Walisische Literatur Die Koks-Industrie

Der walisische Autor Cynan Jones hat mit der Form des Thrillers einiges vor: In seinem neuen Roman "Alles, was ich am Strand gefunden habe" führt die Frage, wer wen ermordet hat, tief hinein in die Welt der Arbeitsmigranten.

Von Hans-Peter Kunisch

Hold schlägt sich in Wales mit Fischen und Jagen durch und lebt in einem Campingwagen. Grzegorz arbeitet nicht weit davon im Schlachthof. Er wohnt in einem schäbigen Block, zusammengepfercht mit anderen Polen. Gerade hat Ana dort Grzegorz' zweites Kind geboren. Es wird nur verhalten gefeiert. Abseits der Geburt besteht wenig Grund dazu.

Seit mehr als einem Jahr hausen die Arbeitsmigranten in der Übergangsunterkunft, in der sie "die Agentur" untergebracht hat. An Resignation will noch keiner denken, aber die Aufbruchstimmung ist weg. Auch Hold lebt in einer Art Niemandsland, seit Duke, sein Freund, vor drei Jahren starb. Zwar hat Hold dem Spinner oft helfen müssen, und für ihn seinen Job verloren, weil er einen Spaß von Danny auf seine Kappe nahm, aber jetzt weiß er nicht mehr, wo er steht. Vor allem im Verhältnis zu Cara, Dukes Witwe, und ihrem kleinen Sohn. Hold fand Cara immer attraktiv, aber jetzt käme er sich wie ein Verräter vor, wenn er mehr tun würde, als sich um sie und Jake zu kümmern. Auch Cara wagt nicht einmal, ein Zögern anzudeuten.

Die Spannung, die hier herrscht, ist modern, überpersönlich, von der globalen Vernetzung erzeugt

Cynan Jones, 1975 in Wales geboren, wuchs auf einem Bauernhof auf und hat schon in "The Dig" (deutsch "Graben", 2015) von Menschen erzählt, die nahezu archaisch am Rande einer in die Verwahrlosung treibenden modernen Gesellschaft stehen. Sie haben Verluste erlitten, wirken wie Versehrte, die zu bewahren versuchen, was ihnen geblieben ist. Bei Grzegorz ist es die Erinnerung an den Hof der Großeltern, die schmerzt. Es war nicht mehr möglich, ihn zu halten.

Bei Hold ist der Vater verschwunden. Die Mutter hat sich zu Tode getrunken, unterstützt von Hold, der noch ein Kind war, und ihr einschenkte, weil sie dann so glücklich erschien. Statt sich, wie in bisherigen Büchern, auf die Beschreibung von Verhalten zu konzentrieren, gräbt Jones hier tiefer in den Figuren, lotet die Psyche seiner schweigsamen Helden genauer aus. Und schafft es, dass sie ihr Geheimnis behalten.

Das alles im erstaunlichen Setting eines modernen Thrillers. Gleich zum Auftakt bereut ein Namenloser auf dem Meer draußen eine Tat. In der zweiten Szene findet die Polizei eine Leiche am Strand. Wie in "Graben" führt Jones die beiden Hauptfiguren aufeinander zu. Zwei schwierige Leben wechseln sich ab. Das sorgt auf klassische Weise für Spannung: welcher der beiden ist der Mörder, welcher das Opfer? Was für Probleme gab es zwischen Hold und Grzegorz?

Cynan Jones, 1975 in Wales geboren, wuchs auf einem Bauernhof auf. Er hat bisher vier Romane und viele Erzählungen veröffentlicht. Er lebt in der Nähe von Aberaeron an der walisischen Küste, wo auch "alles, was ich am Strand gefunden habe" spielt.

(Foto: Alice Fiorilli/PR)

Keine. Das Moderne dieser Spannung hat mit dem überpersönlichen, global vernetzten Verbrechen zu tun, das den Untergrund liefert, auf dem sich die zwei Einzelgänger bewegen. Es geht um Kokain, das aus Kolumbien stammt und vor der walisischen Küste abgeworfen wird. Da Kokain kaum Platz braucht, fällt das nicht auf. Nur "Bodenpersonal" ist nötig, Leute, die es einsammeln. Ein Mann namens Scrouser, der im nahen Liverpool sitzt, und Helfer rekrutiert, ist auf die Polen gestoßen. Sie sprechen kaum Englisch, bedeuten wenig Risiko, weil sie so isoliert leben. Um über die Runden zu kommen, arbeiten sie auch als Muschelsucher. Scrouser beobachtet sie, kommt ins Gespräch, bringt Schlauchboote. In einem sitzt Grzegorz. Im Schlachthof ist er erwischt worden, wie er Innereien, die vernichtet worden wären, abgezweigt hat. Sein Lohn wurde gekürzt. Er braucht Geld, noch dringender als bisher.

