Verstorbener Motörhead-Frontmann 100 Fragen an ... Lemmy Kilmister

Volle Dröhnung: Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister bei "Rock im Park" 2004 in Nürnberg.

(Foto: dpa/dpaweb)

Wen begrüßen Sie mit Handkuss? Hasslieben Sie Hitler? Macht Headbangen dumm? 2003 stellte sich Lemmy Kilmister den 100 Fragen des "SZ Magazins" - die Antworten.

Von Moritz von Uslar

2003 durfte Moritz von Uslar Lemmy Kilmister 100 Fragen stellen. Anlässlich des Todes des Motörhead-Sängers veröffentlichen wir das Gespräch erneut.

In einem jämmerlichen Hotel aus Pappmaschee hinter der Papptür Nummer 25 sitzt das Metalmonster Lemmy Kilmister. Halbes Stündchen Interview. Dann Soundcheck. Lemmy: schwarzer Reiter, Antichrist, schönstes aller Scheusale, das Warzengesicht des Rock'n'Roll. Seit 1975 ist er Sänger und Bassgitarrist von Motörhead, "der lautesten Band der Welt" (New York Times). Es gibt wenige hübsche Interviews mit ihm, weil seine Themen - Weltkriege, Warzen, Pornos, Tod - ja ganz in echt eisenhart, ekelhaft, stumpfsinnig böse sind. Er heißt nicht Tony Blair. Er ist Lemmy! Lemmy! Lemmy! von Motörhead - Abfall, Albtraum, epileptischer Anfall, der Dreck unter deinen Fingernägeln!

Adieu, dunkler Gegenpapst

Der Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister benannte die Vergeblichkeit, Lächerlichkeit und Grausamkeit der Menschheitsgeschichte schonungslos. Erlöserische Heilsversprechen? Nicht mit Lemmy. Nachruf von Jörg Scheller mehr ...

Man weiß ja, das Böse zieht vor allem liebe Menschen, Gymnasiasten und Herrn Andrack von der Harald Schmidt Show an. Er öffnet, noch während man anklopft. Er schlurft, Haare hinters Ohr streichend, in seinen berühmten weißen Cowboystiefeln zurück zur Whiskyflasche auf dem Tisch. Schnaufen, alles sonstige Geräuschvolle, das aus Männern kommt. Gefärbte Haare, gefärbter Bart. Sein Trick ist, dass er schon vor dreißig Jahren alt aussah.

Grau-weiß-rot gepunktete Alkoholikerhaut. Um seinen Hals ist ein Wehrmachtskreuz mit den Zahlen "1914-16" gezurrt. Das eigentlich Irre ist, dass es einen wie ihn heutzutage überhaupt noch gibt: einen Rocker! Rührend! Er säuft echt! Man erkennt außerdem seine klugen Augen, Humor, ein Herz für schlechte Witze. Das wird was, solange der Whisky reicht. Zum Fragekonzept: das Härteste zuerst, dann langsam weich werden - so wie das Leben. Man hat natürlich ständig Angst davor, dass er einem ein Ohr abbeißt, verdammt! Sein Atem. Klingeln der Eiswürfel. Zigarette brennt.

1) Wissen Sie, wo Saddam steckt?

Nein. Wissen Sie's? Sie kriegen einen Orden, wenn Sie es den Amerikanern verraten. Langsam wird es verdächtig. Sie haben ihn, wollen ihn uns aber nicht zeigen, damit das Gespenst Saddam weiter über uns schwebt.

2) Wenn Sie Saddam persönlich bekämpfen müssten, welche Waffe würden Sie wählen?

Ein Maschinengewehr. Er kriegt ein Messer.

3) Halten Sie persönlich Massenvernichtungswaffen versteckt?

Es gibt sie ja nicht! Man hat nie Massenvernichtungswaffen gefunden!

4) Welche UN-Resolution akzeptieren Sie?

Jede. Ganz gleich. Amerika hat vorgemacht, dass man auf die UN nicht mehr zu hören braucht. Jeder Club ist so gut wie seine Mitglieder.

5) Wer ist schlimmer: Saddam oder Sie?

Eindeutig er. Ich muss keine Menschen töten, um mein Ego zu befriedigen.

6) Einverstanden, dass Saddam wie ein Gentleman aussieht?

Jeder Geschäftsmann sieht so aus. Die meisten Arschlöcher sehen so aus.

7) Richtig, dass Sie wie ein Gentleman aussehen?

Nein. Ich benehme mich wie einer.

Sein Whisky. Gurgeln, Schlucken. Aaaah ... ! Jetzt sind auch noch alternde Metalmonster geistesgegenwärtige Menschen! Unfassbar. Seine Stimme klingt unerwartet hoch (Lemmy von Motörhead könnte Staying Alive von den Bee Gees singen). Seine Mimik wirkt flink und schwerelos. Jetzt klimpert er mit dem Glas neben seinem Ohr, zieht dabei eine Augenbraue hoch. Tanzende Augenbrauen!

