"Wader Wecker Vater Land" im Kino Straßenköter, der mit dem Wolf tanzt

Liedermacher wollen sich mitteilen, überzeugen, die Welt verändern. Das war vor allem bei dem 68er-Barden Hannes Wader und dem ewig engagierten Konstantin Wecker so. Der Jungregisseur Rudi Gaul hat die beiden auf ihrer gemeinsamen Tour begleitet. Man sieht: Wader und Wecker sind ein noch ungleicheres Paar, als man ohnehin schon gedacht hatte.

Von Franz Himpsl

In der amerikanischen Tradition sind Songwriter Leute, die von sich selbst glauben, sie hätten der Welt etwas mitzuteilen - und jenseits der Bühne trotzdem alles daransetzen, als große Schweiger zu erscheinen.

Wecker (links) gibt den Wolf, reißt Zoten, ist der Entertainer. Wader hingegen streicht sich über den struppigen Bart, streunt umher und wirkt wie ein magerer Straßenköter, der Anschluss an ein Rudel sucht.

(Foto: dpa)

Der größte unter ihnen, Bob Dylan, hat sich seit jeher gegen die Zumutung einer Selbstdeutung gesträubt. Deutsche Liedermacher gehen weniger kokett mit diesem Problem um, Botschaft und Person sind meist eng verknüpft. Das gilt für den Achtundsechziger-Poeten Hannes Wader genauso wie für den ewig engagierten Konstantin Wecker. Der 29-jährige Jungregisseur Rudi Gaul hat die beiden nun auf einer gemeinsamen Tour begleitet.

An sich ist das eine dankbare Aufgabe - kann der Regisseur doch von der Tatsache zehren, dass die Neugier der Zuschauer schon groß ist, bevor im Saal die Lichter gedimmt werden: Wie sind die wohl privat, was denken sie wirklich? Leider erfährt man in "Wader Wecker Vater Land" wenig Neues - außer vielleicht, dass es sich bei den beiden Sängern um ein noch ungleicheres Paar handelt, als man ohnehin schon vermutet hätte. Wecker zeigt sich extrovertiert wie eh und je, Wader bleibt den ganzen Film über undurchdringlich und rätselhaft. Und er wirkt fast hilflos neben dem impulsiven Entertainer Wecker.

Blick in die Vergangenheit

So bleibt denn auch eine eigentlich unscheinbare Szene in Erinnerung, die vor Augen führt, welcher Graben da bei aller Sympathie zu verlaufen scheint. Die Kamera zeigt den Backstagebereich des Münchner Tollwood-Festivals. Wecker steht da wie ein Fels, breitbeinig und wohlwissend, dass sich der Mittelpunkt des Raumes stets dorthin verlagern wird, wo er ist. Er ist umringt von seiner Entourage, reißt eine Zote, umarmt jemanden, plaudert. Nun bewegt sich Wader von der Seite ins Bild, mit bangem Gesicht und suchendem Blick, er streicht sich über den struppigen Bart, streunt umher, stellt sich schließlich zu der Gruppe um Wecker - und wirkt doch ähnlich deplatziert wie ein magerer Straßenköter, der Anschluss an ein Rudel Wölfe sucht.

Letztlich kommt "Wader Wecker Vater Land" eher als Retrospektive denn als Tourneereport daher: Aktuelle Konzertmitschnitte etwa werden mit altem Material überblendet, und auch die Gesprächsthemen erstrecken sich weit in die Vergangenheit: Wader etwa erörtert die Gründe seines Eintritts in die DKP in den Siebzigern, Wecker spricht über seine Drogensucht und über seine Zeit im Gefängnis.

Vielleicht ist es ohnehin ganz gut, dass die turbulente Vergangenheit, die ja beide Sänger hinter sich haben, viel Platz in diesem Film einnimmt - weitere Szenen vom Format "Wader zeigt seinen Schreibtisch" oder "Wecker beim Kuchenkauf" hätten sonst beim Zuschauer womöglich das Gefühl hervorgerufen, dass auch der deutsche Liedermacher lieber das werden sollte, was der amerikanische Songwriter schon ist: ein Enigma.

WADER WECKER VATER LAND, Deutschland 2011Regie, Buch: Rudi Gaul. Kamera: Michael Hammon. Schnitt: Carmen Kirchweger. Schattengewächs, 91 Minuten.