Theater Alle Lebensfreude zerfällt

Ein Akt der Verzweiflung: Liviu Holender als Hans Scholl in der Kammeroper "Weiße Rose".

(Foto: Christian Pogo Zach)

Mit Udo Zimmermanns 1967 in Dresden uraufgeführter Jugendoper "Weiße Rose" erinnert das Staatstheater am Gärtnerplatz an Hans und Sophie Scholl.

Von Klaus Kalchschmid

Unvergessen sind die Filme mit Lena Stolze als Sophie Scholl von 1982: Michael Verhoevens "Die weiße Rose" und "Fünf letzte Tage" von Percy Adlon, der schon im Titel die Konzentration auf den Gefängnisaufenthalt an der Seite einer Mitgefangenen beschreibt. Vier Jahre später wurde die definitive Fassung von Udo Zimmermanns Kammeroper "Weiße Rose" an der Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt, die den Focus sogar nur auf die wenigen Stunden der Geschwister Scholl richtet, bevor sie in Stadelheim ermordet wurden. Zimmermanns erste Version der speziell für Jugendliche konzipierten Oper, die noch weitere fünf Mal in Vormittagsvorstellungen am Gärtnerplatz aufgeführt wird, hatte bereits 1967 Premiere, war mit 100 Minuten fast doppelt so lang wie die späteren, heute nur noch gespielten "Szenen für zwei Sänger und 15 Instrumentalisten" und sah auch ein viel größeres Orchester vor; außerdem ließ sie neben anderem Personal weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe wie Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber auftreten.

Wer jetzt in den Katakomben des Gärtnerplatztheaters das neue, sonst als große Probebühne genutzte Studio betritt, der muss sich einen Platz in den Stuhlreihen suchen, die auf drei Seiten um die ebenerdige Spielstätte aufgestellt sind, während das kleine, solistisch besetzte Orchester auf der vierten Seite wie hinter einem Portal agiert. Ebenerdig ist hier wörtlich zu verstehen, denn über Plastikplanen, die vier Hügel und den Raum dazwischen überdecken, ist eine Art Torf verstreut, der sich im Lauf einer knappen Stunde immer mehr an Kleidung, Haare und Gesicht der beiden Protagonisten heftet, als hätte man sie schon aus dem Grab geholt. Immer wieder fallen die zu wunderbar intensivem Singen fähige Sophie Mitterhuber und der wie mit erstickter Stimme oft fast tonlos flüsternde Liviu Holender zu Boden und scheinen einzuschlafen, oder sie erklimmen einen der Hügel, als wollten sie ihn für eine Botschaft aus den Mauern des Gefängnisses nutzen.

Eine einsam hängende, kugelförmige Lampe scheint in der Inszenierung von Lukas Wachernig den Mond zu symbolisieren, über einem Mini-Milch-See flackern immer wieder dünne Neonröhren auf, die sich gegen Ende wie ein Kerker-Gitter auf die Geschwister senken. Die weißen Rosen, die wie ein Mahnmal aus dem Boden ragen, sind am Ende plötzlich schwarz (Bühne und Kostüme: Stephanie Thurmair).

Hans und Sophie singen und sprechen gegen den Tod an und gegen die Verzweiflung; alle Lebensfreude zerfällt angesichts der unausweichlichen Hinrichtung in Erinnerungsfetzen und poetische Reflexionen, aber dennoch ringen sie um Fassung und bleibt das Vertrauen auf eine höhere Macht, welches sich in eine unbedingte Sehnsucht wandelt: "Mein Gott, zerstör in mir, was mich noch von dir trennt, und reiß mich mit Gewalt zu dir."

Die Musiker des Gärtnerplatz-Orchesters spiegeln unter der Leitung von Andreas Partilla mit einem Höchstmaß an Einfühlung und differenzierten Farben diese Gedankensplitter und aufbrechenden Gefühle der beiden Geschwister aufs Schönste: Das klingt manchmal (volks-)liedhaft zart, dann wieder martialisch, reißt musikalische Welten auf oder verkümmert. Am Ende gibt es keine Musik mehr und kein Singen, sondern nur zwei nackte Fragen: "Habe ich als Soldat ein Recht auf den Erschießungstod?" Und: "Sterbe ich durch den Strick oder durch das Fallbeil?"

Weiße Rose, weitere Aufführungen am 20. und 22. März sowie am 10., 12. und 16. April, jew. 10.30 Uhr, Staatstheater am Gärtnerplatz