Vorschlag-Hammer Männerbilder

Der hässliche schunkelnde deutsche Mann, er kommt nur noch richtig im Karneval zur Geltung oder beim Äppelwoi

Von Eva-Elisabeth Fischer

Irgendwann in den Siebzigern, es war noch in seligen Vor-Aids-Zeiten, aber der Paragraf 175 noch längst nicht abgeschafft, da nahmen sich die schwulen Narren ihr anarchisches Recht und blockierten vor der "Deutschen Eiche" in der Reichenbachstraße die Trambahn. Jaja, die fuhr da damals noch da durch. Es war eine Sponti-Aktion völlig überdrehter Tunten, Rainer Werner Fassbinder ganz vorn dran, wie immer die Zigarette im Anschlag. In der völlig leergeräumten "Eiche" selbst wogte Körper an Körper, das Bier am sichersten über den Köpfen schwingend, wer noch Luft kriegen wollte, drängte sich auf den Fensterbänken: ein Käfig voller Narren. Fassbinder gab im Hof den Würstl-Heißmacher, und die, die ganz heiß abtanzen wollten, schoben ins Henderson in der Müllerstraße rüber, wo die schrillsten Dragqueens die netzbestrumpften Beine schwangen. Dem gängigen Männerbild entsprach da keiner.

Vor 40 Jahren war das noch was. Da standen die Schwulen für das schrille Gegenprinzip zu grauen Anzugträgern, die im Fasching grapschend die Sau raus ließen. Im Fernsehen halten deren Nachkommen immer noch in Narrenkappen ihre Helau-Sitzungen ab, aber das ist im Rheinland, wo fettschwitzende Männer und Frauen einander unterhaken und schunkeln, eine unentrinnbare Kette biederer Bürgerlichkeit. Der hässliche schunkelnde deutsche Mann, er kommt nur noch richtig im Karneval zur Geltung oder beim Äppelwoi, ein Männerbild, das die zwölf Jahre des 1000jährigen Reiches ohne Kratzer überlebt hat und in den wirtschaftswunderlichen Fünfzigerjahren Eisbein-mampfend wieder auferstanden ist. In die Karnevalssendungen von heute ist allerdings längst auch eine Art Discounter-Pop eingezogen. Erwachsene Kerle mit Punk-Frisur singen Karaoke, als seien sie gerade dem Sandkasten entsprungen.

Totgeglaubte Männerbilder, sie leben noch, vielfach unbemerkt, wenn sie nicht der eigenen Peergroup angehören. Aber leben Scott und Amundsen, die draufgängerischen Südpol-Stürmer, nicht in neuer Kledage fort? - nadelgestreift im kindischen Konkurrenzgerangel gierender Börsenspekulanten zumal, die im Zweifelsfall ihre ganze Seilschaft mit ins Verderben reißen. Insofern wirkt der tödliche Hahnenkampf in der antarktischen Eiswüste in South Pole als treffliche Parabel. Am stärksten ist die Oper dann, wenn der Wahnsinn der Männer in Fantasiebildern umhertreibt wie die mäandernden Eisschollen-gleiche Musik von Miroslav Srnka. "South Pole" in der Bayerischen Staatsoper wird am Faschingsdienstagabend als Gaudi-Antiprogramm und dann wieder am 11. aufgeführt, Beginn jeweils 19 Uhr. Vielleicht hat man ja Glück, und jemand gibt seine Karte ab. Dem Kerl in den kindlich-archaischen Kern schaut die amerikanische Choreografin Aszure Barton in ihrem Ballett "Adam is" und lässt ihre Männer vom Bayerischen Staatsballett deshalb in Leo-Print tanzen - im Schatten eines riesigen Teddybären. Sie agieren so krude wie beim Canadian Football und zähmen sich am Ende selbst bis hin zum kuscheligen Männerduett. Heutzutage in unseren Breiten ganz selbstverständlich (Nationaltheater, 21. Februar).