Vladimir Nabokovs Sohn droht damit, dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen und ein Roman-Fragment zu verbrennen. Grund sind unangenehme Interpretationen seines Meisterwerks "Lolita".
Werden Politiker gefragt, ob ihnen ihr Amt Freude bereite, antworten sie oft, dass die Verantwortung, die auf ihnen laste, drückend sei. Ein drückendes Amt liegt auch auf den Schultern von Dmitri Nabokov - und man kann nicht sagen, er habe es sich ausgesucht.
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Vladimir Nabokovs Hobby: Schmetterlinge fangen. (© 75)
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Als Sohn des vielleicht brillantesten Erzählers des 20. Jahrhunderts, Vladimir Nabokov, ist es an ihm, seines Vaters letzten Willen zu vollstrecken. Und der lautet: Das Manuskript seines Fragment gebliebenen Romans "The Original of Laura" sei zu verbrennen. Vladimir Nabokov wollte nicht, dass ein unvollendetes Werk vor die Augen der Leser tritt.
Schon Nabokovs 1991 verstorbene Witwe Vera schreckte vor dem finalen Akt zurück, nach den Streichhölzern zu greifen. Nun ist es an Dmitri Nabokov, über das Schicksal des in einem Schweizer Banktresor verwahrten Manuskripts zu entscheiden. Ihm zittern förmlich die Hände - und möglicherweise entgleitet ihm dabei gerade die Sache.
Nichts ist misslicher, als zu erben. Auch im "Laura"-Fall mischen sich Verantwortung und Macht in unguter Weise. Dmitri Nabokov, ein impulsiver Mensch, der das Andenken seines Vaters beherzt schützt, hat sich immer wieder dazu verleiten lassen, mit der Vernichtung des "Laura"-Manuskripts zu drohen, weil ihm manche Deutungs- und Entschlüsselungsvorschläge der Nabokov-Interpreten gegen den Strich gingen.
Vor allem der Versuch, Nabokovs "Lolita" als literarischen Ausfluss eigener erlittener Misshandlungen des Autors als Kind zu fassen, hatte Dmitrivs berechtigten Grimm hervorgerufen. Aber überhaupt waren ihm die Spekulationen der "Lolitologen", wie er sie gequält nennt, suspekt. Bevor - so ließ er durchblicken - sich solcher Deutungs-Unfug auch noch ans "Laura"-Fragment heftet, schaffen wir es doch lieber gleich ganz aus der Welt.
Dabei ist Dmitri zugleich der einzige Mensch auf dieser Erde, der das auf 50 Karteikarten notierte Fragment kennt. Und er zögert nicht, die Nabokov-Gemeinde anzufixen: "Laura" sei ein Destillat von Nabokovs Werk und das Brillanteste, was sein Vater je geschrieben habe. Dmitri hat ein Wissen, welches Macht ist.
Der Literaturkritiker Ron Rosenbaum, der mit Dmitri in Mail-Korrespondenz steht, hat dies nun zu spüren bekommen. In dem Internet-Medium Slate berichtet Rosenbaum davon. Denn er musste selber die Erfahrung machen, wie seine Hypothesen zu Nabokovs letztem Werk durch Dmitri rundum abgelehnt wurden. Als Rosenbaum über das Zwischenglied "Fahles Feuer" eine Verbindung zu Petrarcas "Canzoniere" und dessen Laura herstellte, erklärte Dmitri kurzerhand, das sei Unsinn, denn die Figur des Romanfragments habe ursprünglich keineswegs Laura geheißen. . .
Große Literatur öffnet unabsehbare Interpretationsräume. Natürlich auch Interpretationslabyrinthe, in denen man sich verlaufen kann. Diese kann man aber nicht blockieren, indem man mit seinem Geheimwissen ex cathedra die einzig wahre Lehre verkündet. Dmitri Nabokov, fordert Rosenbaum zu Recht, solle sich entscheiden: So oder so. Aber nicht länger aus jenem Nähkästchen plaudern, in das sonst keiner gucken kann.
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(SZ vom 18.1.2008)
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