Veröffentlichte Werke aus der Sammlung Gurlitt Jedes Bild zählt

Stand bei den Amerikanern auf der Liste der vermeintlichen Gurlitt-Sammlung: "Dame in der Loge" von Otto Dix.

(Foto: dpa)

Der erste Online-Blick in die Sammlung Gurlitt zeigt, wie schwierig es sein wird, die rechtmäßigen Besitzer zu ermitteln. Denn nicht nur die "Dame in der Loge" von Otto Dix, die unter den veröffentlichten Werken ist, hat eine Odyssee hinter sich.

Von Ira Mazzoni

Die Datenbank, auf die die Kunstwelt so dringend wartet, sie bricht erst einmal zusammen. Kurz nachdem am Montagabend die ersten 25 Werke auf der Website www.lostart.de der Magdeburger Koordinierungsstelle erscheinen, kollabieren die Server.

Die Seite selbst zeigt wenig, jedenfalls kaum Bilder, und diese nur in Schnappschüssen, die offensichtlich im Zolllager gemacht worden sind. Die Aufmachung verrät, dass nichts vorbereitet war und dass es die Veröffentlichungen ohne den Druck der Öffentlichkeit nicht gegeben hätte.

Wäre man den jetzt gewählten Weg früher gegangen, hätte man die weitgehend bekannten mutmaßlichen Voreigentümer rechtzeitig benachrichtigt und um Kooperation gebeten, was bis heute nicht passiert ist, hätte man die Recherchen als geschichtsbewusste Aufklärungsarbeit vermitteln können. Nun sieht die Welt nur Fehler und Ungeschicklichkeiten.

Nach einer Woche übernimmt also die Bundesregierung die Verantwortung. Endlich wurde der einzig mögliche Weg eingeschlagen, die Herkunft von 1400 Grafiken und Gemälden zügig und kompetent zu klären: Die dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien unterstellte Stelle für Provenienzrecherche und -forschung am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen Berlin wird das Gurlitt-Projekt steuern.

Wohl nicht richtig hingehört

Die Arbeitsstelle wurde eingerichtet, um die an deutschen Museen, Sammlungen, Bibliotheken und Archiven nötigen Nachforschungen zu "NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut" zu fördern.

Für das Gurlitt-Projekt wird nun ein sechsköpfiges Expertenteam zusammengestellt, das die insgesamt 970 verdachts-belasteten Werke überprüfen soll. Circa 590 Werke könnten, so heißt es, NS-verfolgungsbedingt entzogen sein - die Besitzer mussten sie unter Druck verkaufen oder abgeben. Die ersten dieser Verdachtsfälle werden nun veröffentlicht, samt Namen, Daten, und Ziffern, die sich auf der Rückseite der Werke befinden: karge Anhaltspunkte für Verfolgungsgeschichten.

Wenn solche Beschriftungen fehlen und es auf der Fundkartei dennoch eine eindeutige Provenienzangabe gibt - wie im Fall des Sammlers Fritz Salo Glaser -, dann werden die gefundenen Geschäftsbücher von Hildebrand Gurlitt enorm bei der Aufklärung helfen.

Vor kurzem hätte die Anwältin der Erben von Glaser noch nicht einmal Bildertitel nennen können. Nun stehen unter den ersten 25 Fundmeldungen allein 13 Werke mit der Provenienz Glaser. Darunter ist ein großes Aquarell des Kokoschka-Schülers Otto Griebel, "Kind am Tisch", das ohne weitere Angaben auf der Rückseite wohl allein aufgrund der erhaltenen Geschäftsunterlagen der Sammlung Glaser zugeordnet werden konnte.

Von Griebel befindet sich ein weiteres Aquarell, "Die Verschleierte", aus dem Jahr 1926 auf der Liste. Auf der Rückseite des Passepartouts steht "Dr. Glaser" - und die Nummer von der Beschlagnahmungsliste der Amerikaner. Unter 1977/17 findet man dort aber ein Bild von "Otto Grissel". Da hatte wohl der englischsprachige Protokollant nicht richtig hingehört.

Preziose mit bekanntem Verbleib

Laut Focus soll sich die Mappe eines Dresdner Sammlers mit 181 Papierarbeiten unter dem in Schwabing beschlagnahmten Konvolut finden. Alles Glasers ehemaliges Eigentum? Aufgrund des ebenfalls im Focus veröffentlichten Auszugs aus dem Geschäftsbuch Gurlitts ergeben sich für die Anwältin Sabine Rudolph, die den Fall Fritz Glaser betreut, weitere Verdachtsmomente: Dort war ein Ankauf Gurlitts aus der Kunsthandlung Heinrich Kühl vermerkt. Auch an Kühl hatte Glaser in seiner Not Bilder verkauft. Und der hat wohl fleißig weiter verkauft. Auch Kühls Nachkommen behaupten, die Geschäftsbücher seien im Krieg verbrannt.

Unter den veröffentlichten Funden ist auch die kleine, nur 17,5 mal 13 Zentimeter messende Zeichnung von Carl Spitzwegs "Das Klavierspiel". Auf der Rückseite steht vermerkt "Spitzweg aus der Sammlung geh. Rat Hinrichsen-Leipzig". Es ist die schon nach dem Krieg bei Hildebrand Gurlitt gesuchte Preziose aus dem Besitz des Leipziger Musik-Verlegers. Und ihr Verbleib war bekannt, wie das Spitzweg-Werkverzeichnis von 2002 beweist.