Bunt, schnell, wirr? Aber nein! Videoclips sind besser als ihr Ruf - eine Verbeugung. Oliver Fuchs
Im Musikfernsehen läuft ja gerade so manches; man sieht Reise-Dokus, Flirt-Shows, Zeichentrickfilme, alte "Southpark"-Folgen, irrsinnig lange Klingelton-Werbung mit blauen Nilpferden und verrückten Fröschen sowie eine Autofrisier-Sendung ... Was man immer seltener sieht, ist: Musik.
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Zwischenfrage: Kann man Musik überhaupt sehen? Nun, als Antwort auf genau diese Frage wurde 1981 MTV, MusicTele-Vision, erfunden.
Jetzt werden wir Zeuge, wie MTV sich als Musiksender selbst abschafft - und den dazu gekauften Kanal Viva gleich mit. Dieser Zerfallsprozess spielt sich, das ist ja das Tolle am Fernsehen, vor laufender Kamera ab.
Das Musik-TV scheint jeden Tag ein bisschen mehr zu verschwinden - wie eine Pfütze, die irgendwann komplett verdunstet ist.
Seit Wochen wird der Niedergang live on air kommentiert: Charlotte Roche, das gute Independent-Gewissen von Viva, würzte ihre Ansagen, bevor sie in Streik trat, mit spitzen Bemerkungen über ihre neuen Chefs, und auch Sarah Kuttner wirkt im Moment noch fahriger als sonst, als könne sie sich vor lauter Zorn und Zukunftsangst kaum noch aufs Moderieren konzentrieren.
Man muss es so pathetisch sagen: Hier geht eine Ära zu Ende.
Musikfernsehen ohne Musik - das ist befremdlich, ein wenig so, als wären im Sportkanal nur noch Kochsendungen zu sehen.
Ist die Kunstform Video ausgereizt? Hat MTV sich selbst satt? Ist die Bildermaschine an ihrem eigenen Erfolg erstickt? Solche Spekulationen könnte man jetzt anstellen. Man darf aber auch einfach mal trauern. Sich an die tollsten, rätselhaftesten, beglückendsten Momente erinnern. Das Unkle-Video mit dem nackten Jogger im Tunnel, der ständig überfahren wird und immer wieder aufsteht und weiterrennt. Oder das Wham-Video, in dem Andrew Ridgeley im Swimming-Pool in seine Trompete bläst - und je länger das Solo dauert, desto mehr versinkt er.
Oder das Fatboy-Slim-Video, in dem Menschen mit unfassbar schlecht sitzenden Trainingsanzügen so irrsinnig unbeholfen breakdancen, dass man sich einerseits kaputtlachte und andererseits versöhnt wurde mit der ganzen miserablen Conditio humana.
Es war eine lehrreiche und lustige Zeit. Danke!
Und ein Gutes hat das Ende dann ja auch: Wenn MTViva keine Clips mehr spielt, stehen die Chancen gut, dass es auch mit dem kulturpessimistischen Genörgel über die so genannte "Videoclip-Ästhetik" bald vorbei sein wird. "Videoclip-Ästhetik" meinte: bunt, schnell, wirr - doch die meisten Clips wirken beim Wiedersehen langsam, geordnet und relativ blass.
Nein, "Videoclip-Ästhetik" war nie ein brauchbarer Oberbegriff für die völlig unterschiedlichen Bildsprachen, die zwischen Rolling Stones und Progressive-Underground-Trance-House ausprobiert wurden, sondern eher ein Phantasma von Kunst-, Literatur- und Kinoredakteuren, die ihre Heiligtümer bedroht sahen. Wie zuvor Buch, Zeitung und Radio wurde auch das neue Medium von den Vertretern der etablierten Künste beargwöhnt und bekämpft. Im Jahr 1990 schloss sich der Kritiker Hugh Gallagher sieben Tage und sieben Nächte in einem Hotelzimmer ein und schaute rund um die Uhr MTV.
Sein Protokoll veröffentlichte er unter dem Titel: "Experiment im Terror". Nach dem ersten Tag fühlte er sich schmutzig, als habe er "24 Stunden nur Fastfood gegessen", nach weiteren Tagen stellten sich Endzeit-Visionen ein. Das Experiment endete in körperlicher und geistiger Totalauszehrung. Nervous breakdown.
Nun weiß man natürlich nicht, in welcher Verfassung der Mann grundsätzlich war und ob er sieben Tage ZDF nicht vielleicht ebenso schlecht vertragen hätte. Ihm, dem Amerikaner hätte man jedenfalls einen lässigeren Umgang mit der Droge TV zugetraut. Dass Fernsehen je nach Gebrauch beruhigend ist und aufputschend und in letzter Konsequenz glücksstiftend, suchtauslösend, kaputtmachend - durfte man das nicht als bekannt voraussetzen?
Die Deutschen dagegen wussten noch wenig vom Fernsehen, als MTV Mitte der achtziger Jahre in die Kabelnetze eingespeist wurde. Sie schauten fern, so wie sie ins Theater oder in die Oper gingen. Es gab im Wesentlichen ARD und ZDF und das dritte Programm. Ein Idyll. Eine Einöde. Erst durch MTV lernten wir das Wunder des wahren Fernsehens kennen. Die Ekstase. Die Not. Den kalten Entzug. Den kompletten Schwachsinn. Danke, MTV!