8) Richtig, dass Sie über einen Universitätsabschluss in Neuerer Englischer Geschichte verfügen?

Das stimmt nicht. Ich habe nie eine Universität besucht.

9) Welchen Paartanz beherrschen Sie?

Tango.

Lemmy - von 1945 bis in alle Ewigkeit

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10) Wen begrüßen Sie mit Handkuss?

Königinnen.

11) Wahres Gerücht, dass Sie Ihre Liebeskonkurrenten bei Duellen im Mondschein zu erledigen pflegen?

Nein. Ich habe keine Konkurrenten.

12) Sind Sie das alte Europa?

Das alte Europa! Ihr Arschlöcher!

13) Was ist "deutsche Leitkultur"?

Irgendeine Agenda, oder? Kultur ist alles, was das Bewusstsein der Bevölkerung erweitert. Oder? Sagen Sie es mir!

14) Ein Beweis, dass Sie ein zivilisierter Vertreter der britischen Rockmusik sind?

Das ist Ihr Job. Ich werde mich an Spekulationen nicht beteiligen.

Er leckt sich über die Lippen, weil ihm die Antworten, die er gibt, so gut schmecken. Glückwunsch! Gluckgluck. Schön zu sehen, wie sich so ein Whisky als Belohnung für die eigene Schlagfertigkeit eignet. Ist man mal nicht so lustig, gut - dann genehmigt man sich trotzdem einen. Bis hierher: was für ein heller, sympathischer, souveräner Mann. Nun müssen wir runter, tief runter in Abgründe. Dorthin, wo die Dämonen wohnen.

15) Immer noch überzeugt davon, dass Hitler einen guten Bassgitarristen abgegeben hätte?

Er spielte Klavier - ein jämmerlicher Klavierspieler. Goebbels war der Begabtere.

16) Welche Hitler-Biografie empfehlen Sie?

Die von Joachim Fest.

Yeah. Das klingt auf Englisch natürlich ziemlich gut. "The one by Joaquim Fest."

17) Ihr Lieblingsmoment im Zweiten Weltkrieg?

Als sie Frankreich überrannten. In nur drei Wochen. Ha! Und die Franzosen waren so stolz, so selbstbewusst. Ihr Heerführer saß in einem Schloss ohne Telefon. Als die Deutschen kamen, schickten sie einen Fahrradrekruten zur nächsten Poststation.

Herrlich. Mit Lemmy noch einmal den Weltkrieg erleben. Lächeln, bisschen ein schamhaftes. Damit eine Gesprächspause zur Vergewisserung von gegenseitigem Verständnis einsetzt: ob sein Humor, der englische, gut ankommt. Kommt. Sitzt.

18) Weshalb lieben die Engländer Hitler so wahnsinnig?

Wir mögen die bösen Buben. Du möchtest nichts über langweilige Landwirtschaftsreformen hören. Du willst, dass Mackie Messer wieder zuschlägt.

19) Korrekt, dass England noch immer den Zweiten Weltkrieg kämpft?

Wir haben seitdem ja nichts gewonnen. Den Falklandkrieg? Den zweiten Irakkrieg? Höre ich da Saddam lachen?

20) Hasslieben Sie Hitler? Oder ist es einfache, pure, ungetrübte Liebe?

Hätte ich ihn getroffen, hätte ich mich wohl unfassbar gelangweilt. Er war sehr langweilig. Er saß da und hielt stundenlange Monologe. Seine Visionen - oh je. Sein Nest in den Bergen muss der deprimierendste Ort auf Erden gewesen sein.

21) Ihr Minderwertigkeitskomplex gegenüber Hitler?

Sein Talent war seine Redekraft, das muss man anerkennen. Niemand kann das analysieren. Er war der zwingende Redner des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach Hitlers Charisma kam nur noch Ozzy Osbourne, aber - Ozzy kann singen! Ganz Europa war voll von Faschisten, aber ihn, Hitler, packte niemand. Eine Zeit lang packte ihn niemand. Er war der Unaufhaltsame.

Bla. Es sprechen der Pub, deutscher Stammtisch, internationaler Hardrock-Stumpfsinn, ein alter Mann, der nicht dabei war. Gefasel. Er merkt es nicht. Runter, weiter runter - bis man auf den Grund in Lemmys Kopf, einen Boden im Gewurl seiner Gedanken stößt.

22) Das wertvollste Stück in Ihrer Nazi-Andenkensammlung?

Ein Hakenkreuz-Silberbesteck, Hakenkreuz-Leinenservietten, die Originalfahnen von Hitlers Leibstandarte, Helme, Totenköpfe, Dolche aus Damaszener Stahl. Preise richten sich danach, ob Hitler das Zeug persönlich in der Hand hatte - was für ein Quatsch. Ich komme kaum noch in meine Wohnung rein, ohne über Nazikrempel zu stolpern.

