Walter Kempowski gestorben Dank ihm ging es uns gold

Walter Kempowski war einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller, sein Abschied im Fernsehen war ein bewegendes Dokument voller Humor und Größe. Ein Nachruf.

Einer der großen Männer des Wortes ließ sich eine Abschiedsvorstellung im Fernsehen nicht nehmen: Kürzlich durfte ein Reporter des ARD-Kulturmagazins "Titel, Thesen, Temperamente" den todkranken Walter Kempowski zu Hause besuchen. Was in anderen Fällen zur rührselig-peinlichen Veranstaltung hätte werden können, geriet dank Kempowskis Gefasstheit zu einem bewegenden Dokument, in dem sich die Intensität eines gelebten Lebens kurz vor seinem Ende bündelte.

Der an Darmkrebs erkrankte, sichtbare abgemagerte und geschwächte Schriftsteller sprach mit leiser rauer Stimme und mit dem einzigartig trockenen Humor, der seine Tagebücher zum Geheimtipp unter Hochkomik-Fans gemacht hat, und blickte mit ungetrübtem Blick auf die Gegenwart: kompromisslos, aber weise. Am Ende dieser finalen Inszenierung, verabschiedete sich Kempowski und schloss die Tür hinter sich. Und in diesem Moment verspürte sogar mancher Misanthrop eine absurde Wut darüber, dass Menschen sterben müssen.

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 in Rostock geboren. Sein Vater war Schiffsmakler, seine Mutter stammte aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie. 1944 wurde Kempowski in eine Strafeinheit der Hitlerjugend eingewiesen, 1945 erfolgte seine Einberufung als Luftwaffenkurier, und sein Vater starb an der Front. Doch auch nach dem Krieg hatte der Schrecken für ihn kein Ende: 1948 wurde er mit seinem Bruder von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Kempowski kam ins Zuchthaus Bautzen. Nach der vorzeitigen Entlassung holte Kempowski 1957 in Göttingen das Abitur nach und studierte an der Pädagogischen Hochschule. 1960 und 1963 machte er die Staatsexamen.

Nebenbei seiner Lehrtätigkiet widmete sich Kempowski dem Schreiben, das er mit den Aufzeichnungen aus der Haftzeit und der 1961 abgeschlossenen "Familiengeschichte der Collasius, Hälssen, Kempowski, Nölting" begonnen hatte. 1969 folgte der schriftstellerische Durchbruch mit "Im Block", einem Bericht über seine Haftzeit in Bautzen. Es folgte 1971 mit "Tadellöser & Wolff" ein erster "bürgerlicher Roman", in dem Kempowski seine Jugend während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs beschreibt.

Mit diesen beiden Büchern wies er sich nach Meinung der Fachkritik als "einer der ungewöhnlichsten und überraschendsten Begabungen der neueren deutschen Literatur" aus. Auch sein drittes Buch, "Uns geht's ja noch gold. Roman einer Familie" (1972), über die ersten Nachkriegsjahre, wurde ein großer Erfolg.

1975 verfilmte Eberhard Fechner für das ZDF seinen Debütroman "Tadellöser & Wolff". 1980 gründete Kempowski sein zeithistorisches "Archiv für unpublizierte Autobiographien", in dem er seither in Form von Tagebüchern, Fluchtberichten, Briefen, Lebenserinnerungen und Fotos deutsche Schicksale sammelt. Ab 1981 wurden in seinem Haus regelmäßig Literaturseminare durchgeführt.

"Ein bisschen spät kommt das"

Seinen Problemen mit dem Älterwerden spürte Walter Kempowski in dem 1988 erschienenen Roman "Hundstage" nach. Ein Plagiat-Streit um Kempowskis Bestseller "Aus großer Zeit" entbrannte Anfang 1990, als die Illustrierte Stern dem populären Schriftsteller vorwarf, zu diesem Roman aus den zehn Jahre zuvor erschienenen Erinnerungen von Werner Tschirch abgeschrieben zu haben. Kempowski hielt dagegen, er habe sich immer als "Sammler" zu erkennen gegeben und "eher das Finden als das Erfinden" zur Authentizität transportierenden Methode erklärt.

1993 brachte Kempowski den ersten Teil seiner als Meisterwerk gewürdigten, literarischen Jahrhundertcollage "Echolot. Ein kollektives Tagebuch" in vier Bänden mit über 3000 Seiten heraus. Es beleuchtet aus zeitgenössischen Quellen, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Berichten jeden Tag der ersten beiden Monate des Kriegsjahres 1943.

Das Ergebnis von 19 Stunden Dauerfernsehen am 16. Juni 1997 mit 37 Programmen zur Auswahl legte Kempowski in dem Band "Bloomsday '97" nieder. Ein Videorekorder und ein Tonbandgerät zeichneten diese Mediensuada auf, die er später abtippen und in eine schriftliche Form bringen ließ.

Nach Günter Grass' Geständnis, in der Waffen-SS gewesen zu sein, mischte sich Kempowski 2006 noch einmal in die öffentliche Diskussion ein: "Ein bisschen spät kommt das", sagte er. Doch auch für Grass gelte das Wort aus der Bibel: "Wer selbst ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."

In der Nacht zum Freitag starb Walter Kempowski im Alter von 78 Jahren in einem Krankenhaus bei Bremen.