Vortrag Kochen als die neue Kunst

Das Münchener Image rund um Oktoberfest, CSU und FC Bayern schade seinem Label, sagt Sebastian Schnitzenbaumer.

(Foto: privat)

Der Berliner Trendforscher Franz Liebl kritisiert den Kunstbetrieb der Hauptstadt - ein Ausnahmefall in der achtteiligen "Monokultur"-Debattenreihe, in der normalerweise München-Schelte üblich ist

Von Jürgen Moises

Berlin, du hast es auch nicht besser. So könnte man den Vortrag zusammenfassen, den der Berliner Trendforscher und Professor für Strategisches Marketing, Franz Liebl, im Rahmen der "Monokultur München"-Reihe am Donnerstagabend in der Favoritbar hielt. Sein Titel: "Strategie ist das, was man nicht macht oder: Was der Münchner Kunstbetrieb von Vorbildern lernen kann." Was den Lernfaktor angeht: Der drehte sich vorwiegend darum, wie man es besser nicht macht. Liebl führte in Form von acht Strukturfehlern vor, wie man in Berlin einen noch vor fünf Jahren boomenden Galerie-Markt seiner Ansicht nach an die Wand gefahren hat.

Immerhin bot das innerhalb der Vortragsreihe, die an diesem Montag mit der Verlesung von Sebastian Schnitzenbaumers "Klageschrift" gegen die Stadt München zu Ende geht, schon einmal das entlastende Moment, dass einmal nicht auf München eingeschlagen wurde. Ging es in bisherigen Beiträgen unter anderem darum, warum niemand Bands aus München hören will, was bei der Förderung der freien Theaterszene falsch läuft oder wo uns eine kreativwirtschaftliche Gleichschaltung der Kultur hinführt. Bei Liebl wurde stattdessen Berlin als "place to be" (Klaus Wowereit) gebasht. Und das mit einer süffisanten Note, die sich der in München geborene Marketing-Experte in seinem unterhaltsamen Vortrag nicht nehmen ließ.

Was im Berliner Kunstbetrieb alles falsch läuft? Das machte Liebl an Momenten fest, die in der Hauptstadt fehlen oder fälschlicherweise dominieren. Was fehlt? Eine räumliche Konzentration der Galerien; eine potente Galerien-Mittelschicht; zentrale Presseorgane, die umfassend über den Kunstmarkt informieren; eine Vielfalt an guten Kunstmessen sowie inhaltliche Konzepte. Was gibt es stattdessen? Die "Art Berlin Contemporary" mit ihrer Dekorations-Kunst. Überhaupt ein Überangebot an schlechter Kunst. Eine falsch verstandene Internationalität und einen neuen Trend, den Liebl mit den Schlagzeilen "Essen ist das neue Pop" und "Gastronomie ist die neue Kunst" zusammenfasste.

Dass auch in München bald das Kochen als neue Avantgarde gilt, mit dieser Schreckensvision schloss Liebl seinen Vortrag, den er mit einem Lob auf die Subkultur begonnen hatte. Gerade dort würden sich neue Trends herausbilden. Was man vielleicht damit belegen könnte, dass Künstler wie Daniel Spoerri das Kochen als Konzeptkunst schon in den Siebzigerjahren entdeckt hatten. Ansonsten stellte Liebl die Frage, ob nicht auch die Süddeutsche Zeitung eine Mitschuld am schlechten München-Image trage. Seit diese ihre Münchner Kultur-Seiten nicht mehr deutschlandweit drucke, wisse man in Berlin nicht mehr, was hier kulturell alles passiert.

Dass es nicht nur in Berlin mit dem Kunstbetrieb sehr schlecht steht, das war vor zwei Wochen beim Vortrag "Geld frisst Kunst - Kunst frisst Geld" von Thomas Metz und Georg Seeßlen zu erfahren. Der Tenor: Die Kunst ist komplett kapitalisiert, wurde von reichen Händlern, Sammlern und Banken enteignet, die sie als Investitionsobjekt missbrauchen, während die Künstler zunehmend leer ausgehen. Die Lösung? Die hieß bei Metz und Seeßlen genauso wie bei Liebl: Solidarisierung. Zwischen den Künstlern, so Liebl, im Sinne einer "Bewegung". Aber auch, so Metz und Seeßlen, von Seiten der Kritiker und Adressaten. Die Kunst als Möglichkeitsraum lasse sich nämlich nur durch gemeinsamen Widerstand bewahren.

Wenn Sebastian Schnitzenbaumer als Musiklabel-Chef München verklagen will, weil das Image der Stadt seinen Umsatz ruiniert, klingt das erst wenig solidarisch. Als symbolischer Widerstand hat seine Klage genauso wie die "Monokultur"-Reihe aber tatsächlich schon etwas bewirkt. Nämlich dass man miteinander in der Stadt über die hiesige Kunstszene redet.

Monokultur 8: Verlesung der Klageschrift, Mo., 5. Dez., 20.30 Uhr, Favoritbar, Damenstiftstr. 12