Video-Trend ASMR Der Gesang flüsternder Sirenen

Rollenspiel Next Door: junge Mädchen als Sirenen.

(Foto: Screenshot)

In einem neuen Video-Format, genannt ASMR, säuseln attraktive Mädchen in die Kamera und kommen den Zuschauern dabei sehr, sehr nahe. Die sprechen gar von tranceähnlichen Zuständen.

Von Bernd Graff

Sie nennen sich "Softsoundwhispers", "OceanBreeze", "TheOneLilium", "VeniVidiVulpes", "GentleWhispering", "Whispering Rose", "The Waterwhispers" und "Heather Feather". Und sie machen etwas, das sie Rollenspiel nennen. Sie nennen es so. Denn hier spielt nur eine.

Und das ist die junge Frau mit dem Flüstersirenen-Namen, die direkt in die Kamera schaut, meist im Close-Up, ganz nah, und manchmal auch vornübergebeugt, um dem Zuschauer - gespielt - den Kopf zu massieren, die Haare zu schneiden, ihn zu rasieren oder sein Fieber zu messen. Und vor allem - um ihn direkt anzusprechen: "Hi, Sweetie!", säuselt dann etwa Waterwhispers, die ihren Namen mit Fug gewählt hat, in dem Video "~♥~ Let me take care of you ~♥~": "You got a fever, Hon", um dann mit einem Tuch die Kamera abzutupfen, resp. die Stirn des fassungslosen Patienten. "Es ist nicht lustig, krank zu sein", bedauert sie, um fragt: "Geht es dir jetzt ein bisschen besser?"

Solche Videos werden ASMR-Rollenspiel genannt. ASMR steht für "Autonomous Sensory Meridan Response", und das soll so etwas wie angenehme, ja Lustgefühle beschreiben, die offenbar ganz viele Menschen bei bestimmten sensorischen und psychologischen Sensationen erfahren.

Die Darstellerinnen sind durchweg jung, attraktiv, rehäugig, absolut höflich und zuvorkommend. Und vor allem sind sie sanft. Sanft in der Stimme, flüsternd, beruhigend. Und lieblich im Augenaufschlag. Wenn Einhörner eine Freundin hätten, diese Damen wären jede für sich, beste Einhorn-Freundinnen.

Das Video mit der Fieberkur von Waterwhispers ist in einem Dreivierteljahr mehr als 80.000 Mal auf Youtube angeklickt worden. Sicher, das sind keine Gangnam-Style-Dimensionen, aber Waterwhispers ist ja auch nicht die einzige, die - zum Teil unfassbar lange - Videos als ASMR ins Netz stellt. Dieses Rasier-Video hier dauert fast eine Dreiviertelstunde: Man wird rasiert - mit "weniger Hautirritationen. Du wirst dich just wonderful fühlen."

"Heather Feather", die eine ganze Reihe Beruhigungs- und Einschlafvideos im Portfolio hat, kommt selten mit weniger als einer Stunde Sänftelsäuseln aus.

Das Wispern, das zarte Streicheln über Oberflächen, das sanfte Tickeln mit den Fingernägeln auf rauem Untergrund, der beruhigende Inhalt des Gesagten. Wenn man "ASMR" bei Youtube eingibt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier etwa noch einmal "Heather Feather" beim Haarebürsten - dauert über eine Stunde. Erst werden nasse Haare gebürstet, dann geföhnt, dann weiter gebürstet. "Keine Sorge", sagt sie, "das Föhnen wird dich nicht erschrecken." In "Long Hair Brushing Session for Relaxation" heißt es: "Ich hoffe, dieses Video gibt dir eine Menge Tinkles!", so Heather.

Die deutsche ASMR-Site hätte "Tinkles" wohl mit "Kribbeln im Kopf" übersetzt. Es trete auf, wenn Menschen "verschiedene Dinge hören oder sehen. Wir nennen diese Auslöser visuelle oder auditive Trigger. Das Kribbeln im Kopf ist manchmal sehr intensiv und führt bei den ASMR-Befähigten zu einem rauschähnlichen, manchmal tranceähnlichen Zustand. Das Kribbeln tritt in verschiedenen Stärken auf - es durchzieht den Kopf, bzw. Teile des Kopfes und ist vergleichbar mit einem Schauer, der einem Menschen über den Rücken laufen kann - nur im positiven Sinne."

Es ist in der Tat ein völlig befremdend verwirrendes Video-Format, wenn etwa "amalzd" einen "Customer Service" mit einem solchen Wimpernschlag dahinhaucht, dass einem ganz blümerant wird und der erotische Aspekt des Formats nicht geleugnet werden kann.