Illegale Downloads als Wahlprogramm: Wie der Skandal um die Internet-Tauschbörse "The Pirate Bay" zum bemerkenswerten Erfolg der Piratenpartei beigetragen hat - nicht nur in Schweden.
Vor etwa zwei Wochen, als sich abzeichnete, dass die Piratenpartei bei den Wahlen zum Europäischen Parlament einen Erfolg erzielen könnte, hörten die alten Parteien in Schweden auf, den politischen Zusammenschluss der Raubkopierer zu bekämpfen. Plötzlich war nicht mehr von Autorenrechten und Diebstahl die Rede. Statt dessen hieß es, das Urheberrecht sei nicht mehr zeitgemäß, es gebe da einen erheblichen Handlungsbedarf.
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Bei der Europawahl in Schweden erreichte die Piratenpartei 7,1 Prozent der Stimmen - darunter hauptsächlich Männer unter dreißig. (© Screenshot: http://piratenpartei.de)
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Offenbar ahnte man schon, was dann tatsächlich eintrat: Dass die jungen Wähler für die Piratenpartei stimmten, die Männer vor allem, und zwar so viele, dass, würden nur die Wähler unter dreißig erfasst, die Piraten wenn nicht den größten, so doch den zweitgrößten Verein stellten. In Schweden erreichte die Partei in der Wahl eine Quote von 7,1 Prozent der Stimmen und darf nun wohl eine kaum einundzwanzigjährige Wirtschaftsstudentin als Abgeordnete nach Brüssel schicken. Und immerhin entschieden sich selbst in Deutschland, auch hier in einer das Maß des Erfolges übersteigenden Stimmung von Aufbruch und nahem Sieg, über zweihunderttausend Menschen für die Piraten.
Seltsam, und das alles wegen des Rechts, unbeobachtet im Internet herumstöbern und illegal Programme, Musik oder Filme kopieren zu dürfen, also eine Lizenz zum Diebstahl zu erhalten? Wenn das, was man stiehlt, legal erworben nur ein paar Euro kostet? Und das alles in Schweden, in einem friedlichen, ordentlichen, gesetzestreuen und von großem Gemeinsinn geprägten Land - mit einem, zugegeben, sehr hohen technischen Standard? Nein, wie immer, wenn es in einer politischen Auseinandersetzung nur um einen Punkt gehen soll und immer mehr soziale Energie in diese einzelne Frage hineinschießt, steht ein gesellschaftliches Anliegen von größerem Ausmaß zur Debatte.
Vorhut neuer Mächte
Es ist nur so, dass die alten Konfliktlinien zwischen linker und rechter Gesinnung sich hier verschoben haben: Wie so oft geht es um Freiheit versus Eigentum, nur dass sich dieses Mal der entfesselte Liberalismus mit dem Aufstand wider das Kapital verbindet. Und es gäbe dieses fast schon absurde Vertrauen in die Bedeutsamkeit dieses Gegenstands - der persönlichen Freiheit im Internet - nicht, wenn nicht gleichzeitig ein Bewusstsein davon existierte, wie viel persönliche Integrität jeder einzelne Menschen für den universalen digitalen Datenverkehr preisgeben musste. Die Revolte hat sich den Punkt, an dem sie sich entzünden wollte, also mit Bedacht gewählt.
Die Symbolfigur dieser Partei ist der Pirat, ihr Banner zeigt das schwarze Segel. Tatsächlich verbindet diese Partei mehr mit der Piraterie, als ihr selbst lieb sein mag. Nicht nur dass ihr Bewusstsein fehlt, etwas Verbotenes zu schützen und zu befördern. Mehr noch, sie inszeniert den Aufstand der Besitzlosen gegen Reichtum und Macht.
Das Internet ist ihre karibische See. Darauf kreuzen die mit teurer Fracht beladenen Lastschiffe, die der spanischen Krone gehören - aber der Pirat, ein notorischer Verlierer, der sich in einen Gewinner zu verwandeln trachtet, erkennt die herrschenden Eigentumsverhältnisse nicht an. Er will sie, in einzelnen Portionen wenigstens, zu seinen Gunsten verändern. Und selten genug kann er daraus einen persönlichen Vorteil ziehen: Als die vier führenden Köpfe des mit der Partei verschwisterten Internet-Portals "Pirate Bay" vor zwei Monaten wegen "Beihilfe zur Verletzung des Urheberrechts" verurteilt wurden, wurde auch ein Schadenersatz von fast drei Millionen Euro fällig. Keiner der Piraten war zahlungsfähig.
