Vorbericht Große Erwartungen

Ludwig (Marcel Heuperman, Mitte) wartet auf eine Lehrstelle. Bis dahin tut er: nichts. Seine Eltern finden das alles andere als angenehm.

(Foto: Thomas Dashuber)

Marcel Heuperman spielt am Residenztheater in "Mensch Meier" den pubertären Ludwig

Von Christiane Lutz

Ludwig soll was Vernünftiges lernen. Zahntechniker vielleicht. Oder eine Lehre bei der Bank machen. So wünschen sich das seine Eltern. Aber Ludwig will lieber Maurer werden, ein stinknormaler Arbeiter eben. Und er macht einfach. So schreibt es Franz Xaver Kroetz in seinem Stück "Mensch Meier", das David Bösch nun im Marstall inszeniert hat. Auch wenn heute die Traumberufe andere sind: Erwartungen von Eltern an ihre Kinder gibt es immer noch.

Auch Marcel Heuperman, der diesen Ludwig spielt, kennt das. Allerdings nicht bei der Frage nach der Berufswahl. Schon als kleiner Junge hat er sich verkleidet, wollte Ballett tanzen und in Musicals singen. Seine Eltern - die Mutter Krankenschwester, der Vater U-Bahnfahrer und eher Gelegenheitstheatergänger - unterstützten ihn. Auch als er mit 13 Jahren von Frank Castorf entdeckt wurde und seine erste Rolle in "Emil und die Detektive" an der Volksbühne spielte. "Ich selbst war damals völlig naiv. Hatte keine Ahnung, wer Frank Castorf ist und was dieses Theaterstück für meine Zukunft bedeuten könnte", sagt Heuperman in der Kantine des Residenztheaters. Der junge Marcel lernte das anarchische Theater kennen, wo jeder jeden duzt, man auch mal laut werden darf, und ihn Erwachsene plötzlich auf Augenhöhe behandelten. Eine wunderbare Welt tat sich vor ihm auf. "Ich hab' diese Anarchie dann mit in die Schule getragen und mit meinen Lehrern darüber diskutiert, warum ich mich melden muss. Warum es mir egal ist, dass ich in Physik eine Fünf habe. Das Theater wurde immer wichtiger, die Schule immer lächerlicher."

Fanden die Lehrer nicht so gut. Seine Mutter auch nicht. Die beiden lebten allein, seit der Vater verstorben war. Marcel Heuperman machte auf ihr Drängen seinen Realschulabschluss fertig und ging mit nur 17 Jahren nach Salzburg auf die Schauspielschule. Die Mutter ließ ihn ziehen, verteidigte ihn gegen spitzfindige Bemerkungen von Freunden wegen seines Berufsziels, bezahlte im eine Wohnung, überwies monatlich Geld. Und das, obwohl Heuperman 2013 den ersten richtig großen Erfolg erlebte: Er wird für die Rolle des jungen "Pitbull" in Andreas Dresens Kino-Verfilmung von "Als wir träumten" besetzt. Seine komplette Gage allerdings haute er in wenigen Monaten auf den Kopf. "Aber Marcel", hatte die Mutter gesagt, "davon hättest du zwei Jahre lang leben können." Sie legte Extraschichten ein und jobbte im Friseursalon, um ihn zu unterstützen.

In "Mensch Meier" sagt Martha zu ihrem Sohn Ludwig: "Zu gut is man mit dir. Da sollt man andere Saiten aufziehn, dann tätst schon schauen." Aber sie zieht keine anderen Saiten auf, obwohl das Geld knapp ist und das kleinbürgerliche Siebzigerjahre-Idyll zerbricht. Am Ende, als Martha ihren Mann verlassen hat, beschließen sie und Ludwig, zusammenzuziehen. Früher rieben sich Eltern auf, damit aus dem Nachwuchs was "Ordentliches" wird. Heupermans Mutter rieb sich auf, damit er tun konnte, was ihn glücklich macht. "Ich hab das erst geschnallt, als finanziell wirklich nichts mehr ging." Heute ist er seiner Mutter unendlich dankbar, wie er sagt. Sie hegt nach wie vor ein großes Vertrauen in seine Arbeit. "Wenn es so etwas wie Erwartungsdruck gibt", sagt Heuperman, "dann kommt er daher. Dass ich meiner Mutter etwas zurückgeben will. Dass ich ihrer Liebe gerecht werden will."

Seit dieser Spielzeit ist Heuperman mit gerade mal 21 Jahren festes Ensemblemitglied am Residenztheater. In "Die Netzwelt" überraschte er mit einer berührenden Darstellung des pädophilen Woodnutt. Er ist in dem NSU-Film "Heute ist nicht alle Tage" zu sehen, der im Frühjahr in der ARD läuft. Alle beruflichen Ziele, die er sich bisher steckte, hat er erreicht. Es sieht also so aus, als müsse er sich keine Sorgen machen, irgendjemanden zu enttäuschen. Seine Mutter kommt zur Premiere, natürlich.

Mensch Meier, Sonntag, 10. Januar, 19 Uhr, Marstall