Aber auch Hold geht es nicht anders. Er will Cara helfen, das Haus von Dukes Eltern zu halten. Und auch wenn das Haus, in dem Duke und Hold schon als Kinder gespielt haben, ihm wichtiger ist als ihr: Geld hat er keines. Da bemerkt er auf der Suche nach Fisch und Garnelen auf dem Meer ein Schlauchboot. Ein Mann ist darin. Als Hold näher kommt, merkt er, es ist eine Leiche. Der Mann ist offenbar erfroren. Es liegen Päckchen im Boot. Hold öffnet eines, ahnt, worum es sich handelt.

Cynan Jones: Alles, was ich am Strand gefunden habe. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag. Berlin 2017. 237 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

(Foto: )

Das modern Unwirkliche der Spannung, die Jones schafft, und die Tiefe seiner Charaktere ergänzen sich. Ob es um die Psyche der polnischen Arbeiter geht oder um die gespannte Stimmung zwischen Cara und Hold, Figuren und Atmosphäre werden nie zur Masche. Auch, dass Jones' Bücher durch ein Thema verbunden sind, gibt ihnen Glaubwürdigkeit. In "Graben" ging es um Dachse. Dem Umgang mit Tieren nimmt sich Jones auf prononciert unsentimentale Weise an. Dass Hold sie jagt, ihnen Schmerz zufügt, erzeugt in ihm Verantwortungsgefühl.

Der Ire aus Dublin hält den Mythos des "Celtic Tiger" für Verrat an der irischen Geschichte

Jones beschreibt, wie Hold die Tiere zerlegt, das Fleisch des Fischs von den Gräten löst. Fünf Pfund erhält er im Jahr, damit er Kaninchen schießt. Hold ist ein guter Schütze. Aber als er ein Tier im Sprung erwischt, geht es zu Boden, quiekt, springt noch einmal auf, windet sich, springt taumelnd über ein Feld, "als würde es von einer kranken Gottheit an einem Faden gehalten werden". Als Hold vor dem Kaninchen steht, wird ihm schlecht vom eigenen Herzschlag.

Auch Grzegorz, der täglich Tierblut verspritzt, ist kein flacher Charakter. Er kann kaum verstehen, warum in westlichen Schlachthöfen riesige Mengen an Fleisch weggeworfen werden. Und wieder findet Jones die richtigen Worte für Grzegorz' Irritation: "Er dachte an die Füße, die Mäuler der Rinder, all die langsam köchelnden Speisen seiner Kindheit, als man diese besten Teile der Tiere kaufen konnte. (...) Das tut man eben nicht in diesem Land, sagte er bei sich. Hier gibt es genug."

Die karge Humanität seiner Figuren verbindet Jones mit seinem großen Stil- und Themen-Nachbarn John M.Coetzee. Aber Jones' Leute wirken eine Spur gewöhnlicher, natürlicher, emotionaler. Ihre Verbrechen sind klein: weil Grzegorz Hunger hat, gerät er in Drogengeschäfte. Hold meldet die Leiche im Schlauchboot nicht, weil er auf Geld für Cara und Jake hofft. Skrupulös beschäftigen sich die beiden Männer mit dem eigenen Tun. So erarbeiten sie sich eine eindrückliche, sanfte Tragik, die beiden am Ende wenig nützt.

Weniger Mitgefühl gibt es für Kriminelle. Aber auch sie haben eine Geschichte. Nachdem Hold das Handy des Toten an sich genommen hat, wartet er eine Weile. Tatsächlich ruft Scrouser an, organisiert Leute, denen Hold das Kokain übergeben soll, Iren aus Dublin. Stringer ist ein übler Typ, der niemandem etwas gönnt. Aber er wird als Gesellschaftskritiker stark gemacht, der die schicke Modernisierung in den Jahren des Celtic Tigers für einen Verrat Irlands an seiner Geschichte hält. Sein Helfer, "der Große", schämt sich vor seinem Vater, der mit Banküberfällen noch Geld für die IRA beschafft hat. Nur weil es keine ehrenhaften Kämpfe mehr gibt, übt "der Große" das miese Geschäft des Auftragskillers aus. "Da habe ich meine Nische gefunden."

Trockene Ironie, die der Übersetzer Peter Torberg nach Anlaufschwierigkeiten gut vermittelt. Sie wird ergänzt durch so ungewöhnlichen wie attraktiven Suspense: Jones legt die Geschichten von Hold und Grzegorz unauffällig ineinander. Man merkt lange nicht, wie der erste Tote im zweiten Erzählstrang weiter lebt und noch für Verwirrung sorgt. Die Ironie wandert in die Form ein, die Spannung hält sich.