Computergestützte Wissensgesellschaft
Das Grundrecht auf kostenlosen Zugang zu allen digital zugänglichen Dokumenten, für die auch im Internet ein Anspruch auf Urheberrecht erhoben wird, scheint ein sehr schmales Parteiprogramm zu sein. Aufgerufen ist darin offenbar zunächst nicht der Bürger, sondern der Konsument, der auf seiner persönlichen Integrität besteht und sich die Freiheit der Wahl vorbehält. Politisch betrachtet, vom Standpunkt eines entwickelten sozialen Bewusstseins aus, erscheint diese Haltung kleinlich und eigensinnig - würde nicht, in jeder Veröffentlichung der Piratenpartei, in jeder öffentlichen Äußerung eines ihrer führenden Köpfe, sofort die Verbindung zur computergestützten "Wissensgesellschaft" geschlagen. Da nimmt sich jemand selbst als entscheidende Modernisierungsinstanz als Bannerträger einer neuen Macht wahr. Und so wird die Partei zumindest in Schweden von ihren Konkurrenten auch wahrgenommen.
Deswegen sind die Piraten am Ende dann doch mehr als eine Partei mit nur einem Anliegen. In ihr hat sich eine Ahnung von Zukunft niedergeschlagen. Schließlich aber, da kann man gewiss sein, wird es den Piraten im Internet so ergehen wie ihren Vorbildern in der Karibik. Denn wenn die Piraten im siebzehnten Jahrhundert ihre Verstecke verließen und gegen die alte Macht segelten, so taten sie das mit Kaperbriefen der Engländer oder Franzosen.
Sie bildeten, jenseits der Legalität, die schwache Vorhut der neuen Seemächte, und sie taten das solange, wie die Engländer und Franzosen jede noch so kleine Niederlage der Spanier höher schätzten als die Sicherheit des Seehandels. Danach dauerte es nicht mehr lange, bis zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts die Seeräuber aus ihrem letzten Schlupfloch vertrieben waren. Nur - wo sind die neuen Seemächte im Internet?
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(SZ vom 09.06.2009/bey)
Auf diese Frage kam keine Antwort - das Zitat werde ich gern ergänzen, damit jeder sehen kann, daß nichts Wesentliches fortgelassen worden ist: "(Piratpartiet,) die am 1. Januar 2006 unter der Führung von Rickard Falkvinge gegründet wurde. (Ihren Namen ..)". Das meinten Sie ja wohl nicht - eher schon weiter unten: "Dabei wurde die Piratenpartei von zahlreichen Medien fälschlicherweise mit dem BitTorrent-Tracker The Pirate Bay gleichgesetzt". Das wiederum habe ich überhaupt nicht vertreten. Also bitte keine rhetorischen Taschenspielertricks.
Wer sich mit seinem Namen bewußt an die Freibeuter-Tradition anhängt, muß sich nach seinem Traditionsverständnis befragen lassen. Im übrigen heißt die CDU ja auch nicht "Inquisiitionspartei" - eher trifft schon die Analogie der PP zur "Autofahrer-Partei" zu, die ja deutlich Autofahrer-Interessen vertreten wollte, also eine typische Gruppierung von Separatinteressen-Vertretern ist.
"Kommentar wirklich schlecht" - völlig unbegründetes Werturteil, das nicht dadurch besser wird, daß lauter Sympis Knöpfchen drücken. Im Gegenteil, das erhärtet meinen Vorwurf einer aggressiven Pressure Group.
Noch ein Bildungsschmankerl hinterher: Steinfelds Titel "Aller Welt Feind" ist das Zitat einer dreisten Selbstaussage - des Klaas Störtebeker. In dieser Tradition will die PP stehen?? Nein, natürlich nicht - warum aber tut sie dann so?
Sie übrigens habe ich nicht gescholten - Sie haben ja geantwortet.
Von mir gab es rot für das unvollständige Zitat, bei dem das Wesentliche weggelassen wurde. Auch so wärs übrigens nicht der behauptete Widerspruch.
