Verleger Ragip Zarakolu Leben in "angeblicher Demokratie"

Es wird dunkel, die Möwen hört man nicht mehr, man hört Grillen. Zarakolu steht auf, geht zu einem Bücherregal, er ist ein untersetzter Mann mit einem unruhigen, nach vorne kippenden Teddybär-Gang. Er streichelt die Bücher seiner verstorbenen Freunde, zeigt auf eine vergilbte Ausgabe von D. H. Lawrences "Lady Chatterley's Lover". Das Buch schildert die Liebe einer feinen Dame zu einem Arbeiter. Es enthält Worte wie "Penis" und "fuck" und stand deswegen in England jahrzehntelang auf dem Index. "Sie haben das Buch hier gelesen, als es in England noch verboten war."

Er sagt das fast nostalgisch, als würde er sich gerade lieber über prüde britische Aristokraten unterhalten als über türkische Nationalisten, die 40 Titel seines Verlags verboten haben. Bücher wie "Kurdistan, die internationale Kolonie" von Ismail Besikci, eine Studie der kurdischen Identität, die Sätze enthält wie: "Das kurdische Problem ist kein Minderheitenproblem. Kurden leben in Kurdistan in ihrer eigenen Heimat." Oder "Das armenische Tabu" des Franzosen Yves Ternon, das erste auf Türkisch erschienene Buch, das die Massaker von 1915 als Völkermord bezeichnete und wissenschaftlich untersuchte.

Bevor er zur Couch zurückkehrt, streift Ragip Zarakolu mit den Fingern nochmals über D. H. Lawrences "Lady", über Pasternaks "Doktor Schiwago", über Solschenizyns "Archipel Gulag": "So ist das Leben, du lebst und du stirbst, und dann kannst du keine Bücher mit dir mitnehmen."

Zarakolus erste Frau, Ayse Nur, starb 2002. Sie hatten den Verlag einst gemeinsam gegründet. Weil Belge auf ihren Namen registriert war, musste sie noch öfter ins Gefängnis als ihr Mann. Im Januar 1994 überlebten sie einen Bombenanschlag. Als Ayse Nur Zarakolu auf der Frankfurter Buchmesse 1998 mit einem Preis der Internationalen Verlegerunion ausgezeichnet wurde, durfte sie nicht zur Preisverleihung anreisen.

Wir sind immer wie ein Barometer gewesen", sagt Ragip Zarakolu. Bis 1991 wurden sie nach einem Paragrafen des Strafgesetzbuchs angeklagt, den sich Ankara vom faschistischen Italien abgeschaut hatte und der die Verbreitung linker Ideen unter Strafe stellte. 1991 wurde er abgeschafft und gleich das Terrorismusbekämpfungsgesetz verabschiedet. Ayse Nur Zarakolu wurde das erste Opfer dieses Gesetzes. Heute sind Ragip Zarakolu und ihr Sohn Deniz nach demselben Gesetz angeklagt.

"In einer Diktatur würde ich's wirklich verstehen", sagt Zarakolu. "Aber wir leben jetzt in einer angeblichen Demokratie. Der Westen nimmt das hin, weil geostrategische Interessen schwerer wiegen." Er sagt das nicht anklagend, nicht verbittert, er stellt das einfach fest, als würde er von einer höheren Gewalt sprechen, mit der man zurechtkommen muss. An westliche Medien glaubt er noch. Mit den türkischen spricht er nicht mehr. "Es gibt keine freie Presse bei uns. Sie legen mir einfach die Worte in den Mund, die ihnen gerade passen. Ich mache mir auch Sorgen um die Journalisten, die sich dem Druck ihrer Verleger widersetzen."

Zarakolu malt ein düsteres Bild. Eine Türkei, in der Medien und Gerichte nur dazu da sind, im Machtkampf zwischen der islamisch geprägten Regierung und den kemalistischen Eliten missbraucht zu werden. In einem Machtkampf, dessen Sieger und Verlierer sich gleichermaßen wenig für die Rechte von Kurden oder für die Aufarbeitung der spätosmanischen Geschichte interessieren. "Mit dem KCK-Verfahren werden keine Terroristen bekämpft. Türkische Intellektuelle sollen so daran erinnert werden, dass sie von bestimmten Themen die Finger lassen sollen."

Zarakolu ist in zweiter Ehe mit einer amerikanischen Fotografin verheiratet. Am Morgen des 28. Oktober, an ihrem Geburtstag, wurde er im vergangenen Jahr vor der eigenen Haustür von Polizisten in Zivil umringt. Er durfte seiner Frau nicht sagen, wohin und von wem er weggeschleppt wurde. Sie wurde erst gegen Mitternacht verständigt.

"Das letzte Mal hatte ich in Irland mit Antiterror-Polizisten zu tun. Da war ich aber als Beobachter einer Menschenrechtsorganisation unterwegs."

Die fünf Monate im Gefängnis nutzte Zarakolu dazu, sein Kurdisch zu verbessern. Er teilte die Zelle mit einem Kurdisch-Lehrer der Universität Uppsala. Dort schrieb er auch das Nachwort zur jüngsten Veröffentlichung des Belge-Verlags. Es ist die türkische Übersetzung von "Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts". In Deutschland ist das Buch des ehemaligen Spiegel-Redakteurs Wolfgang Gust vor sieben Jahren erschienen, nun ist die Übersetzung der fast 1000 Seiten fertig. Zarakolu bedankt sich im Nachwort beim armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der ihm das deutsche Original vorbeibrachte. Dink ist mittlerweile tot, er wurde im Januar 2007 auf offener Straße in Istanbul erschossen.

An diesem Abend will Zarakolu noch kurz nach Istanbul, sich mit einem Autor treffen. Auf der Terrasse sitzt seine Anwältin, mit Laptop und Bier. Sie hört Chris Reas "The Road To Hell". Zarakolu wirft sich ein paar Pistazien in den Mund und hält eine Pferdekutsche an. "Zum Kai."