Volksmusik Gigglgogl und Gogglgigl

Drei Falkner-Generationen: Hans-Peter, Johann und Erich (v.l.), aufgenommen 1983.

(Foto: HP Falkner)

Hans-Peter Falkner liebt Gstanzln: eine Sammlung zum Lesen und Hören

Von Christian Jooss-Bernau

Manchmal bricht sie unter der Last der Jahre ein, wie dünnes Eis. Die Stimme kann nicht mehr so recht. Oft überkommt sie ein Lachen. Eines, wie es nur sehr alten Menschen gelingt, denen ihre Eitelkeit nicht mehr im Weg steht. Eines, das die Stimme durchbeutelt, während sie doch weitersingt. 96 Jahre, sagt HP Falkner, sei sein Großvater gewesen, als er ihn damals aufgenommen habe, Gstanzlsingen konnte der Opa noch, die Knopfharmonika spielen ging nicht mehr. Das übernahm der Enkel. Heute tut es Falkner leid, dass er den Großvater nicht öfter aufgenommen hat. "Der spielt ja eh immer," hat er gedacht. Mit dem Großvater war das so ähnlich wie mit den Gstanzln: "Die sind ja da."

Der Großvater war kurze Zeit nach dieser Aufnahme aus dem Mai 1991 weg. Und Falkner machte weiter Musik. Als eine Hälfte von Attwenger wurde er kurz darauf bekannt. Zwei Typen, die mit Schlagzeug und verzerrter Harmonika zeigten, was Volksmusik sein kann: Punk-Bewusstseinsstrom und ein ewiger Off-Beat, der in die Sprache hackt, bis die Späne fliegen. Möglich, dass Traditionalisten das als Sakrileg empfanden. Aber wer mag schon Traditionalisten.

In der Kulisse des Fraunhofer-Theaters steht Falkner mit jungen Musikern auf der Bühne - und macht Volksmusik. Mit Tuba, Kontrabass, Geigen und allem Drum und Dran. Und zu einem maßgeblichen Teil singt er Gstanzln. Einem Gelegenheitsvolksmusikhörer kann das Gstanzl als das Ende des Erträglichen vorkommen. Immer ähnlich, immer gleich ist die Melodie, auf die es sich reimt. Mit zwei Akkorden unterbietet man an Komplexität den Blues, und auch rhythmisch sind die Möglichkeiten begrenzt. Das Gstanzl ist auf den ersten Blick das kleine Lied für die kleine Welt von gestern.

Für Falkner ist in den kleinen Reimen die große Welt gebunden. "890 Gstanzln" heißt sein Buch, dessen Titel ziemlich genau den Inhalt umreißt. Es ist das Ende einer Reihe, eine Zusammenfassung und eine Erweiterung. 1996 hat er ebenfalls beim Verlag Bibliothek der Provinz den Band "1234 Gstanzln" veröffentlicht. 1999 folgten "567 Gstanzln". Beigelegt war immer eine CD, die es auch heute noch einzeln zu kaufen gibt über www.fischrecords.at. Die ersten beiden Bücher sind lange schon vergriffen. Aber auch mit dem letzten hat man immer noch ganz schön viele Gstanzln, die, liest man sie einmal hintereinander weg, etwas mit dem Hirn anstellen. Es beginnt sich zu drehen.

Natürlich ist der angemessene Platz des Gstanzls nicht die Buchseite, sondern das Wirtshaus. 33 Gstanzl-Nummern sind auf der aktuellen CD "890 Gstanzln. Best of!" zu hören. Von den Neunzigern bis heute, in diversen Besetzungen, meist mit Falkner. Mal singt der für sich, als würde er mit sich selber reden, mal tobt er im Pulk. Eine musikalische Evolution gibt es nicht. Das Gstanzl ist ein Kreis. Aber der ist immer anders rund. Falkner hat mit dem Aufschreiben aus dem praktischen Grund begonnen, sich die Texte für die Bühne merken zu müssen. Auch vor ihm gab es schon gedruckte Sammlungen. Die aber kamen ihm komisch vor. Zu verkitscht. Und dann die Schreibweise: "Die ganzen Apostroph' und Ringerl und Kugerl. Ich wollt das einfach total klar haben." Die Folge ist, dass sich aus dem Geruch von Papier und Druckerschwärze Lyrik formt: "und da gigglgogl hod a mensch ghobt / und da gogglgigl dea hod a / sogt da gigglgogl zum gogglgigl / ge goggl do de mei aa". Einem nicht im Alpenraum Sozialisierten mag das anmuten wie Konkrete Poesie, ein Dialektalerfahrener liest es so versaut, wie es gemeint ist.

