Vorbericht Fast zu gut

Catalina Pires sagt, sie spiele nicht nach Noten, sondern nach Bildern. Für das Foto konnte sie sich schwer zwischen Gitarre und Geige entscheiden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wunderkindverdacht - die zwölfjährige Catalina Pires aus Schäftlarn stellt ihre erste CD vor

Von Stephanie Schwaderer, Ebenhausen

Was mögen das für Blumenwiesen sein, durch die sich Catalina Pires bei der Paganini-Sonate zupft? Verstecken sich Vögel in den Bäumen oder böse Feen? Kann sie sich selber in die Luft schwingen? "Ich spiele nach Bildern, nicht nach Noten", sagt die Zwölfjährige, die seit Jahren bei "Jugend musiziert" erste Preise abräumt und in wenigen Tagen ihre erste CD im Gasteig vorstellen wird. Welche Bilder das genau sind, kann oder mag sie nicht verraten, nicht einmal ihrer Mutter, ihr gegenüber am Küchentisch in Ebenhausen. "Es sind meine eigenen Bilder", sagt sie.

Die dunklen Augen hat sie vom Vater, Alberto Pires, einem Argentinier; den Ehrgeiz womöglich von der Mutter, die sich mit vier kleinen Kindern durchs Medizinstudium gekämpft hat und gerade ihren Facharzt macht. Woher Catalinas außerordentliche musische Begabung stammt, das können sich beide Eltern nicht wirklich erklären. Im Alter von acht Monaten, so erzählt Therese Stahn-Pires, habe Catalina Zwei-Wort-Sätze gesprochen; mit zwei Jahren Tonfolgen auf dem Klavier nachgespielt. "Dass das außergewöhnlich ist, haben wir erst gemerkt, als unsere anderen Kinder auf der Welt waren."

Als Sechsjährige beginnt Catalina Geige zu lernen. Was die Eltern aufhorchen lässt: dass sie die Töne und Melodien auf einer Gitarre nachspielt - nach dem Gehör. Mit neun Jahren gewinnt sie als jüngste Teilnehmerin ihren ersten internationalen Gitarrenwettbewerb. Die Beste zu sein, ist für sie seither zur Routine geworden. "Dabei übt sie nicht einmal viel", sagt die Mutter. Wochentags maximal ein bis zwei Stunden täglich. Mehr lasse das G 8 nicht zu. Sie habe aber auch noch Zeit, zu lesen ("Herr der Ringe") und sich für ihre kleinen Brüder Fantasiespiele auszudenken. "Sie ist ein ganz normales Mädchen."

Tatsächlich? Ein Test: Kennt Catalina Justin Bieber? "Den Namen habe ich schon einmal gehört." Taylor Swift? "Nein." Hat sie sich schon jemals die Fingernägel lackiert, kunterbunt oder zwei- und dreifarbig? Natürlich nicht. Catalinas Nägel müssen an der rechten Hand für die Geige kurz, aber für die Gitarre lang sein - ein Problem, das in der Bravo vermutlich noch nie behandelt wurde. Hat sie das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen? Ja, sagt sie ernst. Sie würde gerne noch Querflöte lernen. Und Klavier, Trompete und Ballett. Und was würde sie dafür gegebenenfalls streichen: "Die Schule!"

Die Schule, ein leidiges Thema für Zwölfjährige. Die zweite Fremdsprache, der Nachmittagsunterricht - allein das lässt Sechstklässler an ihre Grenzen stoßen. Catalina hat andere Sorgen. Unter ihren Mitschülern gebe es viel Neid und wenig Verständnis. "Das muss man ignorieren." Auch Lehrer fragten immer wieder, ob sie nicht zu viel Musik und zu wenig für den Unterricht mache. Das wiederum bringt ihre Mutter in Rage: "Diese Anschuldigungen! Diese Bedenken, dass wir zu viel Druck ausüben!" Dabei hätten sie es schwer genug: "Was wir alles leisten, in musikalischer und organisatorischer Hinsicht." Der Wunsch, Musik zu machen, komme zu hundert Prozent von Catalina. "Wir sehen das Talent, wir wollen ihr alle Wege offen halten. Aber wir sagen auch: Du kannst jederzeit aufhören."

Aufhören? "Musik ist wie ein Mensch für mich", sagt Catalina. "Wenn man traurig ist, bringt sie Trost. Ich kann mit meinen Instrumenten reden, sie für mich fühlen lassen." Dumme Frage: Wofür braucht jemand wie sie eigentlich noch Lehrer? Können die ihr noch etwas beibringen? Es ist die erste und einzige Frage, die ihr ein klitzekleines Lachen entlockt, in Pianissimo. Doch, sagt sie, und hat sich schon wieder ganz im Griff: "Die können mir schon noch einiges beibringen."

Catalina Pires hat die beiden unterschiedlichsten Lehrer, die man sich vorstellen kann: Der eine ist Professor an der Münchner Musikhochschule, hat keinen Computer und möchte am liebsten postalisch kontaktiert werden. Der andere ist ein musikalischer Grenzgänger und lädt fleißig Videos seiner Vorzeigeschülerin auf seinem Youtube-Kanal hoch. "Nein, Catalina ist kein Wunderkind", sagt der eine. Als "Young Genius" preist der andere sie an. Der eine ist Markus Wolf, Konzertmeister an der Bayerischen Oper. Der andere der Gitarrenvirtuose Walter Abt.

Wolf hält seine derzeit jüngste Schülerin für außerordentlich talentiert und geschickt. "Aber da schleichen sich schon immer wieder Gewohnheiten ein, die man ihr austreiben muss", sagt er. "Und man muss sie immer wieder anhalten, genau in die Noten zu schauen." Abt hingegen ist von dem Mädchen hingerissen, seit es ihm im Alter von sieben Jahren den Tango "El Choclo" vorgespielt hat - auswendig und selbst einstudiert. Es wäre ein Leichtes, Catalina sofort auf Tournee zu schicken, sagt er. "Aber ich sorge dafür, dass sie nicht verheizt wird. Ich möchte, dass sie sich erst als Persönlichkeit entwickelt." Auf vielen Wettbewerben sei sie mittlerweile nicht mehr gerne gesehen: "Weil sie zu gut ist. Das ist demoralisierend." Deshalb sei er auf die Idee mit der CD gekommen. Zehn Stücke hat er mit ihr aufgenommen - von Alonso Mudarra über Bach und Paganini bis hin zu Jorge Morel. Catalina spielt Gitarre, aber auch Violine und Vihuela. Für eine Kinderradiosendung des BR hat Abt ihr auf die Schnelle auch schon einmal ein Stück auf der Laute beigebracht. "Sie tut sich so leicht", schwärmt er, "eine solche Auffassungsgabe habe ich noch nie erlebt."

Ihr Geigenlehrer, Markus Wolf, sagt, dass sie sich wohl bald werde entscheiden müssen: Gitarre oder Geige. Und was sagt Catalina? Als es nach dem Interview darum geht, mit welchem Instrument sie aufs Foto möchte, lautet ihre Antwort: "Ich kann versuchen, beides zu spielen." "Das geht doch nicht", wirft die Mutter ein. "Doch", sagt Catalina ernst. "Die Gitarre mit den Füßen und mit den Händen die Geige. Das habe ich schon probiert. Es geht, ich kann's nur noch nicht so gut."

Young Genius - Catalina Pires, Samstag, 13. Februar, 20 Uhr, Gasteig/Kleiner Konzertsaal, 28 Euro, ermäßigt 14 Euro