gar nicht so große Sorgen machen - die Sozialstatistik weiß, dass nicht die Guten jung sterben, wie es sprichwörtlich heißt, sondern vor allem die Armen. Wenn in Politik und Medien immer wieder gewarnt wird, dass Deutschland altere, dann ist dies eben nur die halbe Wahrheit: Altwerden ist in vielerlei Hinsicht eine Frage des sozioökonomischen Status. Nur 15 Prozent der Männer aus den alten Bundesländern erhielten 2012 eine gesetzliche Rentenzahlung von mehr als 1 500 Euro im Monat; bei einem Drittel lag der Zahlbetrag hingegen unter 750 Euro. Was wiederum bei drei von vier (west)deutschen Frauen der Fall ist, unter denen nicht einmal jede zehnte über 1 000 Euro und weniger als jede hundertste über 1 500 Euro Rente bezieht.

Insbesondere für Männer lässt sich zudem ein deutlicher Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung feststellen: nur sieben von zehn Männern aus Armutshaushalten (aber neun von zehn aus den obersten Einkommensgruppen) erleben überhaupt ihren 65. Geburtstag. Ihre Lebenserwartung bei Geburt ist gegenüber jener der Bestverdienenden um durchschnittlich zehn Jahre, die sogenannte "gesunde Lebenserwartung" sogar um fast 15 Jahre reduziert. Deutschland altert also, aber äußerst "differenziell", wie die Sozialstrukturanalyse das frühe Erkranken und Sterben in Armutsmilieus elegant umschreibt.

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Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Dasselbe lässt sich für die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen sagen, wobei Deutschland, wer hätte das von der Heimstatt der "Sozialen Marktwirtschaft" und des "Wohlstands für alle" gedacht, kein Musterschüler ist. Das reichste Fünftel der deutschen Haushalte verfügt etwa über das fünffache Einkommen des ärmsten Fünftels. Damit liegt Deutschland auf EU-Durchschnittsniveau.

Vermögenswerte hingegen sind bei uns so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen reichen Land der Welt. Zehn Prozent der deutschen Haushalte besitzen 60 Prozent aller Nettovermögen, die gesamte untere Hälfte der deutschen Gesellschaft dagegen hat bestenfalls mit einer schwarzen Null im großen Vermögensbildungs- und Erbverteilungsspiel zu rechnen. Wobei gerade hier die auch sonst bemerkenswerten innerdeutschen Ungleichheiten zu betonen sind. Deutschland wird immer noch durch eine große Vermögensmauer geteilt, das Nettogesamtvermögen westdeutscher Haushalte liegt gut doppelt, ihr Grund- und Immobilienvermögen mehr als dreifach so hoch wie das der ostdeutschen - im Durchschnitt wohlgemerkt.