Das Gstanzl ist kein Hort des erhabenen Volksempfindens, es ist Lebensnotdurft in Reimform. Oben kommen sie rein, das Bier, die Würste, die Knödel. Unten kommen sie raus. Dazwischen ist der Mensch. Das ist der Witz. Das Gstanzl ist gerne derb. Aber in den Gstanzln, die Falkner gesammelt hat, ist das Derbe ein anarchischer Spaß, keine Pöbelei, die volkstümlich das Maul aufreißt. Falkners Buch bildet Gruppen. "wirtshaus - saufn" ist eine, "oabeit" eine andere. "i liab di - valossn" eine nächste: "zwoa fischal im weiha / zwoa antn im see / de liab de gehd unta / und nimma ind heh". Man muss das nicht mit einem Haiku vergleichen, aber ein Gstanzl kann die poetische Verdichtung schaffen: vom Bild zur Emotion zur Einsicht in das Wesen der Dinge.

Mehrere Theorien gibt es über die Herkunft des Begriffes, aber Falkner hängt der an, die das Gstanzl von der italienischen, achtzeiligen Stanza ableitet. Das G komme als Mundartfärbung - "eine bissl eine Schlampigkeit" - hinzu. Wobei Gstanzl eben nicht gleich Gstanzl ist. Auf dem Viktualienmarkt steht der Roider Jackl auf seinem Brunnen, als würde er gerade tief Luft holen vor der nächsten Strophe. Zwischen den Liedern des Roider Jackls in München, auch Schnaderhüpfl genannt, und dem oberösterreichischen Gstanzln des HP Falkner gibt es deutliche melodiöse Unterschiede. Auch rhythmisch ist es nicht das Gleiche. Falkners Großvater hat es ihm beigebracht, hat mit einem Gürtel sein Bein an das des Enkels gebunden. So haben sie gemeinsam beim Spielen den Rhythmus gestampft. In Bayern ist das Gstanzl eine Vortragskunst, manchmal auch als Spontangedicht. In Oberösterreich wird es zum Tanz gesungen. In der Kulisse im Fraunhofer sind die Zuhörer lieber nur Zuhörer. Falkner steht mit den Tanzhausgeigern auf der Bühne, einer jungen Gruppe aus Österreich, die, würden sie nicht gerade Volksmusik spielen, in der Mehrzahl als Hipster durchgehen würden. Im Publikum sieht man viele, die man sich auf so einigen Konzerten vorstellen könnte, beim Gstanzl-Singen nicht. Möglich, dass es auch an Falkners Bekanntheit liegt. Aber da ist noch etwas anderes. Hat man das Buch gelesen, die CD gehört, das Konzert gesehen, dann hört man Attwenger neu. Als Band, die sich aus dem Kulturreservoir der Gstanzln speist. Jedes für sich ist ein abgeschlossenes Mikrogedicht. Die lassen sich zu einer langen Kette auffädeln - einem Makrogedicht. Und immer geht es hin und her zwischen den zwei Akkorden, geht es im Kreis, im Tanz. "Es ist wie beim Techno", sagt HP Falkner: "Du kommst in ein Radl eine." Stundenlang kann das so gehen. Irgendwann ist das Gstanzl kein Gstanzl mehr, sondern Ritual. Trancezustand. So geht es von der Liebe zum Essen zum Sex, und einmal ist auch Schluss: "und a grü sitzt im gros / und pfeifft si grow wos / auf amoi is schtaad / schedl ogmaad."

In der Schule für Dichtung in Wien hat Falkner einen einwöchigen Kurs gegeben. Einer Dame ist er da begegnet, die war sich sicher, das Gstanzl habe immer vier Zeilen. "Ja eh. Aber ist ja wurscht. Wenn mir mehr einfällt als vier Zeilen, dann wird's halt ein Achtzeiler", hat Falkner ihr geantwortet. Worauf die Dame insistierte, das Besondere am Gstanzl seien doch wohl die vier Zeilen. "Jo, für di", hat Falkner gesagt. Regeln sind das eine, das Leben und die Gstanzln sind etwas anderes. Gibt es ein Thema, das bis jetzt noch nicht in Gstanzln gefasst wurde? "Wenn wir das jetzt wüssten, was bis jetzt nicht behandelt worden ist - dann würden wir's ja eh tun. Vielleicht", sagt Falkner.