Seit dem Vormittag tagt der Stiftungsrat in Bayreuth: Einen Königsmord muss Wolfgang Wagner wohl nicht fürchten, Thronfolgerin Katharina aber wird kämpfen.
Das Wort Ragnarök muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Man muss es vor sich hermurmeln und sich seinem keifenden Duktus überlassen, der hintenhinaus etwas zynisch Spottendes besitzt. Ragnarök, das meint in der germanischen Mythologie das Schicksal der Götter, die in ihrem Endkampf die Welt in den Untergang reißen.
Sieh mal, die Zukunft! Die Zeit arbeitet gegen die Wagners und ihre dynastischen Visionen. (© Foto: ddp)
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Auf ihr ganz persönliches Ragnarök arbeitet derzeit Katharina hin, die Tochter des amtierenden Bayreuther Festspielchefs Wolfgang Wagner. Denn die 29-jährige Regisseurin ist wild entschlossen, Nachfolgerin ihres 88-jährigen Vaters bei den Festspielen zu werden. Doch die Vorbehalte gegen sie sind groß. Sie sei zu jung, zu unerfahren, zu sehr dem durch ihren Vater und ihre Mutter Gudrun aufgebauten Festivalsystem verpflichtet. Und außerdem ist sie - oh, Graus! - leidenschaftliche Sachwalterin des obskuren Regietheaters.
Katharina, die geschickte Strategin, weiß um diese Einwände. Sie ist viel zu schlau, sie als belanglos abzutun. Statt dessen sucht sie sich unverdächtige Mitstreiter für ihre gute Sache, Männer mit Erfahrung und von großer künstlerischer Potenz.
Schon vor Wochen präsentierte sie der erstaunten Theaterwelt den Dirigenten Christian Thielemannn als ihren möglichen Bayreuther Coregenten - einen Musiker, der so manchem als das größte lebende Wagnerdirigierwunder gilt. Doch der Stiftungsrat, der für die Nachfolgefrage in Bayreuth zuständig ist, zeigte sich von diesem Coup unbeeindruckt und schwieg.
Da am heutigen Dienstag das alljährliche Treffen des Rats ansteht, erhöhte Katharina Wagner am vergangenen Wochenende den Druck, indem sie einen zweiten Compagnon für ihre Kampagne aus dem Hut zauberte. Es handelt sich dabei um den Juristen, Theatermanager und Komponisten Peter Ruzicka, der die Seriosität in Person ist und alles andere als ein Radikaler oder bunter Vogel.
Im Gegensatz zu Katharina & Christian ist er im Musikmanagement ausnehmend erfahren, weil vormals Chef der Hamburger Staatsoper sowie der Salzburger Festspiele. Momentan hat er sich allerdings eine Komponierauszeit für eine Hölderlin-Oper genommen. Doch der nationalen Aufgabe "Wagner & Bayreuth" kann er sich natürlich nicht verschließen. Komponistenkollegenehrensache.
Weiter aussitzen
Zu befürchten steht allerdings, dass auch diese Personalie den Stiftungsrat nicht so beeindrucken wird, dass er Katharina und ihre Männer umgehend zu den neuen Bayreuth-Verwesern ausrufen wird. Dafür gibt es vor allem einen Grund: In Bayreuth soll ein Neuanfang gemacht werden, soll das alte, zunehmend marode und abgewirtschaftete System der Wolfgang- und Gudrunen-Zeit durch ein zeitgemäßes und effektiv arbeitendes Intendantenmodell ersetzt werden.
Dieser Neuanfang aber ist nur möglich, wenn sich der alte Patriarch seine(n) Nachfolger(in) nicht selbst aussuchen darf. Und via Gudrun und Katharina, die er am liebsten in dieser Chefposition sähe, könnte er die Geschicke Bayreuths auch weiterhin beeinflussen.
Dass in Bayreuth künstlerisch und organisatorisch ein Neuanfang gemacht werden muss, haben inzwischen selbst die "Freunde von Bayreuth" akzeptiert, die bisher in traditioneller Nibelungentreue zu Wolfgang Wagner standen. Karl Gerhard Schmidt, der Vorsitzende dieses bedeutenden und einflussreichen Mäzenatenclubs, forderte Wolfgang jetzt öffentlich zum Amtsverzicht auf.
