Vorbericht Netzbekanntschaft

Liebe, Sex, Gewalt: In den Weiten der Foto-Plattform Tumblr hat Manuel Braun nach Bildern gesucht, die zur Geschichte von "Romeo und Julia" passen.

(Foto: Tumblr)

Der Regisseur Manuel Braun hat den Shakespeare-Klassiker "Romeo und Julia" für eine Internet-Plattform inszeniert

Von Christiane Lutz

Der Applaus am Ende der Vorstellung fällt aus. Aber das macht dem Münchner Regisseur Manuel Braun nichts, er hat es ohnehin nicht so mit Premieren. Der Applaus fällt aus, weil jeder Zuschauer selbst bestimmt, wann die Vorstellung zu Ende ist. Wann sie beginnt, ob er sie auf der Couch oder im Bett anschauen will. Denn Manuel Braun hat das Theater ins Internet gebracht. Auf der Foto-Plattform Tumblr hat er Shakespeares Klassiker "Romeo und Julia" inszeniert. "Ich muss doch als Kreativer ein Beispiel geben, wie man das Internet künstlerisch nutzen kann", sagt Braun ein paar Tage vor dem Start seines Projekts.

Das Internet und das Theater. So richtig haben sie noch nicht zusammen gefunden. Die Theater nutzen das Netz hauptsächlich als Service-Plattform, um Karten zu verkaufen und über soziale Netzwerke einen Einblick in den Betrieb zu geben, was natürlich völlig legitim ist. Künstlerische Auseinandersetzung mit dem Internet aber gibt es bisher kaum. Ein Theaterstück, das ausschließlich im Netz stattfindet, gab es noch nie. Das hat Manuel Braun überrascht. Und angefixt. "Das Internet ist für mich keine Litfaßsäule, an der Theater ausschließlich Werbung machen sollen", findet er. Der Regisseur, 28, interessiert sich sowieso für ungewöhnliche Theaterräume. Er inszenierte schon in der alten Druckerei Biebie in Freimann und in seinem Heimatort Vagen an der Mangfall in einem Heustadl. Das hat auch damit zu tun, dass er die Zuschauer dort abholen will, wo sie sich nun mal rumtreiben. Im Internet zum Beispiel. "Ich kenne einige junge Leute, die es schon anstrengend finden, dass ein Theaterstück um eine bestimmte Uhrzeit beginnt und man dafür wohin gehen muss", sagt er. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, die Dinge dann zu bekommen, wenn sie sie wollen. Filme schaut man an, wenn man Lust hat. Nicht, weil gerade 20.15 Uhr ist. Manuel Braun will sich nicht mit Kulturdünkel aufhalten, er versucht, sich frei zu machen vom fixen Theaterbild, das sich über Jahrzehnte in die Hirne der Zuschauer eingebrannt hat. "Am Theater sind die Pfade ja schon sehr ausgetrampelt. Da habe ich beim Inszenieren nicht jedes Mal das Gefühl, was komplett Neues zu erfinden."

Also hat er sich an den Computer gesetzt. Zwei Jahre lang hat er Szene für Szene durchchoreografiert und mit Musik unterlegt, unzählige Bilder und ein paar wenige entscheidende Textpassagen angefügt. Die Party im Capuletschen Haus beispielsweise hat er als Roten-Teppich-Event inszeniert, der Konflikt zwischen den Familien eine Gegenüberstellung westlicher und östlicher Kultur. Wenn die Liebenden sich vereinen, sieht man wehende Haare im Wind, als Julia vermeintlich gestorben ist, schwarz-weiße Bilder von toten Kindern. Dieses assoziative Prinzip funktioniert mal subtil, mal offensichtlich, aber nie platt. Man kann so lang auf einer Seite verweilen, wie gewünscht. Das Ergebnis ist eine wunderbar melancholische, düstere Version des Stückes. Besonders bezaubernd ist die Balkonszene, in der ein Zusammenschnitt internationaler Aufführungen zu hören ist. Gut' Nacht, buona notte, what satisfaction canst thou have tonight?

Nebenbei lädt Brauns Arbeit ein, einmal darüber nachzudenken, was Theater eigentlich zu Theater macht. Ist es die physische Anwesenheit von Zuschauern in einem definierten Theaterraum? Sind es die Schauspieler? Das einmalige Live-Erlebnis? Manuel Braun hat sich diese Fragen kaum gestellt bei der Arbeit. "Ich weiß nicht, was, wenn nicht Theater, das sonst sein sollte. Es hat sich exakt so angefühlt, als würde ich inszenieren." Das Prinzip sei das gleiche: Er greife sich einen Text und verlagere ihn dahin, wo er möchte. Mit dem Unterschied, dass das Internet keine Widersprüche erhebt. Wie aber will er herausfinden, ob seine Inszenierung dem Publikum gefällt? "Keine Ahnung. Aber bei Premierenpartys bleib' ich ja auch nie."