Verlag Die Autorenflüsterin

Ihre Liebe zum Wort, "zu originellen Charakteren mit Falten, Furchen und Rissen" begleitet Brigitte Korn-Wimmer überallhin - auch in den Garten.

(Foto: Catherina Hess)

Vor knapp 25 Jahren gründete die Übersetzerin und Dramaturgin Brigitte Korn-Wimmer ihren Theaterstückverlag

Von Barbara Hordych

Fitz klaut Gips. Weil sie ein ganz besonderes Kunstwerk im Sinn hat: Sie will sich die Eheringe ihrer Eltern auf den Arm gipsen. Denn eigentlich, findet das zwölfjährige Mädchen, gehört deren Beziehung auch mal sechs Wochen unter Gips. So wie ein gebrochener Arm oder ein gebrochenes Bein. Die Uraufführung des wunderbar verrückten und anrührenden Romans "Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte" von Anna Woltz, der in der Kategorie "Kinderbuch" für den Jugendliteraturpreis 2017 nominiert ist, wird am 20. Oktober die Spielzeit an der Schauburg unter ihrer neuen Intendantin Andrea Gronemeyer eröffnen. Regie führt der niederländische Regisseur und Autor Theo Fransz.

"Theo ist schon bald nach Verlagsgründung zu uns gekommen, mittlerweile haben wir rund 17 Stücke von ihm im Programm", sagt Brigitte Korn-Wimmer, Leiterin des Münchner Theaterstückverlags. Im Fall von "Gips" hat sie den Vertrag mit der Übersetzerin aus dem Niederländischen, Andrea Kluitmann, organisiert. "Die beiden scheinen gut miteinander klarzukommen. Das ist bei der Arbeitsweise von Theo nicht unwichtig, denn er schreibt manchmal noch während der Proben. Eine Übersetzerin muss da also sehr flexibel und flink sein", erklärt sie bei der Begegnung in ihrem idyllischen Verlagsgarten mitten in Schwabing. Für "eine sehr kluge Wahl" halte sie "Gips" als Eröffnungsinszenierung. Und sie kann nur den Kopf schütteln über die Aufregung, die in München herrschte, als die neue Intendantin Gronemeyer ankündigte, auch Theater für jüngere Zuschauer machen zu wollen. "Ich kenne ihre Arbeiten vom Theater Mannheim und schätze sie als tolle Regisseurin", sagt Korn-Wimmer. "König Hamed und das furchtlose Mädchen" beispielsweise, das im November an der Schauburg gespielt wird, ist eine Übernahme aus Mannheim. Gronemeyers Bühnenfassung nach einem arabischen Märchen erscheint im Theaterstückverlag. "Ich meine, es ist ein Gebot der Fairness, sie erst einmal machen zu lassen, bevor man damit loslegt, sie zu kritisieren", sagt Korn-Wimmer.

2018 wird es 25 Jahre her sein, dass sie ihren Verlag gründete. Nach ihrem Hochschulabschluss in Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Italienische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität hatte sie zunächst vier Jahre als Dramaturgin an der Schauburg gearbeitet. Erst mit Jürgen Flügge, später mit George Podt und Dagmar Schmidt. Als dann ihr Sohn und drei Jahre später ihre Tochter auf die Welt kamen, gab ihr ein Bekannter, Franz Huber, bis vor zwei Jahren Chefdramaturg am Linzer Landestheater, den Tipp, ihre Expertise in einen eigenen Verlag für Theatertexte einfließen zu lassen. Nach einiger Überlegung griff sie den Vorschlag auf. Heute sind es 318 deutschsprachige und internationale zeitgenössische Autoren, die sie vertritt und 502 Stücke, die sie im Programm hat. Etwa zwei Drittel machen Stücke für Kinder- und Jugendtheater aus, das andere Drittel sind Schauspieltexte. Etwa 30 Stücke hat sie dabei aus dem Italienischen selbst übersetzt. Etwa "Flossenlos" von Valeria Cavalli, das im Juni als deutsche Erstaufführung im Jungen Theater Regensburg auf die Bühne kam oder "Gomorrha", die Bühnenfassung des Bestsellers von Saviano, die im April am Theater Konstanz Premiere hatte. "Vom Umsatz her sind wir ein mittelständisches Unternehmen, deutschlandweit spielen wir bei insgesamt 70 Bühnenverlagen in der Liga der ersten fünfzehn mit", beschreibt Korn-Wimmer ihren Verlag.

Was hat sich aus ihrem speziellen Blickwinkel geändert in den vergangenen Jahrzehnten am Theater? "Ich finde es extrem schade, wenn an den Theatern alles in diese Richtung geht, Texte zu zertrümmern, und die Sprachkunst der Schauspieler in die Ecke zu drängen", sagt sie. Gerade die Münchner identifizierten sich sehr mit "ihren" Schauspielern und bedauerten es, wenn diese das Theater verließen wie im Fall der Kammerspiele. Diesem Zeitgeist entgegen beharre sie als Verlegerin "auf meiner Liebe zum Wort, zu originellen Figuren und Charakteren mit Falten, Furchen und Rissen". Dabei versteht sie sich als erste Leserin und engste Vertraute ihrer Autoren, ja, als eine Art "Autorenflüsterin", der als Mittlerin zwischen der Berufswelt des Autors und den Anforderungen der Theaterwelt eine immer wichtigere Aufgabe zufalle. "Ich mache die Erfahrung, dass an den Theatern immer weniger dramatische Literatur gelesen wird, einerlei, ob es sich um Dramaturgen, Regisseure oder Schauspieler handelt." Jeder habe heute Zugriff auf alles. Man schaue fern, sehe etwas im Kino oder im Internet oder lese einen Bestseller und schon sei der Reflex da, darauf zu reagieren. Mit Textflächen, performativen Formaten, partizipativen Projekten. "Das kann man natürlich machen. Aber nicht ausschließlich, dann stimmt die Mischung auf den Spielplänen nicht mehr."

Bedauerlich sei es, "wenn inhaltlich dünne, mittelprächtige, halbgare, eigentlich bühnenuntaugliche Texte unreflektiert ihren Weg auf die Bühne finden". Dagegen schätze sie ein Theater, dem es um Reflexion, das Formulieren von Utopien und um stilistische Komplexität geht. Welche Gegen-Strategie fährt sie? "Ich muss Theatermenschen immer öfter persönlich ansprechen, um sie auf interessante Stücke hinzuweisen", sagt Korn-Wimmer. Schließlich gelte es, die virtuosen Autoren zu fördern, die imstande seien, "in den "Wassern der Sprache zu fischen".