Verschollenes Album von John Coltrane Als hätte man eine zehnte Beethoven-Symphonie entdeckt

Jedes Konzert ein geradezu spirituellen Erlebnis: John Coltrane live in Frankreich.

(Foto: imago/Philippe Gras)

Ein verloren geglaubtes Album von John Coltrane ist aufgetaucht. Es ist musikalische Höchstleistung und spirituelle Ekstase in einem.

Von Andrian Kreye

Am 29. Juni wird das Impulse Label ein lang verschollenes Album von John Coltrane veröffentlichen. Keine Studiofundstücke oder Archivschätze, wie sie zu Hunderten von legendären Musikern auf den Markt geworfen werden, sondern ein richtiges, fast fertiges Album, aufgenommen im Studio von Rudy van Gelder, in dem auf den Felsenklippen hoch über dem Hudson River nördlich von Manhattan ein sehr großer Teil der wegweisenden Jazzplatten der Fünziger- und Sechzigerjahre entstand.

Das ist für den Jazz eine Sensation, als sei ein verschollenes Beatles-Album aufgetaucht, eine zehnte Beethoven-Symphonie oder ein unbekanntes Schlüsselwerk Picassos. Den besten Vergleich fand Coltranes Zeitgenosse Sonny Rollins, der im Begleitheft sagt, das sei so bedeutsam, als "hätte man eine neue Kammer in der großen Pyramide gefunden". Was deswegen so treffend ist, weil Coltranes Gesamtwerk für den Modern Jazz, wenn nicht für die gesamte Musik des späten 20. Jahrhunderts ein heiliger Schrein ist, in dem seine Nachfahren bis heute immer neue göttlich schöne Töne und Tiefen entdecken.

Im Studio versuchten sie, die gemeinsame Intensität noch zu verdichten

"Both Directions at Once: The Lost Album" wird die neue Platte heißen. Im überdeutlichen Titel steht auch schon die musikgeschichtliche Analyse dieser Session, die John Coltrane am 6. März 1963 gemeinsam mit dem Pianisten McCoy Tyner, dem Bassisten Jimmy Garrison und dem Schlagzeuger Elvin Jones aufnahm. Die Formation wird das "Classic Quartet" genannt. Zum einen, weil er damit den Bop endgültig hinter sich ließ und sein eigentlicher Aufbruch ins musikalische Neuland begann. Sicher, mit Alben wie "Giant Steps" hatte er den Bop technisch, mit "My Favorite Things" auch kommerziell zu einsamen Höhepunkten geführt.

Mit Tyner, Garrison und Jones hatte er seine Jahrhundertkonstellation gefunden, in der sich sämtliche Sterne und Planeten zu einem perfekten Kraftfeld aufbauten, das auch das verschollene Album bestimmt. Coltrane und Tyner zettelten im Zusammenspiel eine harmonische Revolution an. Tyner löste die Akkordwechsel in immer neue Facetten auf, über denen Coltrane genau die Freiräume hatte, mit denen er sich von musikalischen Grenzen lösen konnte, um sich im Genialischen seiner Musik zu verlieren, das sich aus seinem kometengleichen Intellekt, seiner immer intensiveren spirituellen Sinnsuche und seiner Beschäftigung mit nichtwestlichen Musikformen speiste.

Elvin Jones entfachte unter den beiden am Schlagzeug ein Feuer, das sie immer noch weiter treiben konnte, während Jimmy Garrison die Fliehkräfte der drei so weit erdete, dass sie nicht, wie in Coltranes Spätphase, aus der Umlaufbahn des Stücks katapultiert wurden.

