Waldschlößchenbrücke Dresden erlebt sein graues Wunder

"Brücken-Dschihadismus" und die "Schmach von Sevilla": Mit der Eröffnung der Waldschlößchenbrücke endet ein jahrelanges Gezänk. So schlimm sei sie ja nun nicht geworden, sagen viele Dresdner. Und streiten über die nächste Querung.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Wenn sich einer nach Jahren des Streits nun wirklich nicht über die neue Waldschlößchenbrücke beschweren kann, dann ist es die Kleine Hufeisennase. Während Autofahrer erst ab Montag die neue Querung im Dresdner Elbtal befahren dürfen, ist für die Fledermaus schon alles bereitet: An beiden Ufern gibt es autobahnbreite, 350 Meter lange Strauchkorridore, 220.000 Euro haben sie gekostet. Von Eurobats, dem Fledermaus-Sekretariat der UN in Bonn, wird die "fledermausfreundliche Beleuchtung" genauso lobend hervorgehoben wie das nächtliche Tempolimit (für Autofahrer, nicht für die Fledermäuse). Dabei ist die Präsenz der Kleinen Hufeisennase an der Brücke nur eine göttliche - keine einzige wurde bislang gesichtet, Experten aber rechnen fest mit ihrer Existenz.

Mit 67,9 Prozent stimmten die Bürger Dresdens 2005 in einem Entscheid für den Bau der Brücke. An diesem Wochenende endet mit einem zweitägigen Fest ihre dramaturgisch kurvenreiche Entstehungsgeschichte, die teilweise wie erfunden wirkt. 181 Millionen Euro hat die Querung gekostet, 636 Meter lang ist sie - und schon vor ihrer Eröffnung ähnlich reich an kuriosen Anekdoten.

Als Dresdens Baubürgermeister Jörn Marx einmal mit Dresdner Journalisten zur Begehung der Baustelle anrückte, schmiss ihn der Polier gleich wieder raus. Marx hatte sich nicht angemeldet, es gab Fotos von ihm, auf denen er aussah wie ein kleiner Junge, der gerade beim Einschmeißen einer Scheibe erwischt worden war. Im April dieses Jahres alarmierte ein Mitarbeiter der Verkehrsleitstelle die Polizei, er hatte auf einer Überwachungskamera einen Radler den 28 Meter hohen Brückenbogen anfahren sehen.

"Grausames Lineal"

Der Radfahrer überquerte den Bogen und entkam unerkannt. Und der Leiter des Dresdner Straßen- und Tiefbauamtes, Reinhard Koettnitz, hat im vergangenen Monat mit einem Spruch über die Brücke einen Journalistenpreis gewonnen. Für die fortwährenden Fragen nach einem Eröffnungstermin für die Brücke hatte Koettnitz sich ein Bonmot zurechtgelegt, das zum Zitat des Jahres gewählt wurde: "Die Waldschlößchenbrücke wird Samstag um 10.30 Uhr eröffnet. Nur der Monat ist noch nicht klar."

Das ist insofern bemerkenswert, weil es auch ein Zeugnis des veränderten Brückenklimas in Dresden ist. In der Umfrage einer Regionalzeitung stimmten gerade 82 Prozent der Brücke zu, einen höheren Wert gab es noch nie. Zwar hören einige Brückengegner nicht auf, das "grausame Lineal" im Elbtal zu kritisieren und angesichts vieler neuer Zufahrten einen "Kult des Nützlichen" zu beklagen. Durchgesetzt aber hat sich unter den Bewohnern der Stadt ein anderes Wort, das zudem Ausdruck einer Haltung zur neuen, grauen Brücke ist: "So schlimm ist sie gar nicht geworden."

Fast aller Streit ist schon jetzt Teil einer gemeinsamen Erinnerung geworden, mit einigen Höhe- und noch mehr Tiefpunkten. So verhängte 2007 das Verwaltungsgericht wegen eingangs beschriebener Hufeisennase einen Baustopp, im Dezember desselben Jahres erreichten die Demos der Brückengegner eine derart hohe Aufmerksamkeit, dass sogar Günter Grass glaubte, daran teilnehmen zu müssen. Und die "Schmach von Sevilla" erinnert in Dresden niemanden an einen verheerenden Abend im Europapokal, sondern einzig an den Entzug des Welterbetitels durch die Unesco im Sommer 2009.

Vor einem heiligen Krieg gewarnt

Fast schon unwirklich scheinen aus heutiger Sicht die Sommergefechte um die Brücke im Jahr 2008. Sachsens damaliger Justizminister Geert Mackenroth (CDU) warnte vor einem heiligen Krieg um die Querung, und als wäre das nicht griffig genug, fügte er das auffällig dusselige Wort "Brücken-Dschihadismus" hinzu.

In einer Stadt wie Dresden muss man sich gleichwohl keine Sorgen machen, dass jetzt auf einmal alle mit Ruhepuls über die neue Brücke zur Arbeit fahren. Die CDU und ganz besonders die FDP haben längst das Feld für einen neuen Streit bestellt. Während die Liberalen gerade noch versuchen, sich die Waldschlößchenbrücke als Erfolg an die schwache Brust zu heften, werden sie schon wieder kritisiert, weil sie die Sanierung einer anderen maßgeblich verzögert haben. Die Albertbrücke ist eine weitere wichtige Querung im Stadtgebiet und muss nach 136 Jahren grunderneuert werden. CDU und FDP haben einen Antrag auf zügige Sanierung im Stadtrat verhindert, der Vorwurf anderer Parteien lautet auf unterlassene Hilfeleistung. Die nächsten eineinhalb Jahre passiert nun erstmal gar nichts.

Bei Schönebeck in Sachsen-Anhalt wird am Dienstag übrigens auch eine Elbquerung eröffnet. Aber davon hat kaum einer etwas mitbekommen, weil dort nicht so schön gestritten wurde wie in Dresden.