23) Mal mit einem SS-Dolch am Gürtel eine Hochzeit besucht?

Was für ein Typ sind Sie? Nein, das würde ich nie tun. Aber auf einer Kostümparty in Hollywood bin ich in voller SS-Uniform aufgetreten.

24) Ihnen bekannt, dass Hitler viele Millionen Menschen, die Kunst und unzählige Gedanken getötet und die Welt ins Unglück gestürzt hat?

Ja. Total. Immer da.

Er pocht sich zwischen die Augenbrauen.

25) Der größte Blödsinn, den Sie je über Hitler erzählt haben?

Hoffe: nichts. Ich war nicht da. Ich habe damals nicht gelebt.

Er ist selbstverständlich: kein Nazi. Er gehört der Generation an, deren Eltern (England) die Nazis bekämpft haben. Uns Nachgeborenen (Deutschland) bleiben Staunen, Unwohlsein, Beklemmung, schamhaftes Grinsen: hihi! Darf man Unsinn über die Nazis reden? Nein. Die vorstellbare andere Antwort: vom Standpunkt der Opfer, von Lemmys Standpunkt aus betrachtet - natürlich.

26) Ihr Standardargument, dass Sie kein Nazi sind?

Meine Freundin in Los Angeles ist schwarz.

27) Vielleicht noch ein Argument, das nicht erfunden ist?

Ich lüge nicht. Sie heißt Cheryl und hat am 20. April, Führers Geburtstag, Geburtstag - ist das verrückt? Aber es ist die Wahrheit. Rassismus ist das Übel unserer Welt. Nazi sein bedeutet, dass du verloren hast, bevor du anfängst. Du kannst nicht gewinnen. Du bist nur dumm.

28) Ihr Friedenslied?

Mein Friedenslied...Das Problem mit Friedensliedern ist doch, dass sie keinen Frieden stiften. Politiker mögen Friedens-lieder. Politiker küssen Babys, um an der Macht zu bleiben! Können Sie sich das vorstellen? Anderer Leute Babys küssen? Ich küsse nicht mal meine eigenen Babys!

29) Lemmys Botschaft an alle Nazis der Welt?

Vergesst es. Es ist vorbei.

Neustart, neue Gläser, neues Eis. Kinder, was wären wir ohne Whisky! Man merkt ihm an, dass ihm ein Themenwechsel recht ist. Noch sind wir nicht betrunken. Nervosität.

30) Haben Sie überhaupt gedient?

Ich wurde nicht eingeladen. Weißer Jahrgang. Ian Kilmister, geboren 24.12.1945 in Stoke-on-Trent, Staffordshire, Großbritannien.

31) Irgendeine höhere Bedeutung, dass Jesus und Sie am gleichen Tag geboren sind?

Er hat am 25. Geburtstag, oder?

32) Irgendeine Bedeutung, dass Robbie Williams und Sie in derselben Stadt geboren sind?

Sind wir? Keine Bedenken. Süßer Typ.

33) Ihre früheste Erinnerung?

Ich steh im Laufstall, klammere mich an den Stäben fest und brülle. Ich muss wohl geprobt haben.

34) Eine Spätfolge des Kriegs, die Sie als Kind erlitten haben?

Die Scheidung meiner Eltern. Mein Vater, Pilot der Royal Air Force, wollte ein Kind zeugen, bevor er in den Krieg zog. Ich bin, so gesehen, eine direkte Konsequenz des Kriegs.

35) Was hätten Sie Little Richard gern gefragt?

Oh, ja! Ich möchte ihn fragen, wie er so dumm sein konnte, sich bei Nacht an einer Bushaltestelle in Georgia mit drei Kerlen mit heruntergelassenen Hosen erwischen zu lassen! Wir haben 1956. Der Mann ist schwarz, schwul, nackt in Georgia! Und das Radio spielt seinen dritten Nummer-eins-Hit. Wunderbar. Er war der Superfreak, der Urschrei des Rock'n'Roll.

36) Ein Eindruck, den John Lennon im Club "The Cavern" auf den 16-jährigen Lemmy machte?

Er feuerte sein Publikum mit "Heil Hitler"-Rufen an - verrückter Vogel. Den Drive hatte er von den Exzessen auf der Reeperbahn mitgebracht.

37) Gerade Lust, über die Beatles zu schwärmen?

Ohne sie wäre niemand von uns hier. Sie haben das Prinzip Band erfunden. Vorher stand ein Mann vorn, hinter ihm spielten die Begleitmusiker.

38) Wie viel bezahlte Ihnen Jimi Hendrix 1967 für zehn Acidpillen?

Damals waren es Schilling. Ein Schilling pro Trip. Wechselkurs 1967: ein englischer Schilling gleich 50 Pfennig. Aber... wissen Sie: Es ist nicht einfach, sich an Abende zu erinnern, an denen dir Drachen aus der Tapete entgegenkamen. Wir bekamen das beste LSD.