Vorschlag-Hammer Wipfel und Gipfel

Wer die Größten der Großen preisen will, muss nicht zwingend auf Goethes Spuren nach Thüringen reisen. In München feiert man in diesen Tagen zum Beispiel den italienischen Dichter Petrarca

Kolumne Von Antje Weber

Diese Zeilen kennt nun wirklich fast jeder: "Über allen Gipfeln / Ist Ruh, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur, balde / Ruhest du auch." Goethe hat diese ergreifend schlichten Verse 1780 auf die Bretterwand einer Jagdhütte im Thüringer Wald geschrieben, bei einer seiner Wanderungen auf den mit 861 Metern beeindruckenden Aussichtsberg Kickelhahn bei Ilmenau. Ich weiß das so genau, weil ich - Literatur verpflichtet - kürzlich in Weimar und Umgebung auf Goethes und Schillers Spuren gewandelt bin. Fast jedes Dorf hat dort ein Goethe-Museum; im ehemaligen Jagdhaus Gabelbach steht in einer enormen Vitrine sogar die einstige Holztür der Hütte, in der Goethe auf die Bretterwand ... Bei der Verehrung großer Meister muss man eben alles nehmen, was sich finden lässt.

Wer die Größten der Großen preisen will, muss jedoch nicht zwingend nach Thüringen reisen (mancher will sich ja vielleicht auch ungern verfahren und plötzlich auf einem Neonazi-Konzert tief im Wald landen, mit etwas anderen Huldigungsgesten). In München feiert man in diesen Tagen zum Beispiel den Dichter Petrarca, mit einem Fest in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und im Lyrik Kabinett (15./16. Juni). Dazu wird auch Peter Handke erwartet, einer der bedeutenderen Schriftsteller der Neuzeit. An dessen Bekanntheitsgrad und Werkumfang müssen sich selbst renommierte Schriftsteller wie Ralf Rothmann noch heranschreiben (20. Juni, Seidlvilla). Und was die bedeutenden Frauen angeht? Da ließe sich zum Beispiel Sibylle Lewitscharoff anführen, die am 16. Juni mit Najem Wali ihr gemeinsames Buch "Abraham trifft Ibrahîm" über Islam und Christentum im Kloster Beuerberg vorstellt.

Wer lieber bei Goethe und in München bleibt, hat beim Faust-Festival auch genügend Optionen. Meine schönste Entdeckung - neben der unbedingt sehenswerten Hauptausstellung in der Kunsthalle - ist ein sehr lustiges Video, mit dem das Deutsche Theatermuseum seine "Faust"-Kulissen-Ausstellung aufpeppt; man findet es auch in der ZDF-Mediathek. Jan Böhmermann spielt da als Goethe mit Mitarbeitern wie Schiller eine Spielplansitzung in Weimar nach, bei der er seinen "Faust"-Stoff durchdrückt. Schiller ist nicht gerade begeistert von diesem arg autobiografischen Stück eines alternden Mannes, der noch ein Mal ein junges Mädchen rumkriegen will, und überhaupt: "völlig überschätzter Typ"! Kann schon sein, denn wie ja auch jeder weiß: Hinter manchen Gipfeln ist Schmu.