Vorentscheid zum Eurovision Song Contest Jamie-Lee Kriewitz zeigt, dass sie keine Notlösung für den ESC ist

Freut sich wirklich: Jamie-Lee Kriewitz vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest in Stockholm.

(Foto: Getty Images)

Als Mischung aus Manga-Figur und Elfe, aber vor allem mit ihrem Enthusiasmus erinnert sie ein wenig an Lena Meyer-Landrut. Nicht nur deshalb könnte sie in Stockholm das deutsche ESC-Trauma vergessen machen.

Von Hans Hoff

Ein Geist fährt nach Stockholm. Am 14. Mai soll er dafür sorgen, dass Deutschland beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) nicht wieder auf dem letzten Rang landet wie im vergangenen Jahr, als Ann Sophie mit null Punkten heimkehren musste. "Ghost" heißt der Song, mit dem die Sängerin Jamie-Lee Kriewitz die Popnation vertreten wird, ein nettes Liedchen mit Hippie-Appeal, das am Donnerstagabend immerhin taugte, um neun Konkurrenten aus dem Feld zu pusten.

Von Anfang an galt die spätere Siegerin als klare Favoritin im Wettbewerb. Schließlich hatte sie vor kurzem erst mit Unterstützung der Fanta-4-Mitglieder Smudo und Michi Beck den Nachwuchswettbewerb "The Voice Of Germany" gewonnen, übrigens mit demselben Titel, den sie nun nach Schweden trägt. Geholfen haben mag ihr möglicherweise auch ihre Präsentation. "Ich heiße Jamie-Lee, ich bin 17 Jahre alt und komme aus Hannover", sagte sie, bevor sie sang. Das klang natürlich vielen ESC-Freunden sehr vertraut, denn mit einem fast identischen Satz hat sich Anfang 2010 schon mal eine junge Frau aus Niedersachsen um ein ESC-Ticket beworben. Der Rest ist deutsche Musikgeschichte und heißt Lena.

"Das Geheimnis: Junge Frauen ohne Nachnamen", hatte ESC-Sprecher Peter Urban vorab die Anforderung für einen Finalerfolg skizziert. Bei Jamie-Lee Kriewitz könnte das klappen. Schließlich wurde aus Lena Meyer-Landrut auch erst kurz vor der Abreise nach Oslo die griffige Lena.

Jamie-Lee präsentiert sich als Mischung zwischen Manga, Elfe und Björk

Auf Jamie-Lee ruhen nun die deutschen Erwartungen, und wenn man gesehen hat, mit welcher Unbefangenheit sie ihren Song vorträgt, dann entwickelt das durchaus einen gewissen Charme. Zumindest wirkt die jetzt gefällte Entscheidung nicht mehr wie die Notlösung, die es ja nach der peinlichen Nominierung und dem anschließenden Rückzug von Xavier Naidoo hätte werden können.

NDR sagt Xavier Naidoos ESC-Teilnahme ab

Der Sänger sei "weder Rassist noch homophob", wird der ARD-Unterhaltungskoordinator zitiert. Aber: "Die laufenden Diskussionen könnten dem Eurovision Song Contest ernsthaft schaden." mehr ...

Jamie-Lee ist nun die, auf die alle setzen. Sie präsentiert sich als Mischung aus Elfe, Manga-Figur und Björk. Aus ihrem Haupthaar schien beim Vorentscheid etwas Wildes zu wachsen, was sich dann aber doch nur als phantasievoller Kopfschmuck entpuppte. Jamie-Lee strahlt etwas aus, das ihren nicht unbedingt megastarken Song zu tragen weiß. Auf der Bühne ist sie ein Ereignis.

Die Konkurrenz war schwach

Geholfen hat ihr natürlich auch die mehrheitlich schwache Konkurrenz. Die präsentierte sich als bunter Teller aus dem Popgeschäft, in dem ein ungelenkes Helene-Fischer-Double ebenso vertreten war wie netter Tempo-30-Pop und düstere Kapuzenmänner, die zur Pseudo-Gregorianik jede Menge Pyrotechnik abfackelten. Mönche mögen's heiß, sollte man da wohl denken.

Auch der ESC-Altmeister Ralph Siegel durfte erstmals seit vielen Jahren wieder bei einem deutschen Vorentscheid antreten und schickte eine junge Düsseldorferin ins Rennen, von deren Auftritt vor allem ihr prachtvoll illuminiertes Kleid in Erinnerung blieb. Das Lied dazu? Tja, ein Ralph-Siegel-Klassiker halt. Viel Pomp um nichts. Siegel hat versprochen, es sei sein letzter ESC-Versuch. Möge sich das als Wahrheit erweisen.