Damit hat der greise Festspielchef, über dessen Gesundheitszustand immer öfter spekuliert wird, seinen letzten Verbündeten verloren. Dass Wolfgang Wagner nun umgehend dem ständig wachsenden Druck nachgeben und abdanken wird, sollte man angesichts seiner schon oft zur Schau getragenen Dickköpfigkeit jedoch nicht erwarten.
Der Stiftungsrat wird also die Causa Wagner weiterhin aussitzen müssen. Zumal auch ein Amtsenthebungsverfahren und die damit verbundene juristische wie mediale Schlammschlacht als ultima ratio ausscheidet - das käme einem Königsmord gleich. Allerdings scheinen sich Finanzprobleme in Bayreuth abzuzeichnen, und ob staatliche wie private Förderer die nötigen Ausgleichszahlungen so bedingungslos leisten werden wie bisher, darf bezweifelt werden.
Ragnarök vielleicht schon heute
So arbeitet die Zeit gegen die Wagners und ihre dynastischen Visionen. Allerdings sollte der Stiftungsrat diese Zeit nicht mit Däumchendrehen verstreichen lassen und sich, so er es nicht schon ausgiebig getan hat, mit einem am besten genialen, zumindest aber tragfähigen Konzept für die Zeit nach Wolfgang beschäftigen.
Denn jede Veränderung an diesem mythenumwaberten Kunstort wird die erbittertsten Diskussionen nach sich ziehen. Vor allem aber sollte das Bayreuth der Zukunft inhaltlich definiert werden und nicht personell, wie es Katharina und die Ihren es derzeit versuchen. Denn der bisherige Personenkult über Richard, Cosima und Winifred bis hin zu Wolfgang hat Bayreuth immer wieder in tiefe Krisen gestürzt.
Ob Katharina in diesem neuen Bayreuth einen Platz finden kann, ist nicht sicher. Bisher jedenfalls hat sie im alten Stil intrigiert, so dass ihr Ragnarök vielleicht schon heute Wirklichkeit wird.
- Katharina Wagner über Bayreuth Mit rasantem Elan 25.07.2007
- Bayreuther Festspiele Müde Matrosen 27.07.2006
(SZ vom 6.11.2007)
Partyzone Flußufer
Ich gehe doch davon aus, daß sowohl Herr Thielemann als auch Herr Ruzicka ihre Mitarbeit in Bayreuth nicht zwingend an Katharina Wagner binden und auch unter anderen Konstellationen zur Verfügung stehen. Dem Stiftungsrat und den Mäzenen wünsche ich die Kraft dieses sehr bizarre Regime der Familie Wagner zu durchbrechen. Es geht doch darum ein kulturelles "Kleinod" in Deutschland zu erhalten und nicht der "Profilneurose" der Familie Wolfgang Wagner nachzugeben. Der Familie Wolfgang Wagner ist die Einsicht zu wünschen, für die "Sache" loszulassen ....... Dies würde auch Katharina Wagner eher stärken - aus meiner Sicht.
Daß Katharina Wagner für diese Arbeit qualifiziert ist, hat sie wohl mehrfach bewiesen (zumindest gibt es in meinen Augen keinen Grund, nach ihrer evtl. Berufung das Festival abzuschreiben). Bei all dem Gerangel sollte aber nicht vergessen werden, daß auch anderenorts Wagner hervorragend interpretiert wird. Ich muß meinem Vorkommentator deshalb insoweit Recht geben, daß die Wagner-Festspiele (die Richard-Wagner-Festspiele um das mal klar zu stellen) eine nur unzureichend begründete, weil künstlerisch irrelevante, Sonderrolle in Deutschland spielen. In Bayreuth sind eher die Zuschauer die Attraktion, als die Musik. Von daher ist es mir eigentlich wurscht, wie der Stiftungsrat sich entscheidet. Was staatliche Zuschüsse betrifft, könnte man bei dem Zuschauerklientel auch durchaus mal kostendeckende Eintrittspreise verlangen und den Rest der Republik damit (ver-)schonen.
pseudo kunst wird von pseudos für pseudos inzeniert.
die zuschauer kommen doch nicht wegen der kunst sondern nur wegen des namens