Im übrigen gilt: Piratenpartei ist nicht "The Pirate Bay" und die Piratenpartei ist nicht "Piratbyrån". Gegen Copyright in seiner heutigen Form zu sein bedeutet zudem nicht zwangsläufig "Raubkopierer" zu unterstützen. Dies kann man z.B. auf der Internetpräsenz der deutschen Piratenpartei nachlesen.
Aus Greueltaten von früheren Piraten zu schliessen, dass die Mitglieder oder Wähler der Piratenpartei kaltblütige mordlustige Verbrecher sind ist so, als würde man die CDU wegen "christlich" mit der Inquisition gleichsetzen.
Wer einen Kommentar bewertet ist IMHO auch nicht feige. Selbst dann nicht, wenn er das nicht begründet. Vor allem dann nicht, wenn der bewertete Kommentar auch noch wirklich schlecht ist.
"Die erste Piratenpartei war die schwedische Piratpartiet... Ihren Namen hatte sie hierbei von der Anti-Copyright-Organisation Piratbyran, welche zuvor bereits den BitTorrent-Tracker The Pirate Bay gründete. Die Piratpartiet prägte auch die Namen der anderen Piratenparteien, die sich im Anschluß an das schwedische Vorbild in verschiedenen Staaten gründeten" (Wikipedia, Art. Piratenpartei).
"Freibeutern und Kaperkapitänen haftet von jeher das Odium der Gesetzlosigkeit an. Sie werden zwar in der Literatur oder im Film als "Robin Hoods der Meere" romantisiert... Trotzdem setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß Männer wie Klaus Störtebeker, Francis Drake oder William Dampier gewalttätige und oft gewissenlose Verbrecher waren. Nicht die Spur von Robin Hood, so sehr man auch sucht" (Andreas Kammler, Piraten! 2008).
Wenn beide Zitate stimmen - warum dann das hartnäckige Beharren der PP auf ihrem Markenzeichen? Das widerspricht doch jeder Logik von politischer Mehrheitssuche. Oder ist es doch nur die Trotzreaktion einer kleinen libertinistischen Minderheit von jungen Männern mit wenig Geld?!
Ach übrigens - wer ohne Kommentar nur rot strichelt, ist in meinen Augen ein Feigling.
Fifteen men on the dead man's chest - das hättet Ihr wohl gern: Bis zu 15 Sympis aus der Piratenecke, und der Autor liegt tot in seiner Holzmedium-Kiste. Aber Spaß beiseite - Blackbeard, komm her! Der aggressive Tonfall einiger Kommentare zeigt, daß die Metapher "Piraten" offenbar auf Identität und Mentalität der Community stark abgefärbt hat. Ich darf mal zitieren: "Verabschiedet Euch man von dieser Welt" - "Wir werden auf lange Sicht siegen" - "Für Autoren, die nicht von unter Creative Commons lizenzierten Beiträgen leben können, bricht eine Welt zusammen" - "Wir haben das Gefühl, von gefährlichen Dilettanten regiert zu werden" - "Das Urheberrecht ist nicht gottgegeben".
Leute - überprüft Eure Sprache - wer so redet, muß damit rechnen, daß man ihn tatsächlich für einen selbstgerechten Desperado hält, dem es nur um die eigene Konsumbefriedigung geht.
Übrigens - der Vergleich mit den "Grünen" ist abwegig. Hier Umweltschutz - dort Kapern als Selbstzweck. Und Ihr sprecht von Kultur? Ach was - "Ich müßte keine Schiffahrt kennen: Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen" (Goethe, Faust II).
aus dem artikel:
"Die Symbolfigur dieser Partei ist der Pirat, ihr Banner zeigt das schwarze Segel. Tatsächlich verbindet diese Partei mehr mit der Piraterie, als ihr selbst lieb sein mag. Nicht nur dass ihr Bewusstsein fehlt, etwas Verbotenes zu schützen und zu befördern."
ist diese anschuldigung denn konkretisierbar? "etwas Verbotenes zu schützen und zu befördern" ist ja nun nicht gerade ein kavaliersdelikt. oder darf man das? darf man sowas denn auch einfach mal behaupten? wo genau sind da die bei den anderen vermissten grenzen?
Paging