"Both Directions at Once", jene beiden gleichzeitigen Richtungen trafen sich genau an diesem Scheitelpunkt zwischen den musikalischen Höchstleistungen und spirituellen Ekstasen, die sich in der mittleren Phase Coltranes vereinten. Ein gutes Jahr nach diesem 6. März 1963 sollten die vier im selben Studio "A Love Supreme" aufnehmen, jenes Album, das weit über den Jazz hinaus die Musik und die Kultur des Westens prägen sollte. Das von Carlos Santana bis zu U2s Bono Rockstars zu Höhenflügen inspirieren würde, die damit ganze Stadien voller Menschen in Ekstase versetzen konnten, deren spirituelle Sinnsuche eher in der Glut eines Joints oder am Boden einer Bierdose endete.

Auch Coltranes Classic Quartet muss damals jedes Konzert zu einem geradezu spirituellen Erlebnis gemacht haben. Die meisten ihrer Platten wurden deswegen auch live aufgenommen. Im Studio aber versuchten sie, die Intensität ihres Zusammenspiels zu verdichten. Man hört das zum Beispiel im Stück "Impressions", das damals zum Kernrepertoire ihrer Auftritte gehörte und bislang nur in Live-Versionen vorlag.

Das Cover von "Both Directions at Once: The Lost Album".

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Welche Kraft Coltranes musikalischer Intellekt entwickelte, erkennt man im "Slow Blues". Für Modernisten war der Blues schon immer eine Herausforderung, weil es schwer ist, aus der schlichten Form so auszubrechen, dass sie trotzdem erhalten bleibt. Elf Minuten feuert Coltrane auf dieser Aufnahme eine Improvisation über das Schema, kurz nur unterbrochen von einem Tyner-Solo, das wie ein Boxenstopp für seine übertourigen Synapsen wirkt.

Coltrane hatte knapp zwei Jahre vor dieser Aufnahme von der Plattenfirma Atlantic zum kleineren, aber musikalisch mutigeren Label Impulse gewechselt. Wobei Labelchef Creed Taylor und Produzent Bob Thiele darauf achteten, dass Coltrane nicht ganz in die Avantgarde-Welt ausbrach. Er war zu seiner Zeit ja schon ein Superstar. "My Favorite Things" war 1961 als Single ein regelrechter Hit gewesen. Deswegen brachten sie auch das Classic Quartet immer wieder dazu, allgemeinverträgliche Platten aufzunehmen. Am Tag nach den Exkursionen für "Both Directions" waren sie zum Beispiel mit dem Crooner Johnny Hartman im Studio und nahmen ein weiteres Hitalbum auf. So findet sich auch auf dem verschollenen Album ein Zugeständnis an den Zeitgeschmack. Mit viel Zartgefühl spielt Coltrane "Nature Boy", eine Ballade, mit der sich Nat King Cole und Frank Sinatra 1948 in die Top 10 sangen.

Irgendwie gingen die Masterbänder der Aufnahme verloren. Man wusste um sie, aber fand sie nicht mehr. Coltrane hatte eine Referenzkopie mit nach Hause genommen, aber auch die geriet in Vergessenheit. Die Familie seiner ersten Ehefrau Juanita Naima Coltrane entdeckte das Band nun im Nachlass der Witwe und brachte sie zu Impulse. Coltranes Sohn aus zweiter Ehe, der Saxofonist Ravi, überwachte die Produktion und rekonstruierte die Reihenfolge, die seinem Vater wohl vorschwebte.

Sieben Stücke sind auf der Platte. Neben den drei genannten zwei unbekannte Stücke, die nach den Bandnummern 11383 (ein durchdringender Blues auf dem Sopran) und 11386 (eine Referenz an Coltranes Fassung des Musicalhits "My Favorite Things") benannt sind. Noch deutlicher bezieht sich Coltrane mit "Vilia" aus Franz Lehárs "Lustiger Witwe" auf seinen größten Hit. Mit "One Up, One Down" schießt Coltrane zum Schluss nochmals aus dem Bop in die Stratosphäre der Freiheit.

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Es war offensichtlich noch eine zweite Session geplant. Nicht alle Stücke sind fertig. Im Kanon wird das Album spät, aber doch seinen Platz finden.