Islam, Buddhismus und ein bisschen Feng-Shui: Im modernen Religionsgewimmel verliert man leicht den Überblick. Jetzt bahnt der "Verlag der Weltreligionen" einen Weg durchs theologische Dickicht.
Von einer gegenwärtig heranrollenden "religiösen Welle" kann in Deutschland nur reden, wer zuvor seine Augen gegen die konstante Präsenz gelebter und reflektierter Religion verschlossen hat. Zu beobachten ist allerdings ein sprunghaft gestiegenes Interesse an Religion. Weil deutlich geworden ist, dass religiöse Faktoren auch unter modernen Bedingungen tief eingreifende geschichtliche Wirkungen zeitigen, ist das Informationsbedürfnis gewachsen: Wie sind die gegenwärtig geschichtsmächtigen religiösen Denk- und Vorstellungssysteme gestaltet und strukturiert? Welche Orientierungspotentiale und Hoffnungsgehalte bieten sie an? Inwiefern sind von ihnen konstruktive oder destruktive Impulse für die Gestaltung eines gedeihlichen Zusammenlebens in einer kleiner werdenden Welt zu erhoffen oder zu befürchten?
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Karwoche in Madrid: Büßer bei der Prozession. (© Foto: dpa)
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Diese oftmals diffuse Fragehaltung repräsentiert der Essay von Ulrich Beck im Almanach "Religionen der Welt", allerdings im routinierten Soziologen-Jargon, der dem Leser suggeriert, der Autor habe immer schon alles verstanden. Gefragt ist also sachliche Information, die selbstverständlich immer vom persönlichen Engagement des Autors mitbestimmt sein wird - je deutlicher und unverhohlener, desto besser. Insofern ist es erfreulich, dass nicht nur von Berufs wegen "neutrale" Religionswissenschaftler das intensivierte Interesse an Religion produktiv aufnehmen, sondern auch Theologen und Kirchenleute.
Das Stichwort "Säkularisierung" im Titel eines von ihm mitherausgegebenen Sammelbandes, so betont Hans Joas einleitend, indiziert keinesfalls die Fixierung auf einen Blickwinkel, welcher die Religion allenthalben in Rückzugsgefechten sieht. Vielmehr war den Autoren eine an der religionssoziologischen Programmatik Ernst Troeltschs orientierte Agenda vorgegeben: Sie sollten die in den Religionen jeweils wirksame Normvorstellung von individuellem und sozialem Leben herausarbeiten und untersuchen, welche normativen Folgerungen aus diesem Ideal für die Selbstgestaltung der religiösen Gemeinschaft und der Gesellschaft insgesamt gezogen worden sind.
Ohne bei ihrem Lesepublikum mehr vorauszusetzen als Interesse, zeichnen der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann und der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf eindrückliche Bilder des Selbstverständnisses ihrer jeweiligen Kirche beziehungsweise Konfessionsfamilie. In die gemeinsame Vorgeschichte führt der Alttestamentler Eckart Otto: Im produktiven Gespräch mit Max Webers einschlägigen Arbeiten zeigt er, wie in der Geschichte des Volkes Israel die Welt einerseits entgöttlicht wurde und anderseits in ganz neuartiger Weise als Gegenstand religiös-sittlich gesteuerter Gestaltungsarbeit ins Bewusstsein trat.
In vergleichbarer Weise behandeln Gudrun Krämer den Islam, Heinrich von Stietencron den Hinduismus und Rudolf G. Wagner Konfuzianismus und Buddhismus. Zwei weitere Beiträge behandeln klassische Konfliktfelder, das Verhältnis von Staat und Kirche sowie das von Naturwissenschaft und Weltanschauung. Beschlossen wird der Band "Säkularisierung und die Weltreligionen" von Einzelstudien, die eine Momentaufnahme der religiösen Weltlage liefern, welche allerdings unvollständig ist: Das gesamte östliche Christentum (Russland!) fehlt. Dennoch ist dieses Buch, weil es aktuelle Gegenwartsanalysen mit historischen Einblicken verbindet, allen Interessierten ohne Einschränkung zu empfehlen.
Der Almanach "Die Religionen der Welt" ist nicht mehr und nicht weniger als die Planskizze zu einem literarischen Pantheon, das in den nächsten Jahren aufgeführt werden soll. Mit dem "Verlag der Weltreligionen", einer Tochtergründung der zusammengehörigen Verlage Suhrkamp und Insel und damit einer Schwester des Deutschen Klassiker-Verlags, wurde für dieses Großprojekt eigens eine Baufirma ins Leben gerufen und eine illustre Reihe von Architekten und Subunternehmern angeworben. An der Spitze steht ein Wissenschaftlicher Beirat von Gelehrten aus ganz unterschiedlichen Fächern, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Religion befassen. Wie umfassend die Aufgabenstellung ist, zeigt sich schon daran, dass "Weltreligionen" schlicht "die vielen Religionen der Welt" meinen soll, womit auf jede inhaltlich begründete Begrenzung von vornherein verzichtet wird.
In die Planung einbezogen sind bis jetzt (nach Herkunftsbereich) die Religionen Indiens, Japans und des Vorderen Orients. Gegenwärtige Wirksamkeit scheint nicht das alleinige Auswahlkriterium zu sein, so sollen mit Gnosis und Manichäismus auch religiöse Phänomene der Antike/Spätantike mit eigenen Abteilungen bedacht werden. Warum allerdings die klassischen griechischen und römischen Religionen ebenso fehlen wie die der Germanen, ist nicht ersichtlich.
Breiten Raum nimmt im "Almanach" die Präsentation des ehrgeizigen Publikationsprogramms ein. Die Planungen befinden sich in unterschiedlichen Stadien: Während sie beispielsweise bei Christentum und Islam schon weit gediehen sind, muss sich der Leser bei Gnosis und Manichäismus mit sehr vagen Absichtserklärungen begnügen. Das Gesamtkonzept ist gigantisch. Präsentiert werden sollen zunächst die "Quellentexte" der Religionen in ausführlich kommentierter deutscher Übersetzung.
Das Programm ist beherrscht von dem Willen, möglichst schnell und massiv auf den Markt zu kommen: Lesen Sie weiter.
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