"Was bleibt" im Kino Überleben durch Design

Als Mutter probt Corinna Harfouch cool und angenehm aggressiv den Aufbruch, doch sie scheitert an einem Familienbild, das noch aus den 60er Jahren stammt. Hans-Christian Schmid inszeniert sein Drama "Was bleibt" rund um das elterliche Zuhause, das zum Gefängnis wird. Am Ende ist die Familie zersprengt - aber das ist nicht nur schlecht.

Von Fritz Göttler

Ein kleiner Film über das Haben und das Verlieren, das Zupacken und das Loslassen, das Hinausziehen und das Wiederkommen, die Liebe und den Betrug - den Selbstbetrug vor allem -, die Unabhängigkeit und die Fürsorge.

Ein Wochenende im Familienkreis, im Haus der Eltern im Rheinischen, in der Umgebung von Siegburg. Es gibt ein Jubiläum, meine Krankheit und ich feiern unser Dreißigjähriges, sagt die Mutter. Sie leidet an Depressionen, aber man redet nicht viel von der Krankheit. Familienleben, Fassadenglück. Häuser, die nach vorn hinaus Idylle und Harmonie suggerieren, eingepasst in die Natur und die Nachbarschaft drumherum, und die dann nach hinten sich verzweigen und immer neue verdrängte Räume auftun.

Ein Jubiläum, das auch für einen Aufbruch steht. Die Mutter - Gitte (Corinna Harfouch) - hat vor ein paar Wochen ihre Medikation abgesetzt, sie will es ohne versuchen. Der Mann ist skeptisch und auch die beiden Söhne sind unsicher. Es ist eine sanfte Gespanntheit, eine stimulierende Unruhe in der Art, wie die Kamera beobachtet, sie hat eine Genauigkeit bei Hans-Christian Schmid, die es sonst nicht gibt im deutschen Kino.

Da ist überhaupt nichts Pathologisches im Spiel von Harfouch, sie ist cool und angenehm aggressiv, als sie ihren Entschluss verkündet, und strahlt eine traumhafte Jugendlichkeit aus. Ein wunderbares Paar gibt sie ab mit einem der beiden Söhne - Marko (Lars Eidinger) -, wenn sie nebeneinander auf einer Bank in der Natur sitzen und miteinander schwatzen, und danach Schwierigkeiten haben, den alten R4 wieder in Gang zu setzen.

Auch Marko ist nicht gerade ein Erfolgsmensch, er lebt in Berlin und hat ein Buch veröffentlicht, er bringt seinen Sohn mit ins Wochenende, aber er lebt mit dessen Mutter nicht mehr zusammen. Er braucht Zeit, will die Dinge sich entwickeln lassen. Einmal sitzt er am Klavier im Wohnzimmer und spielt vor sich hin, und dann singen die anderen mit, und es wird eine richtige Nummer daraus, eine Familien-Combo. Ein Chanson von Aznavour: "Seit Wochen leb ich neben dir und fühle gar nichts neben mir . . . Ja, früher warst du lieb und schön. Du lässt dich geh'n . . ."

Der Mythos vom Versorger

Dem Vater - Ernst Stötzner - fällt's am schwersten miteinzustimmen, er hat echte Probleme mit dem Sichgehenlassen, dem Auslassen. Auch er hat einen Neubeginn hingelegt, hat seinen erfolgreichen Verlag aufgegeben, bringt die Bücher aus dem Büro nach Hause und versucht sie dort unterzubringen.

Alles wird zu eng, er muss wieder los, ein Buch will er schreiben, dafür auf Recherche fahren nach Jordanien. Dreißig Jahre habe ich den Laden zusammengehalten, das kommt ihm flott und formelhaft über die Lippen. Der Mythos vom Versorger, der alles unter Kontrolle hat, die Frau und die Söhne, die es nicht schaffen ohne ihn. Und alles soll bleiben, wie es ist - noch eine Formel: Das klären wir später.

Es ist ein tristes und überkommenes Familienbild, das der Film entwickelt, immer noch im Bann der Sechziger, spätes Wirtschaftswunder. Es ist ihr Haus, das sie zu Gefangenen macht, zu Opfern einer Wohnkultur, einer Lebensideologie.

Mein Bühnenbildner Christian Goldbeck ist in genau so einem Haus aufgewachsen, erzählt Hans-Christian Schmid. "Sein Vater war Architekt und hat mit Richard Neutra gearbeitet . . . Von Neutra selbst gibt es nur zwei Häuser in Deutschland, beide stehen im Ruhrgebiet, waren aber für Dreharbeiten nicht zugänglich."

Spuren vom wirklichen Aufbruch

Schmid hat die Bewegung aufgenommen in seinem Film, wie die Räume des Hauses ineinander übergehen, hat sie als Bühne inszeniert, die Veranda, das Wohnzimmer, die große Küche.

Der Wiener Neutra hat diese Beweglichkeit erfahren, als er in die USA ging und dort die Weite des Landes erlebte, und er hat diese Erfahrung genutzt, als er zurückkehrte nach Europa und dort baute. Er hat die kleinsten materiellen und strukturellen Details seines Bauens auf die physiologischen Effekte hin studiert, wollte den in der modernen Gesellschaft verlorenen Menschen retten.

Der Architekt als Heiler, survival through design. Das Haus ist ein Mitspieler in Schmids Film, und durch Design und Dekor meint man unter der provinziellen Oberfläche Spuren amerikanischer Freiheit, von wirklichem Aufbruch, zu spüren, wie man es kennt aus Hollywood-Melodramen und -Komödien.

Die Familie ist zersprengt am Ende, aber die Menschen gewinnen darüber eine neue Transparenz. Was man liebt, muss man loslassen, heißt es einmal, wenn's zurückkommt, dann bleibt's. Ein Film vom Aufbruch, am Ende sogar mit einem Lagerfeuer, das erinnert an amerikanische Pioniere. That's all.

Was bleibt, D 2012 - Regie: Hans-Christian Schmid. Buch: Bernd Lange. Kamera: Bogumil Godfrejo. Mit: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Ernst Stötzner, Sebastian Zimmler, Picco von Groote, Egon Merten, Birge Schade, Eva Meckbach. Pandora, 85 Minuten.

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