Warschauer Aufstand Denn Blut muss für Polen fließen

Unverantwortliche Wahnsinnstat oder Fanal im Freiheitskampf? Die Polen diskutieren wieder über den Warschauer Aufstand, dessen Niederschlagung 1944 zur nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt führte. Doch dieses Mal bleibt es nicht beim Schlagabtausch altbekannter Argumente - es geht um die Frage: "Brauchen die Polen für ihr Nationalbewusstsein vergossenes Blut?"

Von Thomas Urban, Warschau

Es waren eigentlich nur zwei zunächst eher unverfängliche Worte im Blog des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski, die den Polen als diesjähriges Sommerlochthema eine neue heftige Debatte über den Warschauer Aufstand von 1944 bescherten. Sikorski hatte die Erhebung der polnischen Untergrundarmee AK, die Einheiten der Waffen-SS und Wehrmacht blutig niederschlugen, eine "nationale Katastrophe" genannt.

Dazu stellte er allerdings einen Link zu einer Webseite einer Gruppe von Hobbyhistorikern, die den Aufstand eine "unverantwortliche Wahnsinnstat" nennen. In der Tat mähten die Besatzer auch Zehntausende von unbeteiligten Zivilisten nieder und sprengten anschließend die gesamte Innenstadt, auch Kirche, Paläste, Museen und Bibliotheken. So gingen unschätzbare Kulturgüter unwiederbringlich verloren. Die Rote Armee lag während dieser Wochen auf dem Ostufer der Weichsel und beobachtete gespannt, aber tatenlos das Geschehen.

Die Debatte über den Sinn der Erhebung fünfzehn Monate nach der Niederschlagung des Ghettoaufstandes im Mai 1943 setzte noch während des Krieges ein, und sie ist nie verstimmt. Zuletzt schienen die Historiker und Politiker die Oberhand zu behalten, die den Aufstand als Opfergang der Nation, als Fanal im Freiheitskampf gewürdigt sehen wollen, allen voran der vor fünfzehn Monaten bei einem Flugzeugabsturz umgekommene Staatspräsident Lech Kaczynski. Noch zum 67. Jahrestag des Ausbruchs des Aufstandes am 1. August deutete nichts darauf hin, dass die Wogen der Erregung wieder so hoch schlagen würden.

Kaczynskis Nachfolger im höchsten Staatsamt, Bronislaw Komorowski, hielt eine der üblichen Reden über Helden und Opfer, und wie schon in den vergangenen Jahren wurde der frühere Außenminister Wladyslaw Batoszewski wieder von einem Teil der versammelten Veteranen ausgepfiffen.

Ihm wird vorgeworfen, sich selbst als einen der Kämpfer feiern zu lassen, ohne dass es irgendwelche Zeugnisse für seine aktive Teilnahme daran gebe. Für Aufregung sorgte aber erst Sikorski. Der Link zur Seite der Gegner der Darstellung des Aufstandes als Sakrifizium wurde nun nicht nur als einfache Meinungsäußerung interpretiert, sondern als offener Widerspruch zur Position des Präsidenten und zur Darstellung in den Schulbüchern.

Die Debatte griff dabei zunächst die ersten Reaktionen von damals auf: So nannte General Wladyslaw Anders, der Kommandeur eines im Krieg unter alliiertem Oberbefehl stammenden polnischen Verbandes, den Befehl zum Losschlagen schlicht ein "Verbrechen". Auch die polnische Exilregierung in London kritisierte die Anführer der Untergrundarmee AK.

"Paris des Ostens" umsonst zerstört

Sie seien naiv gewesen, da sie sich auf die Hilfe der Roten Armee verlassen hätten. Heute erklären vor allem links und linksliberal orientierte Publizisten, die Zehntausende von getöteten Angehörigen der jungen Generation hätten schmerzlich beim Wiederaufbau des Landes gefehlt. Mit ihnen wäre, so lautet sogar eine These, die völlige Unterwerfung der Gesellschaft unter die polnischen Satrapen Stalins in den Nachkriegsjahren nicht möglich gewesen. Auch sei Warschau, vor dem Krieg das "Paris des Ostens" genannt, umsonst zerstört worden.

Bei diesem Schlagabtausch altbekannter Argumente blieb es indes nicht - es wurde schließlich sogar die Frage gestellt: "Brauchen die Polen für ihr Nationalbewusstsein vergossenes Blut?" Daraus ergab sich die geradezu banale Forderung nach einer "Entmilitarisierung" der polnischen Geschichtsschreibung. In der Tat hangeln sich fast alle populärwissenschaftliche Darstellungen ebenso wie die Schulbücher nach wie vor an Schlachten und Aufständen als Marksteine der polnischen Geschichte entlang, fast durchweg unter der romantischen Losung vom Volk der Helden und Opfer.

Das vom verstorbenen Lech Kaczynski vorangetriebene Museum des Warschauer Aufstandes gibt sogar eine Comic-Reihe mit dem Titel "Der kleine Aufständische" heraus, die ganz offensichtlich den heutigen Schulkindern die Idee vermitteln solle, es sei das höchste Gut, Blut fürs Vaterland zu vergießen.

Fehler der Warschauer Führung

Doch nun wird erstmals breit über die Forderung nach einer kritischen Betrachtung der eigenen Geschichte mit all ihren Mythen debattiert, so laut wie nie zuvor. Dass ausgerechnet Sikorski sie ausgelöst hat, wird als weitere Folge seiner "Europäisierung" gesehen.

Noch vor wenigen Jahren stand er auf Seiten der Kaczynskis, bis er im Streit mit ihnen zu den proeuropäischen Liberalkonservativen um den jetzigen Premier Donald Tusk wechselte.

Schon vor zwei Jahren brachte Sikorski das nationalpatriotische Lager gegen sich auf, als er eine Debatte über grundlegende Fehler der Warschauer Führung, die in den letzten Monaten vor dem Krieg 1939 nur Hitler in die Hände gespielt hätten, mit den Worten kommentierte: "Anstatt über andere zu klagen, sollten wir darüber nachdenken, inwieweit unsere polnischen Niederlagen auf unsere Fehler und Unterlassungen zurückzuführen sind. Lasst uns heruntersteigen von unserem Denkmalsockel und unsere Dornenkrone ablegen!"

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