Wie sich die Zeitung seit Murdochs Übernahme verändert hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Harold Evans, der als Chefredakteur der Londoner Sunday Times 1981 im Streit mit Murdoch ausschied, sagte dem Wochenblatt The Nation, Murdoch habe das Journal "stark verbessert".

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Der Chefredakteur der New York Times, Bill Keller, dagegen erklärt, als Leser vermisse er die langen Reportagen und die ambitionierten investigativen Projekte. Vermutlich gefällt Keller auch nicht, dass das Journal seiner Times immer ähnlicher wird.Indem Murdoch lange Stücke streichen lässt, verliere das Journal seine Seele, sagen ehemalige Reporter und Kritiker. Ein besonders gemeiner Vergleich lautet: Das Journal werde USA Today ähnlicher. Zwar hat Murdoch investigative Recherchen nicht eingestellt. Aber indem er und sein Chefredakteur mehr Geschichten forderten, fehle den Reportern Zeit für Recherche und große Projekte, heißt es.

Was Kilgore in den USA versuchte, das wollte auch das Wall Street Journal Europe: die Hinwendung zur breiten Leserschaft. Beim Start 1983 wählte man Brüssel als Stützpunkt der Zentrale. Fred Kempe, der langjährige Chefredakteur, sagt, man wollte damals weniger englisch sein als die Financial Times, zudem sei es Brüssel aus "leichter, gegenüber den einzelnen Ländern neutral zu sein. Man hat einen weiteren Blick."

Europa-Ausgabe im Tabloid-Format

Unter Murdoch ist die europäische Ausgabe heute auf Großbritannien fixiert. Im Sommer kam Patience Wheatcroft, die ehemalige Chefredakteurin des Sunday Telegraph, an die Spitze der Europa-Ausgabe. Die Zentrale zog nach London um. Was das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet, das beantwortet die neue Chefin nicht. Dem Vernehmen nach hat sie den Fokus geändert und betrachtet das europäische Festland als zweitrangig.

Die weltweit 400 Reporter des Journal berichten vor allem für die US-Ausgabe, aber Kempe vermittelte den Kollegen in New York das Gefühl, Brüssel werde das Washington von Europa werden. Wichtige Entscheidungen der Wettbewerbsbehörden (wie im Fall Microsoft) schienen das zu belegen. Kempe durfte viel Geld ausgeben und ihm kam gelegen, dass der Holtzbrinck Verlag im Konkurrenzkampf mit Gruner+Jahr einen Partner für das Handelsblatt gegen die Financial Times Deutschland suchte. Doch als der Erfolg ausblieb, wechselte Kempe 2006 nach Washington zur Denkfabrik Atlantic Council. Holtzbrinck beendete die Kooperation, ehe das WSJE profitabel wurde.

Früher berichteten sieben Korrespondenten über die EU, Europa und die Nato, heute sind es nur mehr drei. Weil man 18 Millionen Dollar sparen wollte, wurde vor Murdochs Übernahme sogar diskutiert, die Europa-Ausgabe einzustellen. Stattdessen wurde auf das kleinere Tabloid-Format umgestellt, um Produktionskosten zu sparen. Die europäische Ausgabe wird inzwischen weitgehend in New York redigiert, die Auflage stagniert: Kempe strebte eine Verdopplung auf 140.000 Exemplare an. Zwischenzeitlich lag sie bei 100.000, inzwischen ist sie auf 80.000 gerutscht. Kempes europäische Träume wirken wie aus einer anderen Zeit, aus der Zeit Kilgores.

Reportagen nichts als Mythos?

Heute hat die Europa-Ausgabe nicht mehr normale Bankkunden im Blick, sondern eine Elite aus kaufkräftigen Bankern und Managern. Offiziell wird das nicht gesagt; aber zahlreiche Kolumnen für diese Klientel bestätigen es. Das Journal verfolgt also in den USA und in Europa unterschiedliche Strategien: In den USA lebt die Tradition Kilgores. In Europa prägt Murdoch den Stil. Der hat jetzt entschieden, den Druck der US-Ausgabe in London einzustellen. Eine gute Nachricht für das Wall Street Journal Europe, denn sie bedeutet, das die Europa-Ausgabe weiter bestehen wird.

Ausgerechnet Fred Kempe sagt heute, das WSJE hätte schon viel früher von Brüssel nach London umziehen sollen, weil London nun mal die europäische Finanzhauptstadt und deshalb für eine Wirtschaftszeitung bedeutsamer sei. Das Verschwinden der ausführlich erzählten Reportagen störe ihn nicht, sagt Kempe, solange das Journal weiterhin relevante investigative Recherchen unternehme und drucke. Die Reportagen dagegen seien ein Mythos, der sich selbst erhalten habe. Murdochs Journal sei lebendiger und lesbarer. Der Dow Jones Verlag habe damals seine Strategie zu früh aufgegeben, in Europa eigenständigen Journalismus zu machen, sagt Kempe. Vielleicht habe der neue Besitzer Murdoch ja mehr Geduld.

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(SZ vom 12.11.2009/berr)