Deutscher Hiphop; oH

Aggro Berlin - am Kapitalismus zerbrochen

Wo fing das an und wann?

An einem Herbsttag in Berlin im Jahre 2001 steigen der ehemalige Profi-Breakdancer Spaiche und sein Freund Specter, ein Graffitisprüher und Grafiker, in ihren verbeulten Golf und machen sich auf die Suche nach einigen Jungs, deren Raps sie auf Demo-Kassetten gehört haben. Die Jungs rappen über Geschlechtsteile, Drogen und das Leben am unteren Ende der Gesellschaft. Spaiche und Specter finden sie im Wedding in einer Sozialwohnung und gründen einen Plattenfirma mit ihnen: Aggro Berlin. Einer der Jungen bekommt von dem Duo eine Maske verpasst und nennt sich fortan Sido, der andere ein auffälliges Tattoo am Hals und den Namen Bushido. Ihre sexistischen, gewaltverherrlichenden, ghettoromantischen Texte sind eine Innovation im von Vorstadtkindern dominierten deutschen Hiphop-Business. Mit Mein Block gelingt Sido der kommerzielle Durchbruch, Bushido folgt ihm mit Staatsfeind Nr. 1/Endgegner in die Charts.

Was hat euch irritiert?

Mit dem Erfolg wachsen die Herausforderungen an den familiären Plattenvertrieb Aggro Berlin, der daraufhin mit dem Major-Label Universal eine Beteiligung aushandelt. Das sorgt für Unmut bei den Künstlern im Schatten von Sido und Bushido, weil sie sich benachteiligt fühlen. 2004 verlässt Bushido das Indie-Label und unterschreibt einen Vertrag bei Universal, Sido folgt kurz darauf.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Ohne seine Zugpferde ist Aggro Berlin wirtschaftlich gehandicappt, einen weiteren Star kann das Label nicht hervorbringen. Zudem lässt sich das Publikum nicht länger vom Gangster-Image und der drastischen Sprache beeindrucken. "Wir merkten: Das Ding war ausgeschöpft", sagte Label-Mitgründer Specter kürzlich dem SZ-Magazin. Die einstigen Aggro-Stars werden brav: Bushido schüttelt Bayerns CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer die Hand und lässt sein Leben von Bernd Eichinger verfilmen. Sido ist an der Mannheimer Oper in Mozarts Zauberflöte zu sehen. Was bleibt? Gefüllte Konten, zerbrochene Freundschaften und die Geschichte vom Indie-Label, das es den Großen gezeigt hat.

Foto: Universal Music Group/oH

2. März 2010, 15:17 2010-03-02 15:17:00